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Deutschland-Reisen:Nationalparks von Watt bis Wald

Der Bayerische Wald wurde vor 50 Jahren zum ersten Nationalpark Deutschlands, inzwischen ziehen 16 Parks Besucher an - ein Überblick von Nord nach Süd.

Von Eva Dignös, Irene Helmes und Katja Schnitzler

Manche Nationalparks in Deutschland sollen schützen, was da ist - und andere der Natur Raum geben, um wieder zu dem zu werden, was sie war. Davon profitieren Pflanzen, Fische, Insekten, Säugetiere und Vögel, die in den Wäldern, an Küsten oder hoch in den Bergen eine Nische zum Leben finden. Oder einen Platz zum Ausruhen während des anstrengenden Vogelzugs. Es profitieren aber auch die Menschen, wenn sie die Natur nicht mehr ausbeuten (dürfen): Die deutschen Nationalparks sind beliebt bei Wanderern, Rad- und Kajakfahrern sowie Reitern - und denen, die am Wochenende einfach ein wenig Wildnis genießen wollen. Ein Überblick der 16 Nationalparks in Kurzporträts, vom Norden Deutschlands über die Mitte bis zur alpinen Grenze im Süden.

Im Norden: Wattenmeer, Vorpommersche Boddenlandschaft und Jasmund, Müritz und Odertal

Wattenmeer, Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein

Entlang der Nordseeküste ziehen sich drei Nationalparks - Niedersachen, Hamburg und Schleswig-Holstein schützen so ihr einzigartiges Wattenmeer. Auch Teile von Inseln wie Borkum, Wangerooge und Norderney gehören dazu. Ebbe und Flut, das Wetter und die Jahreszeiten sorgen dafür, dass alles stets im Fluss bleibt. Luftbildpanoramen auf der Webseite der Parks geben einen Eindruck der Weite und Vielfalt.

Was wächst und lebt hier? Salzwiesen liegen zwischen Meer und Land und erblühen immer wieder neu. Viele Lebewesen sind erst auf den zweiten oder dritten Blick erkennbar im Wattenmeer, etwa die zahllosen Schnecken, Muscheln und Krebse.

Aber es geht auch ein paar Nummern größer: Seehunde und inzwischen auch wieder Kegelrobben gehören zu den ständigen Wattbewohnern. Gerade wegen des damaligen Sterbens der Kegelrobben wurde der Hamburger Nationalpark 1990 überhaupt gegründet. In Friedrichskoog steht eine Seehundstation für Besucher offen. Schweinswale werden zumeist im Frühjahr gesichtet - dabei können auch Touristen der Wissenschaft helfen, indem sie ihre Beobachtungen melden. Den größten und offensichtlichsten Artenreichtum bietet aber die Vogelwelt: Eiderenten, Austernfischer, Brandgänse, Kiebitze und Seeschwalben fliegen und vor allem brüten hier. Das laut Nationalparkverwaltung vogelreichste Gebiet Europas spielt zudem besonders für Zugvögel eine wichtige Rolle.

Wer sollte hinfahren? Glücklich werden also Birdwatcher, besonders wenn im Frühling und Herbst Millionen Zugvögel am Wattenmeer Station machen. Damit die Bewunderer den Tieren nicht zur Last fallen, sind spezielle Wege und Aussichtspunkte angelegt, von denen aus fotografiert und beobachtet werden kann.

Im Hamburgischen Teil etwa sind 90 Prozent der Nationalparkfläche unbetretbare Wildnis. Doch es bleibt trotzdem genug zu entdecken: Wattspaziergänge und sogar Kutschfahrten gehören zu den beliebtesten Aktivitäten an der Küste. Wanderwege sind grün markiert, Strecken für Reiter rot.

Vorpommersche Boddenlandschaft, Mecklenburg-Vorpommern

Um die eine Hälfte des Nationalparks zu besuchen, bräuchte man ein Boot: Sie liegt in der Ostsee. Ein Viertel bilden die namengebenden, flachen Boddengewässer: etwa der Westrügener Bodden oder die Lagunen, welche die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst von der Ostsee trennt. Ein Viertel der knapp 790 Quadratkilometer (Meeres-)Nationalpark, der 1990 eingerichtet wurde, ist aber trockeneren Fußes zu erreichen - und wie die Insel Hiddensee beliebt bei Besuchern. Das einzig Beständige in der Boddenlandschaft ist der Wandel, die Küste wird neu geformt, Uferbereiche überschwemmt. Besonders beeindruckend ist der Wandel dank des Phänomens Windwatt: Im Gegensatz zum Gezeiten-Watt an der Nordsee bestimmen nicht Ebbe und Flut die Wasserhöhe, sondern der Wind bläst so stark von der Küste weg, dass der Pegel fällt und ein Watt entsteht - zur Freude hungriger Vögel. Lässt der Wind nach, kehrt das Wasser zurück. Ein besonders bekanntes Windwatt ist die unbewohnte Insel Bock, wo im Herbst Kraniche Station machen.

