bedeckt München 15°

Niksen statt Hygge:Schau doch mal aus dem Fenster

Nichts zu tun? Dann passt ja alles.

(Foto: Kinga Cichewicz / Unsplash)

Das entspannte dänische "Hygge" war gestern, heute ist "Niksen", Nichtstun, aus den Niederlanden der neue Trend. Warum kopieren wir eigentlich immer das Glück anderer Kulturen?

Die britische Vogue verkündete den neuen Trend als eine der ersten, und sofort stürzten sich eifrig Blogs, Internetseiten und Magazine weltweit darauf, obwohl es hier eigentlich um das genaue Gegenteil gehen sollte: Einfach mal nichts tun, nur eben jetzt auf die holländische Art. "Niksen" heißt der neue Lifestyletrend, der im Juli ausgerufen wurde, was auf Niederländisch so viel wie "nichts tun" bedeutet und damit ein doppelt gefundenes Fressen für den Zeitgeist ist. Weil ja alle ständig gefühlt zu viel um die Ohren haben und sich im Sommer mehr denn je nach der großen Leere sehnen, auch wenn die dann an vollen Stränden, mit lauter Bekannten und einer voll geladenen Powerbank in der Tasche zelebriert wird.

Niksen kommt da als Mantra wie gerufen. Plötzlich ist Abhängen erlaubt, sogar cool und wertvoll, weil die Niederländer in Studien regelmäßig zu den glücklichsten Völkern zählen. Hirnforscher sagen seit Jahren, dass wir die kreativsten Phasen eigentlich genau in den Leerlauf-Momenten erleben, abschalten also enorm wichtig für den Einzelnen und die Gesellschaft ist. Allein, es fehlte die griffige Formel dafür. Aber jetzt ist sie da, den Holländern sei Dank: Niksen! Aber wie geht das noch mal? Wo kann man das kaufen? Der Absatz von Hängematten, Chaiselongues und Ratgebern zum Thema dürfte sprunghaft ansteigen. Und das alles für: nichts und wieder nichts.

Freizeit in München und Bayern Hygge für Großstädter
Lifestyle

Hygge für Großstädter

Nur aus dem Bett quälen war gestern. Heute muss man den "Miracle Morning" zelebrieren, was bedeutet, dass man früh aufsteht und verträumt eine dampfende Tasse Tee umklammert. Hurra, du lebst! Nutze den Tag!   Kolumne von Christiane Lutz

Niksen ist jetzt also das neue "Hygge" (dänisch für gemütlich), so wie "Lagom" (schwedisch für maßvoll) vorher das neue Hygge war, und zwischendurch alle über "kalsarikännit" redeten, finnisch für "sich zu Hause alleine in Unterhosen betrinken". Skandinavien ist also weitgehend abgegrast, jetzt geht es bei den Beneluxländern weiter.

Aber warum eigentlich? Warum werden ständig irgendwelche Lebensarten importiert und als neue Glücksrezepte postuliert? Zumal das gute alte "il dolce far niente" - die italienische Kunst des süßen Nichtstuns - im Grunde ja nichts anderes als Niksen bedeutet. Allerdings hat Italien zwar traditionell viel Lebensart, nur aktuell vielleicht nicht den besten Leumund fürs Glücklich- und Zufriedensein. Außerdem ist Niksen kürzer, in der gestressten Welt also vermarktbarer und als Trendbegriff schlichtweg frischer. Sogar für die Niederländer selbst: Fragt man die angeblichen Ober-Nikser im Freundeskreis nach ihrem revolutionären Glücksrezept, sagen sie entweder "nie gehört" oder "na und?" Man überlegt kurz, wie hyggelig die Dänen in Wahrheit je waren. Andererseits ist das womöglich die höchste Stufe des holländischen Konzepts: Das regelmäßige Nichtstun so zu verinnerlichen, dass es einem vollkommen nichtig vorkommt.

Wir bereisen andere Kulturen und kopieren ihre Lebensart

Bei den Lifestyle-Trends spielt sich mittlerweile der gleiche Mechanismus wie beim Reisen ab. Ständig sind wir auf der Suche nach der nächsten angesagten Destination - been there, done that, lived like a local. Und wenn wir mal nicht unterwegs sind, bereisen wir andere Kulturen eben mit Wörtern und kopieren ihre Lebensart. Als Hygge 2015 über uns hereinbrach, kauften die Menschen begeistert Duftkerzen, flauschige Kissen, dicke Wollsocken und fühlten sich gleich ein bisschen nordischer, entspannter, hyggeliger eben. Mit dem langweiligen deutschen Stubenhocker hatte das alles natürlich nichts mehr gemein; es brauchte nur ein neues, exotisches Label, mit dem man demonstrativ herumpolyglotten konnte.

Denn das Glück der anderen erscheint immer ein bisschen erfüllter als das eigene, so wie der Rasen gegenüber nun mal grüner ist. In Zeiten der ständigen Sinnsuche kommt jeder Trend gelegen, mag er noch so banal sein. In der britischen Vogue wird die Psychologin Sandi Mann zitiert, Autorin des Buches "The Science of Boredom: The Upside (and Downside) of Downtime". Tagträumen sei der Schlüssel zum Niksen, das Sich-Einlassen auf die Langeweile. "Machen Sie es wie ich", rät Mann. "Ich schalte regelmäßig alle meine Geräte aus. (...) Außerdem starre ich beim Zugfahren aus dem Fenster." Wenn es nicht so genial trivial wäre, könnte man glatt vermuten, es stecke eine Kampagne der Deutschen Bahn dahinter.

Wenn alle Länder jetzt so erfolgreich Lebensweisheiten exportieren - was könnte der deutsche Beitrag sein? Was können wir den anderen in Sachen Glück und Lebenskunst noch beibringen? Wichtig ist zunächst, dass das Wort so nur in der jeweiligen Landessprache existiert, sich also nicht eins zu eins übersetzen lässt, sonst fehlt der USP, und den braucht es, um als linguistisches Kulturgut Karriere zu machen. Im "Glossary of Happiness" hat der britische Psychologe Tim Lomas bereits eine ganze Reihe davon gesammelt. Mittlerweile wird die Liste von Nutzern aus aller Welt immer weiter ergänzt.

Im Deutschen finden sich dort etwa Begriffe wie "Zeitgeist" und "Wanderlust", die längst international adaptiert wurden. "Freizeitstress" ist in seiner Strebsamkeit zwar herrlich deutsch, taugt aber wohl nur für die gescheiterte Glückssuche, "Heimat" ist spätestens seit Horst Seehofer irgendwie schwer vermittelbar.

Bliebe noch das deutsche "Fingerspitzengefühl". Was für ein Wort! Und in Zeiten von Donald Trump und Boris Johnson wichtiger denn je. Ursula von der Leyen könnte das von Brüssel aus mit leichter Hand verbreiten. Andererseits: Bis wir Spaniern und Engländern beigebracht haben, wie man das ausspricht, ist der Trend wahrscheinlich längst wieder vorüber. Dann lieber "Feierabend". Am besten, wir fangen sofort damit an.

Zeitgeist Mehr Garfield wagen!

Faule Sonntage

Mehr Garfield wagen!

Seit 100 Jahren ist der Sonntag in Deutschland von der Verfassung geschützt. Für die "seelische Erhebung". Aber was heißt das eigentlich?   Von Christian Mayer