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Reise-Glossar für die 2010er-Jahre:Hyggeliger Geheimtipp auf Instagram

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Ihr auch hier? Typische Strandszene in den Zehnerjahren

(Foto: Domenico Daniele/ Unsplash)

Das vergangene Reisejahrzehnt von absurd bis ziemlich seltsam, geordnet von A bis Z.

Airbnb, das: Geschäft gewordene schöne Idee, sich im Urlaub in das Leben anderer einmieten zu können - Kopfkissen, Teekessel und Hipness der >Einheimischen inklusive. In Zusammenhang mit >Overtourism in die Kritik geraten, auf der Beliebtheitsskala nachhaltig Reisender zuletzt von >Geheimtipp bedenklich Richtung >Kreuzfahrten gerutscht.

Brexit, der: absurdes, etwas langatmiges Theaterstück mit bemerkenswert skurrilen Protagonisten. Auch wenn gelegentlich der Eindruck entsteht, dass sich Großbritannien auf einen fernen Planeten gebeamt hat, besteht nach wie vor die Möglichkeit, sich das Spektakel in Originalsprache an Originalschauplätzen anzuschauen: Auch nach drei Jahren Brexit-Chaos bleibt das Vereinigte Königreich glücklicherweise nur einen Ärmelkanal weit vom übrigen Europa entfernt.

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Urlaub nach EU-Austritt

Großbritannien trotz Brexit: Was Reisende wissen müssen

Bye, bye, Britain: Am 31. Januar verlässt Großbritannien die EU. Auf welche Veränderungen müssen sich Urlauber jetzt einstellen?   Von Eva Dignös

CO₂, das: auch bekannt als Klimagift oder Klimakiller. Die Folgen von CO₂-Ausstoß in Flughöhe wurde von Airlines jahrelang heruntergespielt. Bevor nun der >Zugstolz zu groß wird, hat Easyjet angekündigt, das CO₂-Kompensieren für seine Passagiere zu übernehmen - startete aber auch die Kurzstrecke zwischen Edinburgh und Birmingham, die bestens mit Zügen verbunden sind. Und Kompensation macht Flüge noch lange nicht klimaneutral, denn zur Turbinen-Bande von Oberschurke CO₂ gehören Stickoxide, Ruß- und Schwefelpartikel sowie Wasserdampf, der zu Eiswolken gefriert. Die lassen Sonnenstrahlen durch, aufsteigende Wärme jedoch nicht.

Den-Frühbucher-Rabatt-Sichern, das: Betätigung, zu der zögerliche Kunden von wohlmeinenden Anbietern regelmäßig mit Nachdruck ermahnt werden. Wenn nötig auch in den verschärften Varianten "jetzt!" oder "nur noch bis zum ...". Doch alte Reisehasen wissen: Nach dem Rabatt ist vor dem Angebot (natürlich bloß "für kurze Zeit!").

Einheimische (Plur.), die: Menschen, deren Freude darüber, an einem schönen Ort zu leben, sich in gemischte Gefühle verwandelt - selbst in >Geheimtipps. Denn seit die Gäste in Horden einfallen und teils sogar wie E. schlafen, essen und herumspazieren möchten, tritt man sich gegenseitig auf die Füße. Hoffnungsschimmer: Dank des Trends "Go Local" lassen sich die Besucher immer lieber von E. statt von Reiseleitern durch ihre Ziele führen - die perfekte Gelegenheit, sich zu beschnuppern und zu merken, dass jeder Tourist eben auch selbst irgendwo ein E. ist.

Tourismus Ausverkauft
Overtourism

Ausverkauft

Der boomende Tourismus macht aus manchen Städten regelrechte Museen. Die ersten verlangen jetzt sogar Eintritt. Höchste Zeit gegenzusteuern. Aber wie soll das gehen?   Von Jochen Temsch

Fernbus, der: Am Anfang buntes, inzwischen meist nur noch grünfarbiges Verkehrsmittel, das enorm an Fahrt aufnahm, als in Deutschland 2013 das Bahn-Monopol für Strecken über 50 Kilometer fiel. Punktet mit Kampfpreisen, Panoramablick auf Autobahn-Lärmschutzwälle sowie freiem Wlan und Umweltfreundlichkeit, wenn man Emission pro Kopf rechnet. Der Nachteil: Der Boom verschönerte nicht automatisch jede Bushaltestelle, vor allem die kleineren Stopps abseits der Zentralen Omnibus-Bahnhöfe haben beim Komfort noch Nachholbedarf.

Geheimtipp, der: Sehnsuchtsziel aller Reisenden, die fernab des übrigen Pöbels einen traumhaft-einsamen Ort entdecken wollen. Schon in den Neunzigern durch Alex Garlands Roman "The Beach" ad absurdum geführt, lebt aber als fixe Idee weiter - gerne verbreitet als Blogeintrag, >Instagram-Story oder Buch mit hoher Auflage. Verbindet Reisende zu einer komplexen Hassliebe untereinander - könnte der/die Andere doch die ersehnte Quelle eines G. sein, andererseits diesen durch eigene Anwesenheit unwiederbringlich verderben.

