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68er-Bewegung:Der kurze Sommer der Anarchie

A demonstrator wearing a military gas mask and helmet...

Demonstration in Frankfurt am Main nach dem Tod Benno Ohnesorgs im Juni 1967

(Foto: dpa; Bearbeitung SZ)

Am 2. Juni 1967 wird der wehrlose Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Schah von einem Polizisten erschossen. Dann wurde es in der Republik revolutionär - wir haben mit Protagonisten dieser Zeit gesprochen.

Von Willi Winkler

Vor fünfzig Jahren gab es in Deutschland einen kurzen Sommer der Anarchie. Die Spaßguerilla der Kommune I um Fritz Teufel und Rainer Langhans verunsicherte die Bürger von West-Berlin, die sich in ihrer Frontstadt-Mentalität nicht stören lassen wollten. Auf der anderen Seite der Mauer regierten die Kommunisten, und immer war da die Furcht, sie könnten sich auch noch den Westen holen. Die Kommunarden scherten sich nicht um solche Ängste, veralberten die antikommunistischen Rituale, drohten dem amerikanischen Vizepräsidenten mit Rauchbomben, protestierten gegen den Vietnamkrieg und fragten auf Flugblättern aggressiv, wann die Berliner Kaufhäuser brennen würden.

Als am 2. Juni 1967 der Schah von Persien zum Staatsbesuch nach Berlin kam, war der Spaß vorbei, aus den Clownereien wurde blutiger Ernst. Der Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras erschoss ohne Vorwarnung den 26-jährigen Germanistikstudenten Benno Ohnesorg, der mit zweitausend anderen vor der Deutschen Oper gegen das autokratische Regime des Schahs und gegen die Westberliner Regierung demonstrierte, die diesen orientalischen Despoten auch noch mit einer Aufführung der "Zauberflöte" ehrte. War das etwa die Demokratie, mit der man sich vom roten Osten abheben wollte?

Was von den 68ern bleibt
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Die Anarchie hörte die Stones

"Achtundsechzig" war aber mehr als Demonstrieren und Steinewerfen, mehr als der berühmte "Marsch durch die Institutionen". Wir haben mit Protagonisten jener Revolte gesprochen, mit Menschen, für die der 2. Juni 1967 lebensentscheidend war: mit Karl Dietrich "KD" Wolff, 1967 Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und heute einer der wichtigsten Literatur-Verleger; mit Eva Quistorp, Mitbegründerin der Grünen; mit der ehemaligen Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer, die sich um die Aussöhnung der Gesellschaft mit ihren verlorenen Kindern bemühte.

Und mit Marek Lieberberg, dem das studentische Geschrei bald zu viel wurde, der die Universität verließ und lieber eine andere Revolution nach Deutschland brachte: die Musik von The Who, von Pink Floyd, von Deep Purple. Schließlich war die Anarchie vor fünfzig Jahren keineswegs gesetzlos, sondern sie hörte auf die Beatles und die Rolling Stones.

© SZ.de/lala

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