Süddeutsche Zeitung

Reise-Glossar für die 2010er-Jahre:Hyggeliger Geheimtipp auf Instagram

Lesezeit: 8 min

Das vergangene Reisejahrzehnt von absurd bis ziemlich seltsam, geordnet von A bis Z.

Von Eva Dignös, Irene Helmes und Katja Schnitzler

Airbnb, das: Geschäft gewordene schöne Idee, sich im Urlaub in das Leben anderer einmieten zu können - Kopfkissen, Teekessel und Hipness der >Einheimischen inklusive. In Zusammenhang mit >Overtourism in die Kritik geraten, auf der Beliebtheitsskala nachhaltig Reisender zuletzt von >Geheimtipp bedenklich Richtung >Kreuzfahrten gerutscht.

Brexit, der: absurdes, etwas langatmiges Theaterstück mit bemerkenswert skurrilen Protagonisten. Auch wenn gelegentlich der Eindruck entsteht, dass sich Großbritannien auf einen fernen Planeten gebeamt hat, besteht nach wie vor die Möglichkeit, sich das Spektakel in Originalsprache an Originalschauplätzen anzuschauen: Auch nach drei Jahren Brexit-Chaos bleibt das Vereinigte Königreich glücklicherweise nur einen Ärmelkanal weit vom übrigen Europa entfernt.

CO₂, das: auch bekannt als Klimagift oder Klimakiller. Die Folgen von CO₂-Ausstoß in Flughöhe wurde von Airlines jahrelang heruntergespielt. Bevor nun der >Zugstolz zu groß wird, hat Easyjet angekündigt, das CO₂-Kompensieren für seine Passagiere zu übernehmen - startete aber auch die Kurzstrecke zwischen Edinburgh und Birmingham, die bestens mit Zügen verbunden sind. Und Kompensation macht Flüge noch lange nicht klimaneutral, denn zur Turbinen-Bande von Oberschurke CO₂ gehören Stickoxide, Ruß- und Schwefelpartikel sowie Wasserdampf, der zu Eiswolken gefriert. Die lassen Sonnenstrahlen durch, aufsteigende Wärme jedoch nicht.

Den-Frühbucher-Rabatt-Sichern, das: Betätigung, zu der zögerliche Kunden von wohlmeinenden Anbietern regelmäßig mit Nachdruck ermahnt werden. Wenn nötig auch in den verschärften Varianten "jetzt!" oder "nur noch bis zum ...". Doch alte Reisehasen wissen: Nach dem Rabatt ist vor dem Angebot (natürlich bloß "für kurze Zeit!").

Einheimische (Plur.), die: Menschen, deren Freude darüber, an einem schönen Ort zu leben, sich in gemischte Gefühle verwandelt - selbst in >Geheimtipps. Denn seit die Gäste in Horden einfallen und teils sogar wie E. schlafen, essen und herumspazieren möchten, tritt man sich gegenseitig auf die Füße. Hoffnungsschimmer: Dank des Trends "Go Local" lassen sich die Besucher immer lieber von E. statt von Reiseleitern durch ihre Ziele führen - die perfekte Gelegenheit, sich zu beschnuppern und zu merken, dass jeder Tourist eben auch selbst irgendwo ein E. ist.

Fernbus, der: Am Anfang buntes, inzwischen meist nur noch grünfarbiges Verkehrsmittel, das enorm an Fahrt aufnahm, als in Deutschland 2013 das Bahn-Monopol für Strecken über 50 Kilometer fiel. Punktet mit Kampfpreisen, Panoramablick auf Autobahn-Lärmschutzwälle sowie freiem Wlan und Umweltfreundlichkeit, wenn man Emission pro Kopf rechnet. Der Nachteil: Der Boom verschönerte nicht automatisch jede Bushaltestelle, vor allem die kleineren Stopps abseits der Zentralen Omnibus-Bahnhöfe haben beim Komfort noch Nachholbedarf.

Geheimtipp, der: Sehnsuchtsziel aller Reisenden, die fernab des übrigen Pöbels einen traumhaft-einsamen Ort entdecken wollen. Schon in den Neunzigern durch Alex Garlands Roman "The Beach" ad absurdum geführt, lebt aber als fixe Idee weiter - gerne verbreitet als Blogeintrag, >Instagram-Story oder Buch mit hoher Auflage. Verbindet Reisende zu einer komplexen Hassliebe untereinander - könnte der/die Andere doch die ersehnte Quelle eines G. sein, andererseits diesen durch eigene Anwesenheit unwiederbringlich verderben.

