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Großbritannien:Es droht der schlimmste Absturz seit 1709

Prime Minister's Questions session in Parliament in London

Düstere Aussichten im Königreich: Premier Johnson will am Sonntag Wege aus dem Lockdown aufzeigen.

(Foto: Reuters)

Premierminister Johnson hat zwar mit Milliarden-Paketen reagiert. Doch für die Unternehmen könnte es noch härter kommen.

Von Alexander Mühlauer

Die Zahlen sind verheerend. In keinem europäischen Land sind bislang mehr Menschen am Coronavirus gestorben als in Großbritannien. Mit über 30 000 Toten liegt das Vereinigte Königreich mittlerweile vor Italien. Premierminister Boris Johnson beteuert zwar, es sei noch zu früh, um internationale Vergleiche zu ziehen, aber schon jetzt steht fest: Die Corona-Pandemie hat Großbritannien mit am härtesten in Europa getroffen.

Auch ökonomisch ist die Lage ziemlich dramatisch. Die Bank of England rechnet mit dem schwersten Wirtschaftsabsturz seit dem Great Frost, jenem eiskalten Winter, der im Jahr 1709 eine Hungersnot auslöste. Am Donnerstag legte die Notenbank eine düstere Prognose vor. Allein im zweiten Quartal soll die britische Wirtschaftsleistung um 25 Prozent einbrechen. Die Arbeitslosenquote dürfte auf neun Prozent steigen - ein Wert, der nicht einmal in den Jahren 2008/09 nach der Finanzkrise erreicht wurde.

Die Bank of England stellt sich auf eine der tiefsten Rezessionen in ihrer 325-jährigen Geschichte ein. Notenbank-Chef Andrew Bailey geht davon aus, dass die Wirtschaft sich nach einer Lockerung des Shutdowns nur schrittweise erholen wird. Noch ist unklar, wie die Pläne der Regierung genau aussehen. Johnson will sich am Sonntagabend in einer Fernsehansprache an die Bürger wenden. Britischen Medienberichten zufolge wird der Premier wohl nur geringfügige Lockerungen verkünden. So soll man etwa wieder auf Parkbänken in der Sonne sitzen dürfen und so viel Sport treiben wie man möchte. Wann allerdings andere Geschäfte als Lebensmittelläden und Apotheken wieder öffnen dürfen, ist bisher offen.

Diese Phase der Unsicherheit dürfte noch länger anhalten als es den meisten Unternehmen lieb ist. Britische Wirtschaftsverbände dringen zwar auf weitgehendere Lockerungen wie etwa in Deutschland, aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Im Königreich ist die Zahl der Neuinfizierten noch immer deutlich höher als in der Bundesrepublik. Es finden auch weitaus weniger Covid-19-Tests statt.

Weil die Regierung ihr Ziel von täglich 100 000 Tests bislang mehr schlecht als recht erreicht, gibt es Unternehmen, die das selbst in die Hand nehmen wollen. Damit Mitarbeiter wieder ins Büro kommen, erwägen Firmen, die Körpertemperatur der Angestellten zu messen und Testkits zu kaufen. Die Regierung warnt jedoch davor. Es soll schließlich nicht der Eindruck entstehen, dass die Wirtschaft das leisten kann, wozu der staatliche Gesundheitsdienst NHS offensichtlich nicht in der Lage ist.

Die Ärmsten leiden unter den wirtschaftlichen Folgen am stärksten

In der Corona-Krise rächt sich nun die Sparpolitik der konservativen Regierungen unter David Cameron und Theresa May. Der NHS war bereits vor Ausbruch der Pandemie chronisch unterfinanziert. Die Gesundheitsversorgung ist heute oft eine Frage des Geldes. So gibt es Privatkliniken, die Ärzte zu Hausbesuchen schicken, um diejenigen zu testen, die dafür mehrere Hundert Pfund ausgeben können. Wie in den USA zeigen Untersuchungen im Königreich, dass Einkommensschwache und ethnische Minderheiten besonders von Covid-19 betroffen sind.

Auch die wirtschaftlichen Verheerungen treffen die Ärmsten im Land besonders stark. Die Regierung versucht zwar mit Multi-Milliarden-Paketen gegenzusteuern und bezahlt einen Großteil der Monatsgehälter von Angestellten, die von ihren Firmen in den Zwangsurlaub geschickt wurden. Doch wie lange dies vom Staat übernommen wird, ist offen. Schatzkanzler Rishi Sunak beteuert zwar, alles zu tun, was nötig sei, aber es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis das Mantra des "whatever it takes" an seine Grenzen stößt.

So rechnet etwa der Chef von British Airways nicht damit, dass der Staat die Löhne unbefristet weiterbezahlen werde. Die Fluglinie plant bereits ein Drittel der Belegschaft abzubauen. Auch Virgin Atlantic, die Airline des Milliardärs Richard Branson, will Tausende Stellen streichen. Neben der Luftfahrt- und Touristikbranche, dem Gastgewerbe und der Industrie sind vor allem solche Wirtschaftszweige in Not, die schon vor der Corona-Krise mit strukturellen Problemen zu kämpfen hatten. Besonders hart trifft es etwa die Ölindustrie. Auch der Einzelhandel leidet. Der Bank of England zufolge ist der private Konsum seit dem Lockdown um gut 30 Prozent eingebrochen.

Damit die Ausgaben der Haushalte nicht weiter schrumpfen, appellieren die Währungshüter an alle Banken, weiter großzügig Kredite zu vergeben. Am historisch niedrigen Leitzins von 0,1 Prozent rüttelte die Bank of England am Donnerstag zwar nicht, aber sie ließ keinen Zweifel daran, erneut geldpolitisch einzugreifen, wenn sie es für nötig erachte. Bereits im März hatte die Notenbank zahlreiche Programme zur Stützung von Unternehmen, Bürgern und öffentlicher Hand aufgelegt. Angesichts der düsteren konjunkturellen Aussichten dürften die Anleihenkäufe der Notenbank bei der nächsten Sitzung im Juni weiter forciert werden.

Immerhin einen Lichtblick hatten die Währungshüter dann doch parat. Nach einem massiven Einbruch der Wirtschaftsleistung von 30 Prozent im ersten Halbjahr, soll am Jahresende ein Wert von minus 14 Prozent stehen. 2021 soll es wieder um 15 Prozent nach oben gehen. Ob es dazu kommt, hängt nicht nur von der Bewältigung der Corona-Krise ab, sondern vor allem auch vom Brexit.

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Bis 30. Juni hat Johnson noch Zeit, die Übergangsphase, in der sich für Bürger und Unternehmen nichts ändert, um bis zu zwei Jahre zu verlängern. Tut er das nicht, und gibt es bis Jahresende keinen Handelsvertrag zwischen London und Brüssel, käme es zu einem No-Deal-Szenario. Zwischen Großbritannien und der EU würden dann die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) gelten. Für die Unternehmen würde das hohe Zölle und damit weitere Belastungen bedeuten.

Die Wirtschaft hofft, dass Johnson seine Meinung ändert und die Übergangsphase verlängert. Andererseits könnte der Premier auch versucht sein, die Kosten eines harten Brexit zu kaschieren - indem er einfach dem Virus die Schuld dafür gibt.

© SZ vom 08.05.2020/mxh
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