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68er-Bewegung:Wieso sich die AfD an den 68ern abarbeitet

Können Sie sich erklären, wieso sich die AfD heute so an den 68ern abarbeitet?

Weil das damals auch ein Aufbruch mit Utopien war, in denen Freiheitsvorstellungen eine Rolle spielten. Im Grunde war das eine kulturelle Revolution mit starken emanzipativen Elementen, und so was stört natürlich Rechtspopulisten. Bei der AfD vermischen sich Ängste ganz verschiedener Art und da widerspricht sich auch einiges: Zum einen kritisieren sie die Verlotterung der Sitten durch die 68er und zum anderen loben sie Donald Trump. Dabei gehört ja gerade der zu den aktiven Zerstörern jeglicher Moral. Aber erstmals ist auch der Mittelstand massenhaft bei so einer Bewegung dabei: Das sind Leute, die etwas zu verlieren, aber noch nicht verloren haben. Das sehen wir auch am Wahlerfolg von Trump: Da haben Verängstigte ihre Hoffnung auf einen Multimillionär gesetzt, der ihnen "America first" verspricht und jetzt kollidieren die Vorstellungen dieses eitlen, unreifen Narzissten ständig mit dem amerikanischen Rechtssystem.

Gefährdet die AfD die Demokratie?

Ja. Wiederherstellung autoritärer Strukturen in der Gesellschaft ist deren Ziel. Das Gefährliche an der augenblicklichen Situation sind die antidemokratischen Impulse der AfD, die nun über ihre Wahlerfolge ins System einsickern. Da ist auch ein fundamentaler Unterschied zu den Rechtsextremisten nach dem Krieg, die in den 60er Jahren mit der NPD vorübergehend große Erfolge verzeichnete. Inzwischen hat sich der Rohstoff Angst in der Gesellschaft gebündelt. Hier entsteht meines Erachtens eine Analogie zur Weimarer Republik: Dass der Abbau der Demokratie auch auf dem ganz normalen, demokratischen Weg über Wahlen erfolgen kann. Als Hermann Göring 1932 Reichstagspräsident wurde, war klar, dass die Nazis ein stabiles Stück des Staates erbeutet haben und dann setzte sich der Erfolg in weiteren Wahlen fort. Dass bald AfD-Mitglieder in Parlamentarischen Kontrollgremien sitzen könnten, betrachte ich als große Gefahr.

Und macht es Ihnen auch Angst?

Es verunsichert. Auch mich. Wir haben es gerade weltweit mit einer Art Erosionskrise zu tun, in der sich alte Loyalitäten auflösen und Gefolgschaften nicht mehr gesichert sind. Alte Normen und Werte gelten nicht mehr unbesehen. Bei dem französischen Soziologen Émile Durkheim gibt es die Theorie, dass in großen gesellschaftlichen Umbrüchen alte Normen und Institutionen weiterexistieren, aber Selbstverständlichkeit und Geltungswert verloren haben. Sie werden inhaltlich leer, üben aber noch Macht aus. Das Problem ist nun, dass hier ein moralisches Vakuum entsteht, weil es noch keine Alternativen gibt.

Sehen Sie trotz AfD und Trump einen Fortschritt der Menschheit?

Sie stellen Fragen! (grinst) Aber im Grunde ja. Auch wenn das AfD-Abenteuer nicht leicht zum Verschwinden gebracht werden wird: Es evoziert Widerstand und Erneuerungskräfte, die darüber reflektieren, was Demokratie heißt. Demokratie ist die einzige staatlich organisierte Gesellschaftsordnung, die gelernt werden muss, und zwar Tag für Tag. Die anderen Formen sind autoritär und brauchen das nicht, deshalb müssen wir den Schwerpunkt auf Bildung und Engagement setzen. Nicht umsonst heißt der Rückzug ins Private auf griechisch Idiotes, es steckt der Verweis auf etwas Krankes darin.

Also lernen, um partizipieren zu können?

Genau. Und wir haben allen Grund, hoffnungsvoll in die Zukunft blicken zu können! Ich vertrete da die Linie von Antonio Gramsci, der sagte, dass er Pessimist in der Analyse sei, weil die schlechteste denkbare Entwicklung nicht auszuschließen ist. Damit könne man aber nicht leben. Man müsse daher Optimist in der politischen Praxis sein. Deshalb sei es die Aufgabe der Intellektuellen, nach Alternativen zu suchen. Ich füge als Vater hinzu: Man kann seinen Kindern nicht vermitteln, dass alle Wege verstopft sind. Schon deshalb halte ich eine Form des pädagogischen Optimismus für notwendig.

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