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Einzelhandel:Wie die Corona-Krise Rewe verändert

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Toilettenpapier war zu Beginn der Pandemie besonders gefragt: Die Rewe-Gruppe hat 2020 erstmals mehr als 75 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet.

(Foto: imago images)

In den Supermärkten ist weniger los, die Touristik-Tochter verliert Hunderte Millionen - und doch meldet der Lebensmittelkonzern Rekordumsätze. Die vier wichtigsten Erkenntnisse des Ausnahmejahres 2020.

Von Benedikt Müller-Arnold, Köln

Seit drei Jahrzehnten ist Rewe nicht nur ein großer Lebensmittelhändler, sondern auch ein Touristik-Riese: Was einst mit Atlas-Reisebüros begann, ist unter dem Namen DER mittlerweile zum zweiten Standbein des Konzerns herangewachsen. In der Corona-Krise erweist sich das als Bürde. Zwar meldet Rewe für 2020 einen Rekordumsatz. Der Gewinn jedoch ging im Jahresvergleich um 18 Prozent zurück, auf 415 Millionen Euro - und das vor allem aufgrund der Verluste im Reisegeschäft. Vier Trends zeigen, wie sich die genossenschaftliche Gruppe infolge der Pandemie verändert hat.

Kunden kaufen seltener, aber teurer ein

Kantinen sind geschlossen, Restaurants sowieso: Während der Pandemie bereiten die Menschen mehr Mahlzeiten selbst zu. Zugleich ist Einkaufen anstrengender geworden, mit Maske und Abstandsgebot. Daher kaufen Kunden seltener ein, dafür aber "viel mehr", sagt Rewe-Chef Lionel Souque. Viele gingen lieber zu einem Vollsortimenter, anstatt jeweils Spezialisten für Brot, Fleisch oder Tierfutter aufzusuchen. Zudem hätten viele Menschen in Staaten wie Deutschland, in denen die soziale Sicherung vergleichsweise gut funktioniere, mehr Geld für Lebensmittel übrig. "Da haben die Supermärkte, Edeka oder Rewe, mehr profitiert als Discounter", sagt Souque. So sei der Umsatz aller selbständigen Kaufleute von Rewe 2020 um gut 20 Prozent gestiegen.

Während Supermärkte bislang Woche für Woche aufsperren dürfen, müssen viele andere Händler schließen, die keine Waren des täglichen Bedarfs verkaufen. "Das ist ein bisschen unfair", gesteht Souque. Rewe erwirtschafte aber wenig Umsatz mit sogenannten Non-Food-Produkten, so der 49-Jährige. Der Kölner Konzern betreibe vergleichsweise wenige "Rewe Center", die auf großen Flächen beispielsweise auch Kleidung oder Küchengeräte verkaufen.

Doppelt so viele Käufe im Netz

Wer das Infektionsrisiko im Supermarkt scheut, kann Lebensmittel stattdessen im Internet bestellen. "2020 haben wir den Online-Umsatz ungefähr verdoppelt", sagt Souque. Die Kernmarke Rewe habe etwa zwei Prozent ihres hiesigen Geschäfts im Internet gemacht. Zudem könnten Kunden bei mehr und mehr Filialen Waren online bestellen und den gesamten Einkauf vor Ort abholen.

Auf diesem Markt tummeln sich mittlerweile aber auch mehrere junge Unternehmen, die bereits viel Kapital eingesammelt haben. So fährt beispielsweise der Dienst Picnic in mehr und mehr Städten Lebensmittel aus. Der Lieferdienst Gorillas verspricht in mehreren Großstädten gar, bestellte Lebensmittel innerhalb von zehn Minuten auszuliefern. "Wir unterschätzen das nicht, wir nehmen das sehr ernst", sagt Souque. Vorteil seines Konzerns sei aber, dass er ein viel breiteres Sortiment mit verschiedensten Artikeln habe. Das eigene Liefergeschäft sei zwar defizitär, der Verlust jedoch 2020 zurückgegangen.

Touristiktochter trübt die Bilanz

Ein ganz anderes Bild zeigt sich im Geschäft mit Reisen: Die Rewe-Tochter DER hat 2020 nur 1,3 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet, nach etwa fünf Milliarden Euro im Vorjahr. "Wir haben in der Touristik einen Verlust von 390 Millionen gemacht", sagt Rewe-Finanzvorstand Christian Mielsch. Dabei hat die Sparte mit Marken wie Jahn Reisen schon Stellen abgebaut und allein in Deutschland etwa 40 von 500 Reisebüros dauerhaft geschlossen.

In diesem Jahr liefen die Buchungen zwar "kurzfristig gar nicht so schlecht", sagt DER-Chef Sören Hartmann. Allerdings seien Buchungen für die Sommerferien noch sehr verhalten. "Man schiebt alles nach hinten", so Hartmann. Ursprünglich wollte DER 2021 wieder die Hälfte des Umsatzes eines gewöhnlichen Jahres erzielen. Dies hänge nun freilich davon ab, wie lange die Reisebeschränkungen vor allem innerhalb der EU noch andauerten - und dann dürfte es dafür so richtig losgehen, hofft Hartmann.

Rewe sucht neue Wachstumsfelder

Doch selbst wenn sich das Reisegeschäft in den kommenden Monaten erholen sollte, hat 2021 für Rewe unter widrigen Umständen begonnen. Beispielsweise müssen die Baumärkte der Tochter Toom vielerorts geschlossen bleiben, während sie noch im vorigen Frühjahr einen schieren Ansturm von Hobbygärtnern verzeichneten. "Das ist sicherlich der große Unterschied zum letzten Jahr", gesteht Souque. Auch könnten die Menschen wieder weniger Lebensmittel kaufen, wenn Kantinen und Restaurants im Laufe des Jahres wieder aufsperren dürfen.

Rewe sucht daher neue Wachstumsfelder. Im heimischen Stammgeschäft kann die Gruppe kaum noch wachsen: Schon heute stehen die vier Handelskonzerne Edeka und Rewe, Lidl/Kaufland und Aldi für gut 85 Prozent des Lebensmittel-Einzelhandels; Zukäufe sind daher kaum möglich. Stattdessen hat Rewe Ende 2019 den Großhändler Lekkerland übernommen, der beispielsweise Tankstellen oder Kioske mit Lebensmitteln oder Snacks beliefert. Diese Fusion war der entscheidende Grund, warum Rewe nun erstmals mehr als 75 Milliarden Euro Jahresumsatz melden kann.

Beobachtern zufolge arbeitet Rewe seither an weiteren Ergänzungen: von automatisierten Verkaufsstellen für Snacks bis hin zu einem möglichen Einstieg ins Entsorgungsgeschäft, wie ihn Discounter bereits gewagt haben. "Wir überwachen das und können noch nichts großartig dazu kommunizieren", sagt Souque - wobei das Wort "noch" in diesem Satz wohl das interessanteste sein dürfte.

© SZ/vit
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