Hygge, die: Irgendwas mit Gemütlichkeit, nur cooler, schicker, skandinavischer. Im optimierten und eng getakteten Alltag vor allem ein Sehnsuchtsgefühl. Typische Ausstattung: dicke Socken, Kuscheldecke, Kerzen und Tee. Konsequent #hygge wäre es wohl, das Reisen einzustellen und sich stattdessen achtsam und >nachhaltig im trauten Heim zu erholen. Alternativ bietet sich eine Reise nach Dänemark an, zu den Ursprüngen der Hygge-Bewegung. Trendsetter allerdings lassen Dänemark links (oder rechts) liegen und biegen Richtung Niederlande ab: Die Holländer haben schon das Glücksrezept für das nächste Jahrzehnt. "Niksen" heißt es, das süße Nichtstun. Funktioniert auch ohne Socken und Kerzenschein.

Instagram, das: digitale Dia-Show für potenziell eine Milliarde Nutzer des sozialen Netzwerks. Da wollen nicht nur >Reiseblogger gut dastehen, am besten vor malerischem Hintergrund. Beliebtes Hilfsmittel: >Selfie-Stangen. Beliebte Motive: Instagrammer vor türkisblauem Bergsee, vor pittoreskem Dorf, vor schwindelerregenden Felsklippen, vor bunten Tulpenfeldern. Perfekte I.-Spots ereilt oft schlagartig das >Overtourism-Schicksal. Dann ist es mit der I.-Einsamkeit schon ein paar Meter weiter wieder vorbei: Dort stehen all die anderen Schlange, die auch zeigen wollen: Ja, wir sind alle Individualisten (und können uns diese Reise leisten)!

Junggesellenabschied, der: Gegenteil von >Hygge. Von Ethnologen nicht abschließend ergründetes Ritual, das gerne fern des heimischen Reviers begangen wird in Form von Wochenendausflügen in sogenannte Partymetropolen. Engl. Stag party, Frz. Enterrement de vie de célibataire, also Beerdigung des Junggesellendaseins. Beerdigt werden dabei oft auch Grundregeln des Miteinanders, was zu negativen Reaktionen bei >Einheimischen und Euphorie bei Anbietern von Beerbikes und Pub Crawls führt. Bedrohungen für den Fortbestand in der bekannten Form: weniger Billigflüge, schlechtere Wechselkurse von Euro und Pfund zu osteuropäischen Währungen.

Kreuzfahrten, die: früher Urlaub in schwimmenden Hotels, heute in Städten auf See - sozusagen Las Vegas auf dem Meer. Megaliner bieten unter anderem Gokart und Eislaufbahn, Wasserrutsche und Hochseilgarten, Zipline, Lasertag, Escape-Room, Kletterwände und Surfsimulator. Auf das derzeit größte der >XXL-Schiffe, die Symphony of the Seas, passen 6680 Passagiere. Ein wirklich großes Problem von K. bleibt aber: Sie schmutzen. Bisher sind erst zwei Schiffe weltweit mit Flüssiggasantrieb unterwegs, was auch nicht unproblematisch ist - aber weitaus weniger schädlich als Schiffsdiesel oder gar Schweröl. Kunden hält dies allerdings kaum vom Buchen ab, die Branche boomt. Wer auf Deck nicht zu finden ist: Pauschalreise-Hasser und Umweltschützer.

Luxus, der: auch bekannt als der pure L., unter dem man früher Dinge verstand, die man mit Geld kaufen kann. Nun aber wird etwa der Verzehr von mit Gold ummantelten Steaks als dekadent gescholten. Der neue L. ist eigentlich das, von dem einst irrtümlich behauptet wurde, es sei mit Geld eben nicht zu kaufen: Zeit und schöne Erlebnisse. Um die kostbare Zeit nicht mit Planung zu verschwenden, wird diese meist ausgelagert an Anbieter von L.-Erlebnissen. Die organisieren etwa Ballonfahrten mit Dinner hoch über Botswana oder eine Motorradtour mit Guide durch die Wüste. Während die L.-Abenteurer am Lagerfeuer ihr >Instagram-Profil pflegen, bereiten im Hintergrund Tourangestellte das Sechs-Gänge-Menü vor. Und wenn die Pralinen zum Dessert mit Blattgold verziert sind - nun, verkommen lässt sie auch der neue L.-Urlauber nicht.

