Coronavirus in Bayern:Die unerkannten Mutanten

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Wie verbreitet die Mutanten tatsächlich sind, die Wissenschaftler für etwa 40 Prozent infektiöser halten als die bisher gängige Variante, ist unklar (Symbolbild).

(Foto: imago images/Christian Ohde)

In Bayern ist die Datenlage sehr verwirrend, es gibt keine zentrale Erfassung. Und das, obwohl Wissenschaftler und Politiker die Mutanten seit Wochen als eine der größten Gefahren für den Sieg über die Pandemie bezeichnen.

Von Thomas Balbierer

In immer mehr Städten und Landkreisen Bayerns treten neue, ansteckendere Coronavirus-Mutanten auf - aktuell vor allem die erstmals in Großbritannien nachgewiesene Variante B.1.1.7. Betroffen sind ländliche wie urbane Regionen; Nachweise oder belastbare Hinweise gab es in Buchloe, Augsburg, Dillingen, Dingolfing-Landau, Erding, Landsberg, Dachau, Nürnberg, Bayreuth oder Hof - und das ist nur ein Ausschnitt.

Denn wie verbreitet die Mutanten tatsächlich sind, die Wissenschaftler für etwa 40 Prozent infektiöser halten als die bisher gängige Variante, ist unklar. Bislang gibt es in Bayern keine zentrale Erfassung. Und das, obwohl Wissenschaftler und Politiker die Mutanten seit Wochen als eine der größten Gefahren für den Sieg über die Corona-Pandemie bezeichnen. Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) hatte bei einer Pressekonferenz am vergangenen Dienstag betont, dass ihre Ausbreitung verhindert werden müsse. "Sonst würden wir das verspielen, was wir jetzt gemeinsam erreicht haben."

Aber wie undurchsichtig die Datenbasis ist, wird deutlich, wenn man bei den zuständigen Behörden nachfragt. Das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI), das die Situation in den Bundesländern zentral speichert, und auf das sich die Bundesregierung bei Entscheidungen bezieht, teilte am Freitag mit, dass ihm aus Bayern bislang sechs nachgewiesene Fälle der britischen und ein Fall der südafrikanischen Mutante bekannt seien - dabei hatte Minister Holetschek am Dienstag zuvor von insgesamt "zehn bestätigten Fällen" gesprochen.

Eine Anfrage bei Bayerns oberster Gesundheitsbehörde, dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), ergibt noch höhere Zahlen: Dort hieß es am Freitag, dass die britische Variante mindestens 15-mal nachgewiesen wurde, die südafrikanische einmal, und zwar im Landkreis Rosenheim. Die tatsächlichen Zahlen sind wohl erneut höher: Einerseits erfassen unabhängig vom LGL auch andere Speziallabore die neuen Varianten, andererseits gebe es längst "sehr viele Verdachtsfälle", wie Holetschek sagte. Wie viele genau, kann das LGL nicht beantworten.

Noch verworrener wird es, wenn man Meldungen aus einzelnen Landkreisen betrachtet: Vor wenigen Tagen berichtete zum Beispiel der Landkreis Wunsiedel im Fichtelgebirge von 30 "bestätigten" Fällen der britischen Variante sowie 14 "Verdachtsfällen". Auf Nachfrage sagt eine Sprecherin des Landratsamtes, dass die Mutanten mit einem speziellen PCR-Test erfasst wurden, der auf Parameter der Varianten reagiere. Beim LGL gelte das allerdings nicht als Nachweis. Erst müsse eine Vollsequenzierung vorliegen. Die werde nun beim LGL gemacht - doch das dauert bis zu zwei Wochen.

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte sich schon am 12. Januar unzufrieden darüber geäußert, dass es keinen "ernsthaften Zwischenstand" über die Ausbreitung der Mutanten gebe. Kurz darauf gab die Regierung das Ziel aus, besorgniserregende Virus-Varianten zentral beim LGL zu erfassen. "Noch ist diese Erfassung nicht etabliert", teilte die Behörde am Freitag mit. Wenn die Zusammenarbeit steht, sollen bis zu 700 Sequenzierungen pro Woche möglich sein. Derzeit schafft das LGL nach eigenen Angaben gerade mal 80 - und tappt zum Teil im Dunklen.

"Das Virus ist noch nicht müde - es hat gerade einen Boost bekommen"

Die dünne Datenlage und die offenbar veralteten Zahlen des RKI erschweren nicht nur den bayernweiten Überblick, sondern auch den Vergleich mit anderen Ländern. Laut RKI wurden aus 13 Bundesländern bislang 77 Nachweise der britischen Mutante gemeldet, allein 23 davon stammen aus Hessen, elf aus Sachsen und zehn aus Berlin. Nimmt man statt der vom RKI aufgeführten sechs die 15 sequenzierten Fälle des LGL als Vergleichswert, liegt der Freistaat in dieser Liste auf Rang zwei.

Am Freitag legte RKI-Präsident Lothar Wieler eine erste umfassende Analyse zur Verbreitung der britischen Virus-Variante vor. In einer Untersuchung von 30 000-Corona-Proben tauchte B.1.1.7 1800-mal auf, was einem Anteil von 5,8 Prozent entspricht: "Das Virus ist noch nicht müde - es hat gerade einen Boost bekommen." Wieler rechnet damit, dass der Anteil steigt.

Im oberfränkischen Hof zeigt sich das bereits. Der Landkreis ist einer der am stärksten von Corona betroffenen Kreise Deutschlands. Das RKI gab am Sonntag eine Sieben-Tage-Inzidenz von 324 an. Damit bietet er den perfekten Nährboden für ansteckendere Virus-Varianten. Laut Landratsamt könnte es sich bereits bei "rund 30 Prozent der Neuinfektionen aus der vergangenen Woche" um die britische Mutante handeln. Detaillierte Untersuchungen stehen aus. Landrat Oliver Bär (CSU) führt den Anstieg der Fallzahlen auf die geografische Lage zurück. "Die Zusammenhänge zu unserer Nachbarregion Tschechien sind klar erkennbar", sagte er. In 36 Betrieben der Region seien Mitarbeiter aus Tschechien positiv getestet worden.

Der Münchner Infektiologe und Oberarzt am Klinikum rechts der Isar, Christoph Spinner, hält die Lage in Bayern aktuell noch für "komfortabel". Er verweist auf die landesweit sinkenden Infektionszahlen. "Je weniger sich das Coronavirus ausbreitet, desto geringer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich die neuen Varianten verbreiten." Er plädiert sogar dafür, dass die Politik nun alle Corona-Beschränkungen auf den Prüfstand stellt und ihre Verhältnismäßigkeit hinterfragt. "Natürlich muss das Infektionsgeschehen kontrollierbar bleiben, Menschenansammlungen sind immer noch gefährlich", sagte Spinner. "Aber gleichzeitig muss verhindert werden, dass das Verständnis der Bevölkerung weiter nachlässt. Ob man vor oder nach 21 Uhr das Haus verlässt, dürfte keinen großen Unterschied machen", sagte er in Anspielung auf die umstrittene nächtliche Ausgangssperre in Bayern.

Spinner warnte aber auch, die Gefahr durch mutierte Viren zu unterschätzen: "In England hat man doch gesehen, wie schnell die Zahlen gestiegen sind." Entwarnung gebe es erst, wenn genug Menschen geimpft seien.

© SZ vom 08.02.2021/van
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