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Corona-Epidemie:Wenn die Unterwäsche-Firma plötzlich Schutzmasken näht

Coronavirus - Trigema stellt Mundschutz-Masken her

Mundschutz statt T-Shirts: Der Bekleidungshersteller Trigema hat die Produktion bereits teilweise umgestellt.

(Foto: Trigema/dpa)

In der Krise wollen viele Firmen ihre Produktion umstellen, um Schutzausrüstung oder medizinische Geräte herzustellen. Geht das so einfach?

Diese Krise verhilft ja manchem zu einem ungeahnten Imagewechsel. Da ist zum Beispiel Volkswagen. Der Konzern, dessen Autos mit manipulierten Dieselmotoren über Jahre unzulässig stark die Luft verschmutzt haben, spendet nun 200 000 Atemschutzmasken für die Mitarbeiter im Gesundheitswesen. Solidarisches Handeln habe für VW eben Priorität, teilt man in Wolfsburg mit. Volkswagen als Vorreiter im Kampf um gesunde Lungen - wer hätte das gedacht?

So wie der Weltkonzern aus Wolfsburg engagieren sich gerade viele Unternehmen öffentlichkeitswirksam im Kampf gegen die Coronavirus-Epidemie. Gerade von der Autoindustrie wird einiges erwartet: Sie soll ihre Produktionskapazitäten dazu nutzen, bei der Herstellung von Atemschutzmasken zu helfen. Aber klappt das überhaupt? Warum dauert das? Und sind die Motive dahinter wirklich so selbstlos?

Atemschutzmasken, die gerade nicht benötigt werden, haben neben VW auch Daimler, BMW und Audi abgegeben. Aber die Produktion auf Beatmungsgeräte umzustellen, sei nicht so einfach, heißt es. Bei Daimler stellt man immerhin ungenutzte Büroräume für ein mögliches Notfallkrankenhaus zur Verfügung. Aber im Kern sind es vor allem die 3-D-Drucker der Autohersteller, die Begehrlichkeiten wecken. Könnte man damit benötigte Komponenten für Medizintechnik herstellen?

Medizintechniker kritisieren: "Ihr könnt das einfach nicht"

Wie kompliziert das ist, zeigt das Beispiel des Zulieferkonzerns ZF. Der produziert in einer chinesischen Dependance mittlerweile 100 000 Atemschutzmasken pro Tag, damit sich Mitarbeiter schützen können. Was nicht gebraucht wird, geht an chinesische Hilfskräfte. Atemschutzmasken sind ein vergleichsweise simples Produkt, aber selbst das konnte der Konzern nicht mit der bestehenden Infrastruktur produzieren: Man schaffte dafür rasch eine spezielle Maschine an.

Am offensivsten bieten derzeit die Firmen Bosch und Audi Leistungen an. Bosch beschäftigt immerhin 400 000 Mitarbeiter, darunter zahlreiche Ingenieure. Wer, wenn nicht dieser Laden, müsste diese Aufgabe bewältigen? Noch-Audi-Chef Bram Schot erklärte, dass man gemeinsam mit dem VW-Konzern Möglichkeiten prüfe, "wo wir uns einbringen können". Die Mitarbeiterinnen hätten "gerade viele Gedanken und viele wertvolle Ideen". Diese würden koordiniert und geprüft. Auch der Autolobbyverband VDA glaubt an die Innovationskraft und plant eine Ideenbörse, um branchenweit Kapazitäten zu bündeln.