Von Mikroabenteuer bis Yoga

Mikroabenteuer, das: Expedition für Heimatverbundene und Gegenentwurf zu >Virtual Reality und >Luxus-Urlaub. Statt nach dem Bürotag mit dem Tablet auf dem Sofa zu versacken, packt der Mikroabenteurer Rucksack und Schlafmatte und bricht auf in die unerforschten Tiefen des Stadtwalds. Dort stellt er sich den Herausforderungen der Wildnis (Pilzsammler! Waldkindergärten!), vielleicht sogar ganz mutig über Nacht. Selbstverständlich ohne Zelt - wildes Campen ist in Deutschland verboten - wodurch auch gleich eine Grundvoraussetzung des M. erfüllt ist: Der Abenteurer muss seine persönliche Komfortzone verlassen. Sonst wär's ja nur ein Spaziergang.

Nachhaltigkeit, die: hehres Ziel vieler Reisender, zumindest in der Theorie. Mehr als die Hälfte der Deutschen würde laut einer Umfrage gern nachhaltig, sprich umweltfreundlich und ressourcenschonend, Urlaub machen. In der Praxis wird es trotzdem oft wieder die Flugreise oder die >Kreuzfahrt, >CO₂-Fußabdruck hin oder her. Ist man so gewohnt, hat sich bewährt. N. gehört deshalb angesichts der Klimakrise dringend auf die To-do-Liste für das dritte Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts: Wie wäre es im nächsten Jahr mit einem >Mikroabenteuer oder gleich mit >Virtual Reality?

Overtourism, der: dunkle Seite der Reiselust. Wird vor allem dort beklagt, wo Urlauber in so großer Zahl auftreten, dass für die >Einheimischen kaum Platz bleibt, in Venedig zum Beispiel, Dubrovnik oder Barcelona. Darf allerdings nicht nur gruppenreisenden Pauschaltouristen in die Schuhe geschoben werden: Individualtouristen, die sich in Altstadtgassen in überteuerte >Airbnb-Wohnungen einmieten und dann auf >Instagram den Blick von der Dachterrasse posten, tragen ebenfalls ihren Teil bei. Die Aufgabe, den Massenandrang in verträglichere Bahnen zu lenken, ist herausfordernd: Dummerweise ist Tourismus in den meisten von O. betroffenen Orten eine wichtige Einnahmequelle.

Pleite, die: Trauriges Ende, das in den späten 2010er Jahren besonders Fluglinien und schließlich gar den ältesten Reisekonzern der Welt, Thomas Cook, ereilte. Auf das ganze Jahrzehnt gesehen aber am konsequentesten vorgelebt vom Berliner Projekt BER. Ausgenutzt oder gar vorgetäuscht von sogenannten Begpackern: Rucksackreisenden, die sich nicht schämen, in armen Ländern v.a. Südostasiens >Einheimische auf den Straßen anzubetteln, um ihr Spaßbudget wieder aufzustocken.

Qualität, die: Eigenschaft einer bezahlten Leistung, auf die Reisende großen Wert legen. Da die Definition von Q. nicht verbindlich festgelegt ist, kommt es auf Bewertungsportalen zu erbitterten Schlachten um die Deutungshoheit, zum Beispiel was guten Service, gelungene Architektur und angemessene Reinlichkeit besuchter (oder vielleicht auch nicht besuchter) Etablissements betrifft. Die Zuschreibung von Q. ist auch Geschäftsmodell, seit positive Beiträge auf Bestellung verfasst werden - was rechtswidrig ist, urteilte das Landgericht München.

Reiseblogger, der, die: Menschen, die den Diavortrag ins digitale Zeitalter übersetzt haben und damit oft auch noch Geld verdienen. Bei einigen Hotels und Resorts kommen die schwarzen Schafe dieser Branche allerdings nicht mehr gut an, und das im Wortsinn: Zu viele fragen zu oft und zu dreist nach kostenlosen Übernachtungen. Ähnlich unbeliebt sind bei >Einheimischen nur Rollkoffer.

Selfiestange, die: ausfahrbare Armprothese, die generell zu kurz geratene Gliedmaßen von Urlaubern verlängert, so dass neben Auge-Auge-Nase-Mund auch noch etwas von der bereisten Landschaft zu sehen ist. Heißgeliebt von >Instagram-Touristen, verflucht von Umstehenden, verboten von Museen. Wird bald abgelöst von der Selfie-Drohne.

