|
Bei Botho Strauß, einem der rückblickendsten Vordenker, den die deutsche Literatur je hervorgebracht hat, konnte man zu Beginn der achtziger Jahre lesen: „Diese Zeit, die sammelt viele Zeiten ein: da gibt’s ein Riesensammelsurium, unendlich groß ist das Archiv. Los, los! Schafft und schleppt euch ab, überliefert, was noch zu überliefern ist! Für wen? Das fragt jetzt nicht. Worüber verfügt der Mensch? Über sehr, sehr viel Vergangenheit. Nur sie allein ist reich.“ Strauß ließ eine Theaterfigur so sprechen, in dem seinerzeit äußerst erfolgreichen Stück: „Kalldewey Farce“.
Überbordernder Reichtum der Vergangenheit Der überbordende Reichtum an Vergangenheit, ja, die Peinlichkeit eines solchen Reichtums, das war im anschwellenden Bocksgesang der Postmoderne eine Pointe, die nach der Zukunfts-Ermattung des durchmodernisierten 20. Jahrhunderts fast schon schneidig für Abwechslung sorgte. Allein, das ist nun auch schon wieder lange her, und ach: Was wusste denn Strauß! Das, was der Autor damals in vergangenheitsseliger Gegenwartsdiagnose verlautbaren ließ, wird tatsächlich erst jetzt, zwanzig Jahre später, zu einer Diagnose der Gegenwart.
Doch tragen wir nicht so sehr an der Vergangenheit als vielmehr an überreicher Gegenwart. Das Jetzt ist das Archiv. Das Riesensammelsurium. Sein eifrigster Archivar ist der Computer.
Die eigentlich Furcht einflößende Vision, dem eigenen Leben bei seinem Vergehen zuzuschauen und noch den flüchtigsten, um nicht zu sagen: belanglosesten Augenblick zu dokumentieren, ist Wirklichkeit geworden: Mini-Kameras in Handhelds und Telefonen, Speicher-Stifte in Streichholzformat mit dem Fassungsvermögen von Festplatten, tragbare Musik-Player, auf denen man die Musik aller Zeiten und Länder mitführen kann, gehören fast schon zur Grundausstattung eines jeden Fußgängers.
|
»
Das Leben als eine Großoffensive ausgestoßener Daten
«
|
Dazu dann internetbasierte Poesie-Alben und Tagebücher, so genannte Blogs, die eine globale Fortschreibung ermöglichen – wir müssen uns das Leben als eine Großoffensive ausgestoßener Daten vorstellen, die sogleich gesammelt und digital abgespeichert sein wollen. Irgendwas passt immer noch zwischen 0 und 1.
Dieser Notationswahn hat auch schon einen Namen: „Life Caching“ nennen die Trend-Scouts das Verhalten vollvernetzter Mitbürger, die den avanciertesten Stand der Technik nutzen, um noch ihre verborgensten Lebensmoleküle in bibbernde Bits und Bytes zu gießen. Und das ist inzwischen verzögerungsfrei möglich.
Jederzeit einsetzbar und auch noch erschwinglich Nahezu jedes elektronische Aufzeichnungs-Gerät passt inzwischen in die Münztasche einer Jeans. Es ist jederzeit einsetzbar und außerdem erschwinglich. Es kann Unmengen von digitalisierten Daten speichern, und man kann es mit anderen vernetzen. Die Welt als Schnittstelle und Vorstellung ist alles, was hotplugged ist. Crossmedial verlinkt in Wort, Bild, Ton und Schrift.
Augenblick, verweile doch? Von wegen. Allerorten tönt die Werbung, dass diese Kleinstaufzeichner unbedingt nötig seien, um seine Lebenserfahrung mit Familie und Freunden zu teilen. Allein, man möchte es weder Erfahrung noch Leben nennen, was da alles aufgezeichnet wird. Und außerdem: Will die Mitwelt überhaupt am Höhepunkt von Nichts teilhaben? Oder ist sie nicht selber schon genug damit beschäftigt, die Welt mit ihren eigenen Daten vollzublasen?
Im Sekundenarchiv Denn im Unterschied zu Andy Warhols „Time Capsules“, die er mit Fundsachen, Nichtigkeiten und Strandgut aus dem banalen Leben bestückte, stülpt sich hier ja ein einstmals klammes Innerstes nach Außen. Wir alle, so die Werbung für ein Kamera-Handy, haben mindestens einen Film mit dem Titel: „Mein Leben“ in uns, der nach Leinwand heische.
|
»
Es geht also nicht mehr ums Objekthafte und Objektivierbare, nicht mehr um Wahrnehmung und ums kollektive Gedächtnis
«
|
Es geht also nicht mehr ums Objekthafte und Objektivierbare, nicht mehr um Wahrnehmung und ums kollektive Gedächtnis. Es geht um das, was als Privatestes fixiert werden kann, also um geronnene Befindlichkeit und um einen Ausdruckswillen, der beständig von sich Zeugnis ablegen möchte. Dabei ersticken wir doch jetzt schon in den Feldbeichten, die allein unsere Technik kontinuierlich aus den Elektronen-Swingerclubs an die Oberfläche funkt. Langsam wird es unübersichtlich.
Wer etwa einen dieser nützlichen kleinen Termin-Assistenten, einen so genannten „Handheld“, mit seinem Computer abgleicht, verbindet dazu beide Geräte miteinander und führt einen Synchronisationsvorgang durch: Man drückt auf einen Knopf, und sofort ist der Datenabgleich erledigt. Tatsächlich führt der empfangende Computer aber minutiös Buch über diese Augenblicks-Vorgänge.
Und wer sich anschließend ein solches, Bildschirmseiten füllendes Protokoll durchliest, ist eine gute halbe Stunde damit beschäftigt, den einen Knopfdruck in der Lektüre aufzuarbeiten. Nichts ist geschehen, reine Routine – doch ist das Nichts bis zum Überdruss fixiert.
|
|
|