Joachim Gauck in München:"Dann: Intoleranz!"

Vortrag von Bundespräsident a. D. Joachim Gauck, 2021

Kämpferischer Auftritt in der Allerheiligen-Hofkirche: Alt-Bundespräsident Joachim Gauck.

(Foto: Robert Haas)

Angesichts wachsenden Judenhasses ruft Alt-Bundespräsident Joachim Gauck in der Residenz dazu auf, für die Demokratie zu kämpfen - und er beschreibt, wann Schluss sein muss mit Diskutieren.

Von Jakob Wetzel

Was muss man ertragen, und wann reicht's? Am Ende dieses Abends findet Joachim Gauck darauf noch eine deutliche Antwort. "Wir brauchen ein werbendes Miteinander", zumindest grundsätzlich, sagt der 81-jährige frühere Bundespräsident zunächst. Doch wenn alles Diskutieren nichts bringe, alles Streiten und alles Werben, "wenn alles nichts nützt und ich weiß: Ich habe es mit Halunken zu tun", sagt Gauck. "Dann: Intoleranz!"

Es ist ein kämpferischer Auftritt, den Joachim Gauck an diesem Dienstagabend in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz hinlegt. Es steht ja auch einiges auf dem Spiel. Die Zahl antisemitischer Straftaten steigt seit Jahren, auch in Bayern. Der Beauftragte des Freistaats gegen Antisemitismus, Ludwig Spaenle, und der Präsident der Ludwig-Maximilians-Universität, Bernd Huber, haben Gauck nun eingeladen, um angesichts des zunehmenden Judenhasses über Toleranz zu sprechen - und über deren Grenzen. Im coronabedingt luftig bestuhlten Saal sitzen nun viele jüngere Zuhörer: Nachwuchsjournalisten, junge Polizistinnen und Polizisten, Schülerinnen und Schüler. Und der Alt-Bundespräsident ermutigt sie zu streiten.

Dabei spricht Gauck gar nicht erst über die jüngeren Vorfälle, über Anschläge auf Synagogen oder antisemitische Banner auf Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen. Er schlägt an diesem Abend einen weiten Bogen, spricht von den 1700 Jahren jüdischen Lebens auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands, die in diesem Jahr gefeiert werden. Doch die ganze Geschichte, sagt Gauck, sei im Wesentlichen eine der Intoleranz gewesen. Jede Form von Antisemitismus verdiene Wut und Empörung, sagt er. Dass heute jüdische Menschen überhaupt wieder in Deutschland leben wollten, in einem Land, "in dem früher Mörder regierten", nannte er ein Demokratiewunder. Im Zentrum aber solle an diesem Abend ein anderes Motiv stehen: die Toleranz.

Es ist zwei Jahre her, da hat Gauck ein ganzes Buch geschrieben über diesen Begriff und dessen Tücken. Es heißt "Toleranz, einfach schwer", denn manchmal habe er gespürt, wie normal es sei, tolerant zu sein, erklärt Gauck. Und wie schwer zugleich, das immer durchzuhalten.

Doch muss man das überhaupt? An diesem Abend plädiert der frühere Bundespräsident für eine "kämpferische Toleranz", wie er sie nennt, das heißt: für Selbstbewusstsein und den Mut zur Auseinandersetzung. Man dürfe Toleranz nicht mit einer Haltung der Art "Mach doch, was du willst" verwechseln, sagt er. Daheim in Berlin stoße er häufig auf diese Haltung, aber das sei nicht Toleranz, das sei Indifferenz, "ein gewisses Maß an gediegener Beknacktheit". Harmonie sei kein Selbstzweck, in einer vielfältigen Gesellschaft könne es nicht nur harmonisch zugehen. Streit gehöre zum Lebenshauch einer lebendigen Demokratie: Das Einatmen sei die Suche nach einem Konsens, und das Ausatmen sei der Streit.

Mit wem? Gauck spricht an diesem Abend nicht nur von Streit mit Antisemiten oder Rechtsextremisten, etwa von der AfD, einer Partei, "von der viele von uns denken, sie sei überflüssig, zum Beispiel ich", und die nicht zwischen völkischen Nationalisten und "heimatlosen Konservativen" differenziere, wie Gauck sagt. Sondern er spricht auch von Linksextremen, von islamistischen Fanatikern und von Zuwanderern, die das Grundgesetz und die dort verankerten Freiheitsrechte ablehnen. "Wenn Menschen beständig gegen ein zivilisatorisch eingeübtes Verhalten auftreten, dürfen wir einschreiten", sagt der frühere Bundespräsident. "Da sollen wir streiten. Und nicht nur so tun. Sondern auch gewinnen wollen!" Schon die Weimarer Republik sei daran zugrunde gegangen, dass es keine Demokraten gab, die sie verteidigten.

Und auch diese kämpferische Toleranz habe eine Grenze, mahnt Gauck. In die Köpfe der Demokraten gehöre auch die "Fähigkeit zur Intoleranz". Man dürfe zwar nicht alle Wähler rechtspopulistischer Parteien gleich zu Nazis abstempeln, doch denen gegenüber, die selber Intoleranz predigten, Hass und Menschenfeindlichkeit, sei Toleranz verkehrt. "Wir werden nicht im Schlafwagen unsere Demokratie retten können, und auch nicht als Zuschauer", sagt Gauck. "Tolerieren und Verteidigen gehört zusammen."

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