Berlin, 6. Juni 1967 Fragen über Fragen im Fall Ohnesorg

Friederike Hausmann beugt sich über den erschossenen Studenten Benno Ohnesorg; aufgenommen am 2. Juni 1967 in Berlin.

(Foto: dpa; Bearbeitung SZ)

Unzulässige Vernebelungstaktik der Behörden bei der Suche nach dem Schuldigen. Wie die "Süddeutsche Zeitung" am 6. Juni 1967 die Ungereimtheiten zum Tode des Studenten Benno Ohnesorg kommentierte.

Von Willi Kleinigkeit

Wir dokumentieren nachfolgend ein Stück Zeitgeschichte: Am 2. Juni 1967 wurde Benno Ohnesorg auf der Anti-Schah-Demo in Berlin mit einem Schuss aus der Waffe des Polizisten Karl-Heinz Kurras getötet. Keine Zeitung berichtete gleich am nächsten Tag über diese Tat. Auch noch vier Tage später sind noch viele Fragen offen. Erst später wird klar, dass Kurras ein Waffennarr war und keineswegs in Notwehr geschossen hatte, wie er noch in seinem Prozess im November '67 behauptete und freigesprochen wurde. Wäre damals schon klar gewesen, dass er auch noch IM der Staatssicherheit gewesen ist, dann wäre er wohl auch verurteilt worden. Doch das kam erst Jahrzehnte später heraus.

Der Fall Ohnesorg löst immer mehr Kritik aus. Nicht nur bei den Studenten, auch bei Politikern und Kommentatoren stoßen die Ergebnisse der polizeilichen Vorermittlungen auf Widerspruch. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss wird sich nun mit den Vorgängen vom vergangenen Freitag eingehend beschäftigen. Welche Einzelheiten er auch immer zutage fördert, eines steht schon jetzt fest: Die Berliner Polizei und die politische Führung der Stadt werden sich nicht von der Schuld freisprechen können, zu wenig für die sofortige Aufklärung des Falls beigetragen zu haben.

Von Anfang an hat die Polizei mit der Notwehrtheorie gearbeitet. Ob sie nach der staatsanwaltschaftlichen Untersuchung noch aufrechterhalten werden kann, ist freilich fraglich. Schon jetzt deutet vieles darauf hin. dass eher das Gegenteil der Fall war. Zeugen sagten aus, dass eine Gruppe von 20 Demonstranten auf der Flucht vor der prügelnden Polizei in einem frei zugänglichen Parkplatz-Erdgeschoß eines auf Pfeilern stehenden Hauses Unterschlupf gesucht hatten. (Die Polizei sprach in tendenziöser Weise von einem Hof.) Zufällig war dort auch ein junger Mann hingeeilt, der von zwei oder drei Polizisten verfolgt und geschlagen wurde. Die Demonstranten kreisten die Gruppe ein, dabei muss einem der Beamten die Mütze vom Kopf gefallen sein. Die Dauer dieser Szene wird unterschiedlich angegeben. Dann traf eine Gruppe von 15 Uniformierten ein, die Demonstranten, der Übermacht weichend, entschlossen sich endgültig zur Flucht. In ihrem Rücken hörten sie schließlich den beklagenswerten Schuss.

Ein Senatssprecher, über den Vorfall noch nicht richtig informiert, behauptete zunächst, ein Querschläger habe Ohnesorg getroffen. Von der Polizei wurde zu diesem Zeitpunkt noch behauptet, Ohnesorg sei an einem Schädelbasisbruch gestorben. Das ließ zunächst den Schluss zu, der Student habe die Folgen von Schlägen nicht überstanden. Erst 24 Stunden später gab die Polizei zu, dass Ohnesorg erschossen wurde. Auch diese Nachricht war nicht vollständig: Weitere 24 Stunden danach kam heraus, dass der Kriminalbeamte, der Ohnesorg traf, zwei Schüsse abgegeben hatte, beide, wie er sagte, als Warnung, weil er sich von Demonstranten mit Messern bedroht fühlte. Doch bei genauerem Hinsehen verschwanden die Messer immer mehr. Nun hieß es, der Beamte "glaubte" zwei Messer blitzen zu sehen.

In "Notwehr" von hinten erschossen?

Es gibt noch viele offene Fragen zu klären. Beispielsweise, wie ausgerechnet das Knochenstück aus dem Hinterkopf von Ohnesorg verschwinden konnte, das die Einschussöffnung enthielt. Der Berliner Polizeipräsident Dünsing erklärte dies mit den Missverständnissen des Arztes, der Ohnesorg als erster versorgte. Möglich, dass sich der Arzt wirklich irrte und gar nicht nach einer Einschusswunde suchte, weil er glaubte, der Student sei von Gummiknüppeln malträtiert worden. Das wurde freilich auf eine äußerst laxe Berufsethik hindeuten. Die Obduktion ergab nämlich später, dass Ohnesorg durch einen direkten Schuss getötet wurde. Wurde Ohnesorg in "Notwehr" von hinten erschossen?

Damit kein Missverständnis aufkommt: Es soll nicht darüber gerechtet werden, wer schuld an den Zwischenfällen hatte. Die Demonstranten werden es sich vieleicht gefallen lassen müssen, dass sie als die Hauptschuldigen bezeichnet werden. Sie haben die Polizei provoziert und Steine statt Argumente benutzt. Aber die Vernebelungstaktim, die die Behörden im Fall Ohnesorg einschlugen, muss selbst bei jenen Missfallen auslösen, die den Worten des Berliner Innensenators Büsch gern Glauben schenken würden. dass jetzt ohne Ansehen der Person Recht gesprochen werden soll. Wir hatten es eigentlich auch anders nicht erwartet.

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