Transalp, die: Überquerung der Alpen auf dem (E-)Mountainbike oder Rennrad, eine Spezialform der Alpenüberschreitung mit Trekkingstöcken. War nach dem Bau der Autopässe lange Zeit sehnigen Sportlern vorbehalten, die auch in der Wüste oder der Arktis allein zurechtgekommen wären. Heute gehört die Alpenüberquerung zu Fuß mitunter zum Schulklassenziel. Besonders legendär und daher inzwischen nah am >Overtourism: der E5 von Oberstdorf nach Meran.

Ungeduld, die: bezeichnet den dringlichen Wunsch Reisender, nur ja nichts zu verpassen (Sonderform: Abhakeritis). Kann angesichts stetig wachsender Warteschlangen vor Sehenswürdigkeiten in aller Welt zu Frustration und Enttäuschung führen. Dass der Trend zur Achtsamkeit in großem Stil Abhilfe schafft, konnte bislang nicht bestätigt werden.

Virtual Reality, die: dem Motto von Pippi Langstrumpf und Andrea Nahles folgend: "Wir machen uns die Welt, widde widde wie sie uns gefällt!" Heißt auf Reisen bezogen, dass vorab Hotelzimmer und Denkmäler in 3D begutachtet oder Helikopterflüge über New York simuliert werden. VR birgt für die Zwanzigerjahre die Lösung sowohl gegen >Ungeduld als auch gegen >Overtourism: Soll jeder von seinem eigenen Sofa aus glücklich werden. Dann meckern auch keine lästigen >Einheimischen. Mögliche Konvergenz mit >Hygge noch unerforscht.

Wandern, das: wurde zur Überraschung von Senioren mit Kniebundhosen und Holzstöcken zum Trend. Dabei geht es nicht nur auf und ab - beliebt sind die Spielarten Weitwandern, Eselwandern, Hüttenwandern, Winterwandern, Barfußwandern, Genusswandern, Schneeschuhwandern. Wird auch #hiking genannt, nicht zu verwechseln mit Nordic Walking. Neueste Spielart: Waldbaden, am besten in Verbindung mit einem >Mikroabenteuer wie Übernachten zwischen den Bäumen.

XXL, das: teils unausgesprochene, teils ausgesprochene Überzeugung, dass es sehr wohl auf die Größe ankommt. Prominente Beispiele: 6680 Passagiere auf der Symphony of the Seas (derzeit noch größtes >Kreuzfahrt-Schiff), 19 Stunden und 16 Minuten (Test zum längsten Non-Stop-Flug zwischen New York und Sydney im Oktober 2019), 7351 Zimmer (im größten Hotel der Welt in Malaysia). Wachsen durfte aber auch der Komfort bei dem, was einst Zelten hieß (Glamping!) oder das Ausmaß von Urlaub an sich (Sabbatical!).

Yoga, das: die ganze Welt bewegendes Glücksversprechen. Wo der Reisende hinkommt, ist der Y.-Kurs schon da. Es gibt Yoga am Mount Everest und in der Sahara, Yoga auf der >Kreuzfahrt, auf dem SUP und unter Wasser, Yoga mit Ziegen und auf dem Pferd. Urlaub plus Y. ist gleich absolute Entspannung: Diese Rechnung geht auf - zumindest für die Anbieter. Und ein Palmenstrand sieht als Kulisse für "Hund", "Katze" und "Heuschrecke" auf >Instagram deutlich besser aus als eine deutsche Schulturnhalle mit Wasserschaden. Dass der Yogi oft erst mal mäßig achtsam und >nachhaltig einige Stunden im Flieger verbringt, ist spätestens nach der dritten Runde Tiefenentspannung vergessen.

Zugstolz, der: positiver Bruder der Flugscham, beides von Greta Thunberg und anderen Kindern inspiriert, die besonders freitags ihr Recht auf Zukunft einfordern. Wer früher mit dem Shopping-Wochenende in New York oder der Silvesterreise nach Singapur angab, riskierte höchstens ein Augenrollen. Heute bekommt er eine volle Breitseite an >CO₂-Hochrechnungen und Untergangs-Szenarien (Küsten, Inseln, und ja, auch Singapur und New York!) ab. Flugscham macht sich breit - wobei trotzdem weitergeflogen wird, nur tut man dies nicht mehr überall kund. Umso größer also der Stolz Reisender, wenn sie Strecken nicht mit dem Flieger, nein, auch nicht mit dem Auto, sondern einzig und allein mit der Bahn zurückgelegt haben! Was die Angeber unter den Passagieren gerne hervorheben: Auch Zugfahren muss man sich erstmal leisten können. Manchmal nicht nur zeitlich.

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