Es ist allerdings nicht so, dass die demonstrative neue Hilfsbereitschaft ausschließlich auf Begeisterung trifft - schon gar nicht bei denen, die sich mit der Materie auskennen. Die Firma Dräger aus Lübeck zum Beispiel ist auf die Produktion von Medizintechnik wie Atemschutzmasken und Beatmungsgeräten spezialisiert. Man sehe "mehrere kritische Aspekte" bei der Frage, ob man Teile der Produktion einfach in Autofabriken auslagern könne, formuliert man in Lübeck wenig diplomatisch. Die Komplexität sei hoch, es handle sich zudem bei den meisten Materialien um speziell entwickeltes Design und nicht um Standardteile. Zudem unterscheide sich die Kerntechnologie doch "elementar" von dem Herstellungsbetrieb der Automobilhersteller. Zusätzliche Produktionslinien - also in den Werken der Autohersteller - seien außerdem nur sinnvoll, wenn auch die Zulieferindustrie verdoppelt würde. Und das sei schon deshalb kurzfristig unmöglich, weil die regulatorischen Vorgaben das nicht hergäben. Deutlich ausgedrückt: Es kann eben nicht jeder dahergelaufene Autohersteller ein Beatmungsgerät produzieren.

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Aber dann ist da ja auch noch Siemens. Das Unternehmen hat früher selbst mal Beatmungsgeräte hergestellt, sich von dieser Sparte aber schon vor Jahren getrennt. Jetzt könnte das Geschäft auf Umwegen - zumindest zum Teil - wieder zurückkommen. "Wir konzentrieren uns jetzt vor allem auf unser eigenes Medizintechnikgeschäft, zum Beispiel Computertomografen und Röntgengeräte", sagt ein Sprecher. Diese Produkte würden in der aktuellen Lage stark nachgefragt. "Wir schauen aber auch, ob wir jetzt selbst zuständige Ressourcen frei haben, um bei der Bereitstellung von Beatmungsgeräten helfen zu können." Dafür sei man bereits in Gesprächen mit entsprechenden Herstellern.

Auch für die Batteriespezialisten der BMZ-Gruppe ist der Medizinmarkt zwar kein Neuland, doch die Umschichtung der Produktionskapazitäten ist auch für das Unternehmen vom bayerischen Untermain eine Herausforderung. Die Hersteller von Beatmungsgeräten sind auf Zulieferer wie BMZ angewiesen, ohne spezielle Lithium-Ionen-Akkus können sie die Geräte nicht in größerer Zahl bauen. BMZ-Chef Sven Bauer erzählt vom "verzweifelten Ruf diverser Beatmungsgerätehersteller". Statt in Batteriepacks für E-Autos, Bohrmaschinen oder Photovoltaikanlagen steckt die Firma jetzt einen Großteil ihrer Energie in die Produktion von Akkus für Medizintechnik. Dort hätten die Anfragen teilweise um 50 Prozent zugenommen.

Hilfe in der in Not kommt aber auch von gänzlich unerwarteter Seite. Die Firma Mey ist eigentlich spezialisiert auf Stoffe für bessere Zeiten: Dessous und Nachtwäsche, zu haben in allen Varianten von hübsch bis bequem. Doch jetzt sitzen die Näherinnen in der Firmenzentrale auf der Schwäbischen Alb an ihren Maschinen und nähen Mund-Nasen-Schutz für Krankenhäuser. Wenn sie sich hier mit einer Sache auskennen, dann mit Stoffen und deren Verarbeitung. Nach Unterwäsche fragt momentan eh kaum ein Kunde - dagegen ist die Not beim medizinischen Personal groß. "Wir wurden total überrannt", erzählt Geschäftsführer Matthias Mey. Verzweifelte Landräte, Verantwortliche aus Kliniken und Pflegediensten hat er seit Tagen fast durchgehend am Telefon. Innerhalb kürzester Zeit haben sie deshalb bei Mey eine Maske zum Schutz von Mund und Nase entworfen, wasserdicht und waschbar bis 90 Grad. Das macht sie wiederverwendbar und deshalb wichtig für alle, die Corona-Patienten betreuen.

