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Serie "Reisen ohne Flug":Zu Fuß auf dem E5 nach Italien

E5, Alpenüberquerung

Es braucht Kondition und Ausdauer, dafür wird man mit wilden Szenerien belohnt.

(Foto: Ingrid Brunner)

Er ist der beliebteste Fernwanderweg über die Alpen. Bei einer geführten Reise wird auf dem E5 manches komfortabler - doch einige unterschätzen diese Tour gewaltig.

Auch so kann Zufriedenheit aussehen: Man sitzt auf einem Holzblock in einer Scheune und isst die mitgebrachte Jause. Hauptsache, im Trockenen. Vor der Scheunentür die Anhalter Hütte. Unter ihren Dachvorsprüngen suchen Wanderer Schutz vor dem Regen. Hinein kommen sie nicht. Die Anhalter Hütte, auf 2042 Metern gelegen, wird derzeit generalsaniert und erst 2021 wieder eröffnet.

Am zweiten Tag der Alpenüberquerung sind die Beine noch nicht richtig eingelaufen, die Oberschenkel wimmern vom langen, zähen Aufstieg, und der nasse Stein erschwert das Gehen. Trekkingführerin Chiara Zanetti blickt streng auf die Uhr. Sie macht das öfter. Sie muss die Zeit im Blick behalten, damit die Gruppe abends rechtzeitig die Unterkunft erreicht. Sie muss die Wege- und Wetterverhältnisse beobachten. Vor allem aber muss sie die acht unterschiedlich fitten Wanderer sicher über die Alpen bringen. Das ist bequem für die Teilnehmer, über Logistik und Routenplanung müssen sie sich keine Gedanken machen.

Auf dem Europäischen Fernwanderweg Nummer 5, kurz E 5, geht es in einer Woche von Oberstdorf nach Meran. Dieser Weg ist der Klassiker unter den verschiedenen Routen, die zu Fuß über die Alpen führen. Er gilt als die landschaftlich reizvollste, zugleich aber auch schwierigste Strecke. Und als die meistfrequentierte.

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"An guten Tagen sind auf dem E 5 an die 1200 Leute unterwegs", schätzt Thomas Bucher, Pressesprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV). Insgesamt seien es circa 9000, die in der Hauptwanderzeit zwischen Ende Juni und Anfang September auf dem E 5 wandern. Rechne man die anderen Routen über die Alpen hinzu, überschritten etwa 20 000 Menschen pro Jahr den Alpenhauptkamm von Norden nach Süden. Genaue Zahlen seien schwer zu erheben, nicht alle Wanderer übernachteten in Hütten. Für alle Transalpler würden deren Betten ohnehin nicht reichen. "Die Hütten, die an beliebten Fernwanderwegen liegen, können sich kaum retten vor Gästen", sagt Bucher. So habe die Memminger Hütte dieses Jahr sogar ein Zelt aufstellen müssen, eine Art Freiluft-Matratzenlager, um alle unterzubringen.

Deshalb buchen viele Veranstalter von Alpenüberquerungen die Unterkunft in Hotels und Gasthöfen im Tal. Das ist komfortabler als im Massenlager, zudem wird das Gepäck in der Regel transportiert. Die Wanderer gehen nur mit ihrem Tagesrucksack. Allein mit Wikinger, einem der größten Anbieter von Wanderreisen, sind dieses Jahr 19 Gruppen mit jeweils bis zu 14 Teilnehmern über die Alpen gegangen - auf sieben verschiedenen Routen. Im kommenden Jahr sollen zwei weitere Routen dazukommen: Die geführte Alpenüberquerung für Einsteiger vom Wendelstein nach Sterzing sowie die individuelle Tour von Garmisch nach Meran - Alpenüberquerung "light".

Die erste Station ist die Kemptner Hütte auf 1844 Höhenmetern. Mit 290 Schlafplätzen ist sie eine der größten im Alpenraum. Unterwegs geht es auf Grashängen vorbei an Schlüsselblumen, Enzian, Glockenblumen, an Alpenrosen in voller Blüte. Doch direkt an die Blumenwiesen grenzen Anfang August noch Schneefelder, irgendwo darunter verlaufen die Wege. Die Gruppe tastet sich über schmutzig-braunen, von Regen und Sonne angetauten Altschnee.

Diese Reise beginnt - frei nach dem alten Kalenderspruch - nicht mit dem ersten Schritt. Vor der Traverse sollten Wanderer besser viele Schritte getan haben, um sich Trittsicherheit, Ausdauer und Bergerfahrung anzueignen. Tagesetappen mit bis zu sechs Stunden reiner Gehzeit, Aufstiege bis zu 1250 Meter und Abstiege bis zu 1550 Meter sind zu bewältigen. Unerwartete Ereignisse wie Gewitter und Querungen von Schneefeldern kommen hinzu. Und das an sechs Tagen hintereinander. Das ist eine ganz andere körperliche Herausforderung als eine anspruchsvolle Tagestour mit anschließendem Ruhetag. "Ich habe immer wieder Gäste, die nach ein paar Tagen sagen, sie wollen nicht mehr. Oder sie können nicht mehr. Die fahren dann einfach nach Hause", sagt Chiara Zanetti. Erstaunlich, bedenkt man, dass eine geführte Wanderreise mit Unterkunft und Halbpension je nach Anbieter um die tausend Euro kostet - mindestens. Zuweilen sei sie gezwungen, zu schwache Teilnehmer auszuschließen, sagt die Reiseleiterin, um die Gruppe nicht zu gefährden.