Was wächst und lebt dort? So vielfältig die Landschaft, so mannigfaltig ist die Fauna: von Unterwasserpflanzen über Flechten bis zu Laubwäldern. Manche Namen lassen Bilder im Kopf entstehen (vielleicht nicht immer botanisch korrekte): etwa Meerkohl (Crambe maritima), Strand-Wundklee (Anthyllis vulneraria maritima) oder Kriechendes Netzblatt (Goodyera repens) - keine Monstrosität, sondern eine Orchidee in den Kiefernwälder der Dünen.

Wie wichtig der Nationalpark für den Vogelschutz ist, veranschaulichen diese Zahlen: Von etwa 160 Vogelarten, die hier brüten, steht knapp die Hälfte als gefährdet auf der Roten Liste. Auch Kegelrobben brauchen übrigens mal Urlaub, dafür schauen sie gerne im Nationalpark vorbei. Wer eine Robbe am Ufer sieht, hält Abstand, sonst ist es mit der Erholung für die Tiere vorbei. Feste Bewohner sind Fischotter, aber auch Rehe, Wildschweine und auf Hiddensee Mufflons in der südlichen Dünenheide.

Wer sollte hinfahren? Es sind schon viele da, jährlich kommen drei Millionen Besucher. Daher empfehlen die Nationalpark-Verwalter auf der Homepage unter Ruhige Landschaften ohne Touristen lakonisch: "Die müssen Sie schon selbst finden." Es gebe aber Hoffnung, dass man fern von Parkplätzen und den Zielen von Kutschfahrten schon stille Plätze finden werde. Wer in dieser Natur noch etwas zu tun braucht, etwa weil Kindsvolk anwesend ist, macht sich auf Schatzsuche nach Caches mit dem GPS-Gerät.

Kreidefelsen auf Rügen

Blick auf den "Königsstuhl" aus Kreide im Nationalpark Jasmund auf Rügen

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Jasmund, Mecklenburg-Vorpommern

Jedes Reiseziel braucht ein Alleinstellungsmerkmal, zumindest für die Werbung: Daher heißt man auf Jasmund herzlich im kleinsten Nationalpark Deutschlands willkommen. 30 Quadratkilometer umfasst das Schutzgebiet auf der Halbinsel im Nordosten von Rügen. Doch nicht wegen seiner Überschaubarkeit ist Jasmund berühmt, sondern wegen der Kreidefelsen, die wie weiße Stücke gigantischer Sahnetorten mit grüner Deko über den Stränden aufragen. Der markanteste und daher berühmteste ist der knapp 120 Meter hohe "Königsstuhl". Doch diese Sehenswürdigkeiten stellt die Natur nicht auf ewig bereit: So rutschte etwa ein Großteil der Felsformation "Wissower Klinken" 2005 in die Ostsee. Doch Anfang des 20. Jahrhunderts waren es Menschen, die die weiße Felsküste bedrohten: Fast wäre sie dem Kreideabbau zum Opfer gefallen - nach Protesten wurde 1929 noch rechtzeitig ein Naturschutzgebiet ausgerufen, seit 1990 ist Jasmund Nationalpark.

Was wächst und lebt hier? Der größte zusammenhängende Buchenwald an der Ostsee ist (wie etwa in den Nationalparks Hainich und Kellerwald) Teil des Unesco-Weltnaturerbes. Doch mit Mooren, Wiesen und salzigen Böden bietet Jasmund einer Vielzahl an Pflanzenarten ganz spezielle Lebensräume - etwa Orchideen auf dem sogenannten Kalktrockenrasen an den Küstenhängen. Im Wasser und an Land lebt eine Vielzahl an Tierarten - von Hirschen und Rehen in den Buchenwäldern über Seeadler mit Horsten in der Stubnitz bis hin zu einem seltenen Exemplar, dessen Name ihn eigentlich im Süden verortet: der Alpenstrudelwurm, auch Alpenplanarie genannt. Der eineinhalb Zentimeter kleine Winzling ist wohl ein Glazialrelikt, das nur in höheren, kühleren Lagen überlebte. Oder eben in den kalten Quellen von Jasmund.

Wer sollte hinfahren? Wer schon immer mal von sich behaupten wollte, er sei Wasser von der Quelle bis zur Mündung ins Meer gefolgt. Besonders schön ist der Anblick, wenn Bäche die Buchenwälder verlassen und an den Steilhängen zu Wasserfällen werden.