Die Unternehmen haben keine andere Wahl, als sich nun um das Gemeinwohl zu bemühen

"Noch ist alles ein bisschen chaotisch, wir haben noch schnell Maschinen aus Portugal nach Deutschland gebracht und müssen wohl auch Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zurückholen", so Matthias Mey. Denn banal ist es nicht, von BHs und Höschen auf Schutzmasken umzustellen: Die Stoffe sind anders, die Arbeitsschritte müssen erst eingeübt werden. Parallel laufen Zertifizierungsverfahren. Mey hofft, dass die ersten Lieferungen gegen Ende der Woche an Krankenhäuser gehen. Auch beim Sport- und Freizeitbekleider Trigema läuft die Produktion von Atemschutzmasken bereits. Dort peilt der stets umtriebige Firmenchef Wolfgang Grupp 100 000 Masken pro Woche an.

Aber Hilfe versprechen nicht nur Konzerne. Das Start-up Terraplasma Medical ist eine Ausgründung des Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik. Weltraumforschung im Kampf gegen das Coronavirus? Klingt ungewöhnlich, aber die Arbeit des Instituts lässt sich in alltagstaugliche Produkte umsetzen - etwa in ein Gerät, das sich zur Desinfektion von Wunden einsetzen lässt. Normalerweise entsteht Plasma, wenn Gas weiter erhitzt wird, ist also heiß. Doch das von Terraplasma entwickelte Gerät arbeitet bei Zimmertemperatur. Das durch winzige Blitze erzeugte Plasma kann Bakterien und Viren unschädlich machen. Die Firma hatte schon früher überlegt, die Technologie auch bei beatmeten Patienten einzusetzen. Denn bei ihnen ist die Gefahr groß, dass sich eine Lungenentzündung weiter verschlimmert. Nun könnte bei intensiv beatmeten Patienten die Keimlast durch die direkte Anwendung des Plasmas im Mund-Rachen-Raum reduziert werden. Denn ist ein Patient an Covid-19 erkrankt, gefährden multiresistente Erreger aus dem Krankenhaus das Überleben des Patienten zusätzlich. Derzeit spricht das Unternehmen mit Kliniken in Regensburg und München über mögliche präklinische und klinische Versuche.

All das ist natürlich kein rein deutsches Phänomen, auch international rüsten Unternehmen um: H & M näht Schutzmasken, der Autobauer Fiat Chrysler und das Modeunternehmen Prada fertigen ebenfalls Schutzartikeln. Macht diese Krise aus gewinnorientierten Konzernen nun also altruistische Ikonen, die nichts anderes wollen als die Rettung der Menschheit?

So einfach ist die Sache nicht. Klaus-Dieter Koch leitet das Beratungsunternehmen Brandtrust in Nürnberg. Er sagt: "Wie Unternehmen sich nun in dieser Krise verhalten, wird die Wahrnehmung ihrer Marke für die nächsten zehn Jahre prägen." Das gelte nicht nur für das Image bei den Verbrauchern, sondern auch im Kampf um die besten Mitarbeiter. "Firmen, die jetzt nicht beweisen, dass sie Werte und Überzeugungen haben, für die sie stehen, müssen sich um ihr 'Employer Branding' gar nicht mehr bemühen", sagt Koch. Das Image als Arbeitgeber sei dann schlichtweg im Eimer. Dazu halte es die Moral der aktuellen Mitarbeiter hoch, wenn sie sich sinnvoll einbringen könnten - ein Vorteil für die Zeit nach der Krise.

Heißt: Die Konzerne haben also keine andere Wahl, als sich jetzt ums Gemeinwohl zu bemühen, alles andere wäre wirtschaftlich grob fahrlässig.

Trotzdem glaubt Koch nicht, dass nur strategisches Interesse hinter dem neuen Engagement steckt: "Diese Krise kennt keine sozialen Grenzen, sie beschränkt sich auch nicht auf bestimmte Branchen, sie trifft ausnahmslos alle. Da stellen sich vielleicht wirklich auch Unternehmen, die bislang für gesellschaftliche Überlegungen nicht viel übrig hatten, die Frage: Was ist in so einer Situation eigentlich meine Existenzberechtigung?"

© SZ vom 24.03.2020
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