Hygge, die: Irgendwas mit Gemütlichkeit, nur cooler, schicker, skandinavischer. Im optimierten und eng getakteten Alltag vor allem ein Sehnsuchtsgefühl. Typische Ausstattung: dicke Socken, Kuscheldecke, Kerzen und Tee. Konsequent #hygge wäre es wohl, das Reisen einzustellen und sich stattdessen achtsam und >nachhaltig im trauten Heim zu erholen. Alternativ bietet sich eine Reise nach Dänemark an, zu den Ursprüngen der Hygge-Bewegung. Trendsetter allerdings lassen Dänemark links (oder rechts) liegen und biegen Richtung Niederlande ab: Die Holländer haben schon das Glücksrezept für das nächste Jahrzehnt. "Niksen" heißt es, das süße Nichtstun. Funktioniert auch ohne Socken und Kerzenschein.

Instagram, das: digitale Dia-Show für potenziell eine Milliarde Nutzer des sozialen Netzwerks. Da wollen nicht nur >Reiseblogger gut dastehen, am besten vor malerischem Hintergrund. Beliebtes Hilfsmittel: >Selfie-Stangen. Beliebte Motive: Instagrammer vor türkisblauem Bergsee, vor pittoreskem Dorf, vor schwindelerregenden Felsklippen, vor bunten Tulpenfeldern. Perfekte I.-Spots ereilt oft schlagartig das >Overtourism-Schicksal. Dann ist es mit der I.-Einsamkeit schon ein paar Meter weiter wieder vorbei: Dort stehen all die anderen Schlange, die auch zeigen wollen: Ja, wir sind alle Individualisten (und können uns diese Reise leisten)!

Tourismus Schöne Grüße aus dem Instagram-Hotel
Tourismus und Social Media

Schöne Grüße aus dem Instagram-Hotel

Viele Reisende posten in bunten Bildern, wie stilvoll sie übernachten. Hotels werden jetzt schon entsprechend geplant.   Von Evelyn Pschak

Junggesellenabschied, der: Gegenteil von >Hygge. Von Ethnologen nicht abschließend ergründetes Ritual, das gerne fern des heimischen Reviers begangen wird in Form von Wochenendausflügen in sogenannte Partymetropolen. Engl. Stag party, Frz. Enterrement de vie de célibataire, also Beerdigung des Junggesellendaseins. Beerdigt werden dabei oft auch Grundregeln des Miteinanders, was zu negativen Reaktionen bei >Einheimischen und Euphorie bei Anbietern von Beerbikes und Pub Crawls führt. Bedrohungen für den Fortbestand in der bekannten Form: weniger Billigflüge, schlechtere Wechselkurse von Euro und Pfund zu osteuropäischen Währungen.

Kreuzfahrten, die: früher Urlaub in schwimmenden Hotels, heute in Städten auf See - sozusagen Las Vegas auf dem Meer. Megaliner bieten unter anderem Gokart und Eislaufbahn, Wasserrutsche und Hochseilgarten, Zipline, Lasertag, Escape-Room, Kletterwände und Surfsimulator. Auf das derzeit größte der >XXL-Schiffe, die Symphony of the Seas, passen 6680 Passagiere. Ein wirklich großes Problem von K. bleibt aber: Sie schmutzen. Bisher sind erst zwei Schiffe weltweit mit Flüssiggasantrieb unterwegs, was auch nicht unproblematisch ist - aber weitaus weniger schädlich als Schiffsdiesel oder gar Schweröl. Kunden hält dies allerdings kaum vom Buchen ab, die Branche boomt. Wer auf Deck nicht zu finden ist: Pauschalreise-Hasser und Umweltschützer.

Luxus, der: auch bekannt als der pure L., unter dem man früher Dinge verstand, die man mit Geld kaufen kann. Nun aber wird etwa der Verzehr von mit Gold ummantelten Steaks als dekadent gescholten. Der neue L. ist eigentlich das, von dem einst irrtümlich behauptet wurde, es sei mit Geld eben nicht zu kaufen: Zeit und schöne Erlebnisse. Um die kostbare Zeit nicht mit Planung zu verschwenden, wird diese meist ausgelagert an Anbieter von L.-Erlebnissen. Die organisieren etwa Ballonfahrten mit Dinner hoch über Botswana oder eine Motorradtour mit Guide durch die Wüste. Während die L.-Abenteurer am Lagerfeuer ihr >Instagram-Profil pflegen, bereiten im Hintergrund Tourangestellte das Sechs-Gänge-Menü vor. Und wenn die Pralinen zum Dessert mit Blattgold verziert sind - nun, verkommen lässt sie auch der neue L.-Urlauber nicht.