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68er-Bewegung:"Ein Angriff auf unsere Generation"

Dutschke,Vietnam-Demo Berlin

Anti-Vietnamkriegs-Demonstration am 18. Februar 1968 in Berlin

(Foto: dpa; Bearbeitung SZ)

Den Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 erlebte Tom Koenigs als Dammbruch. Bald endet für den Grünen die politische Laufbahn - einem der letzten 68er. Hat sich der Marsch durch die Institutionen gelohnt?

Im September ist er vorbei, der lange Marsch des Tom Koenigs. Es ist kein guter Moment für einen Abschied aus der Politik, das weiß er selbst, die Ideale seiner Zeit stehen auf dem Spiel. Doch er kann nicht anders. "Altersmäßig nicht mehr in der Lage zu sein, das mit Stimmgewalt und Überzeugungskraft, in die Zukunft gewandt verteidigen zu können, das ist schon sauer", sagt er.

Tom Koenigs Blick durch seine kreisrunde Brille erstarrt bei diesen Worten, die Gesichtsmuskeln spannen sich. Er sitzt in seinem Abgeordnetenbüro in Berlin Unter den Linden 50 mit dem großen, runden, braunen Tisch darin, und weiß, er wird hier bald ausziehen. Mit 73 Jahren scheidet er nach der kommenden Wahl aus der Fraktion der Grünen aus. Dabei leidet er körperlich unter dem Gedanken, bald nicht mehr in entscheidender Position mitkämpfen zu können, war doch kämpfen immer Antrieb für ihn und seine Generation, die unter dem Namen 68er berühmt geworden ist. Und zu streiten gäbe es jetzt wirklich genug gegen die Trumps, die Le Pens, die Brexiteers und die AfDler, die am liebsten alles rückgängig machen würden, was die liberalen Kosmopoliten seit einem halben Jahrhundert erreicht haben. Der sogenannte Marsch durch die Institutionen, den der Studentenführer Rudi Dutschke vor 50 Jahren ausgerufen hatte, endet für die 68er in unsicheren Zeiten.

50 Jahre 68er-Bewegung - ein Schwerpunkt

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Gerade bei den Grünen kündigt sich eine Zäsur an. Ende der siebziger Jahre war es die damals neue Umweltpartei, wo politisch hoch motivierte junge Menschen ihren Platz im System fanden. Mit der viele 68er die Chance bekamen, in die Parlamente einzuziehen, die Institutionen von innen zu bearbeiten. Seit einiger Zeit schon heißen sie "Alt-68er", im September treten einige der letzten ab: Tom Koenigs, Hans-Christian Ströbele, Thomas Gambke, auch Marieluise Beck, die seit 1983 fast ununterbrochen im Bundestag sitzt. Dabei verstärkt sich Woche für Woche, Landtagswahl für Landtagswahl das Gefühl, dass die Grünen jeden wachen Geist mit Überzeugungskraft gebrauchen könnten gegen den drohenden Absturz. "Wir können unsere Positionen vertreten, aber nicht mit dem Machtanspruch, den wir immer hatten. Wenn wir 73-Jährigen sagen, wir wollen nun die Zukunft bestimmen, da lachen sie mich zu Recht aus", erklärt Tom Koenigs.

Mit den 68ern verlässt ein Stück Zeitgeschichte den Bundestag. Eine Generation, die sich vor einem halben Jahrhundert dazu entschloss, jetzt aber mal richtig die Verhältnisse zu verändern. Es ist ja nie so, dass sich Gesellschaftsströmungen und -tendenzen auf einen Schlag konstituieren. Eine Veränderung rollt und grollt langsam, beständig und lauter werdend heran, auch in den 1960er Jahren. Und doch gibt es in diesem Fall ein Datum, auf das sich alle einigen können. Ein Ereignis, als aus Unbehagen plötzlich Wut und Empörung wurde: der Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967. Tom Koenigs nennt es "Auslöser, Fanal, Dammbruch". Seitdem habe er an jedem 2. Juni daran denken müssen.

Als Tom Koenigs über die damaligen Ereignisse spricht, stülpt er sich zuerst eine Papiertüte über den Kopf, vorne drauf ein gezeichnetes Gesicht. "Wissen Sie, wer das ist?" fragt er durch das Papier hindurch, "Sie dürfen auch ein Foto machen." Es wirkt, als freue er sich, wieder in die damalige Zeit hineinschlüpfen zu können, in die Zeit seiner Jugend, als alles emotional, intensiv und hautnah war. Als die Jungen begannen, sich gegen die alte Ordnung zu erheben, Revolution zu machen.