Müritz, Mecklenburg-Vorpommern

Achtung "Hotspot"! Als solchen bezeichnet sich dieser Nationalpark auf seiner Webseite selbst - allerdings in Bezug auf seine biologische Vielfalt. Ausgedehnte Wälder, an die 400 Moore und 107 Seen, ganz zu schweigen von zahllosen kleineren Gewässern, prägen die Gegend, unterbrochen nur von wenigen Nutzflächen. Beliebtes Ziel für die Sommerfrische ist die Mecklenburgische Seenplatte längst. Zwischen Berlin und Rostock ist dieser Teil davon Nationalpark - dank einer der letzten Entscheidungen des DDR-Ministerrats überhaupt bei seiner abschließenden Sitzung am 12. September 1990.

Was wächst und lebt hier? Hätten die Menschen nicht über Jahrhunderte die Flächen für ihre Zwecke abgeholzt, würden Besucher des Müritzer Nationalparks vor allem durch uralte Buchenwälder wandern. Stattdessen eroberten sich zuerst Kiefern und Birken wieder Boden zurück, es folgten Eichen, erst nach langer Erholung wachsen auch wieder Buchen nach. Um das Örtchen Serrahn herum haben aber auch historische Buchen überlebt, sie sind seit 2011 Teil des Unesco-Welterbes. Während die letzten großen europäischen Urwälder weit weg in den Karpaten liegen, bietet der Nationalpark einen Einblick ohne lange Anreise.

Wer sollte hinfahren? Passionierten Fußgängern empfiehlt der Nationalpark besonders Routen an den Seen, etwa um den Feisnecksee (Ausgangspunkt Waren), um den Granziner und Käbelicksee (von Kratzeburg oder Granzin aus) oder rund um die Havel-Quellseen Mühlensee und Bornsee (Ausgangspunkt Ankershagen). Geradelt werden darf zum Beispiel auch entlang der größten Moorgebiete am Ostufer der Müritz zwischen Schwarzenhof und Boek. Ein Mosaik aus kleinen Mooren liegt im Serrahner Teil, bei Serrahn führt ein Steg direkt über ein Moor.

Stare im Nationalpark Unteres Odertal; Nationalpark Unteres Odertal

Im Nationalpark Unteres Odertal ziehen über der Westoder Stare dahin, auf dem Wasser Paddler.

(Foto: Patrick Pleul/picture alliance/dpa)

Unteres Odertal, Brandenburg

Dieser Park ist Teil von etwas Größerem, nämlich dem Internationalpark Unteres Odertal: Denn auch auf der anderen Seite der Grenze zu Polen sind etwa 60 Kilometer entlang der Oder geschützt. Hier ist es feucht bis nass, zum Glück: Das Odertal ist seit 1995 Deutschlands einziger Auen-Nationalpark. Für die großen Polderflächen zwischen Ost- und Westoder gelten zwei Jahreszeiten: Von Frühling bis Herbst sind die Sommerdeiche geschlossen, die Wiesen werden zum Teil noch als Weiden genutzt oder immer mehr zu Auwäldern. Im November ist es, als würde mit der Öffnung der Deiche ein zu enger Gürtel gelöst: Die Oder kann sich ausdehnen und die Polder fluten - und die Hafenstadt Stettin ist vor Überschwemmungen geschützt.

Was wächst und lebt hier? Wen wundert es, dass das Untere Odertal auf der Bucket-List von Wasservögeln weit oben steht: Sie finden hier ideale Brut- und Rastplätze, manche bleiben einfach den ganzen Winter hier, etwa bis zu tausend Singschwäne. Nur auf Durchreise sind alle Halbjahre wieder Gänse, Enten und besonders eindrucksvoll: Kraniche. In der Oder selbst leben etwa 40 Fischarten, neben den Auen sind Trockenrasen und Wälder Lebensraum für weitere Tier- und Pflanzenarten. Ebenfalls unter "Paradies" fällt die Auenlandschaft für Biber.

Wer sollte hinfahren? Kanuten, die Tiere vom Wasser aus beobachten wollen - mit möglichst störungsfreiem Abstand und erst nach der Brutsaison ab Mitte Juli. Ein Kanuführer zeigt die besten Wasserwege, um etwa im Herbst den Kranichen näher zu kommen. Auch zu Fuß oder mit dem Rad gibt es eine große Auswahl an Strecken, die entweder in der Stadt Schwedt oder im Nationalparkzentrum in Criewen starten. Besonders schön für Wanderer: der zehn Kilometer lange "Weg der Auenblicke" (ohne g), der durch den Wald auf Moränenhügeln immer wieder die Aussicht auf die Flusslandschaft freigibt. Besonders schön für Radfahrer: Ein Teilstück des Oder-Neiße-Radwegs führt auf einem der Deiche entlang, von dem es viele Querverbindungen in das Schutzgebiet gibt.

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