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Virtual Reality:Zeitreise in die Vergangenheit

Die Zeitreise nach München machen Virtual-Reality-Brillen möglich.

(Foto: Time Ride)

Jonas Rothe bietet mit seiner Firma Time Ride Reisen durch die Zeit an. Mit Hilfe spezieller Brillen und Computersimulationen können Besucher in München durch elf landschaftlich und historisch bedeutende Stationen Bayerns fliegen.

Nur gut, dass zu König Ludwigs Zeiten der Hubschrauber nicht erfunden war. Aber dem Schöngeist wäre so ein lärmendes Gerät gar nicht recht gewesen, auch wenn man spektakulär durch die Luft knattern kann. Dann lieber den Pfauenwagen am Seil unter einem Heißluftballon, den sich der visionäre Fantast damals bauen lassen wollte. Rund 150 Jahre später sitzt man also in genau einem solchen Pfauenwagen und fliegt durch die bayerische Geschichte. Dies zuweilen so flott und in so krasser Kurvenlage, dass man sich eher im Fahrgeschäft auf dem Oktoberfest wähnt als hinter einer Virtual-Reality-Brille, die man bei der Zeitreise trägt, die das Unternehmen Time Ride anbietet und bei der es gerade die finale Sause vor Schloss Neuschwanstein in sich hat - wenn der Pilot meint, auch noch über die Pöllatschlucht und unter der Marienbrücke hindurch donnern zu müssen.

Menschen mit sensiblem Magen sollten vor der Zeitreise eher defensiv frühstücken. Ansonsten ist der virtuelle Trip ein schöner und lehrreicher Spaß. Und der geht so: Dank Virtual Reality (VR) in Kombination mit Vibrationen und Fahrtwind taucht der Besucher in das Leben ausgewählter Epochen ein. Beim Time Ride in Köln zum Beispiel geht es in einer Straßenbahn durch die Stadt um die Jahrhundertwende, in Dresden fährt man in einer goldenen Kutsche durch das barocke Dresden des Jahres 1719, in Berlin am Checkpoint Charlie mit einem Bus durch die geteilte Stadt der 1980er-Jahre. Nun also der Pfauenwagen in München Downtown, Tal 21, Touristen-Bestlage. Von Samstag an kann man hier durch elf landschaftlich und historisch bedeutende Stationen Bayerns fliegen.

Flug durch Raum und Zeit: Auf dem Bild die Münchner Geschäftsführerin und Zeitreisende Sybille Randoll.

(Foto: Catherina Hess)

Wie man auf so eine Idee kommt? "Es ist ein Kindheitstraum", sagt Jonas Rothe, der Gründer von Time Ride. "Zeitreisen haben mich als Kind wahnsinnig fasziniert, Geschichtsunterricht und -bücher ebenfalls, zum Beispiel über Komponisten. Ich bin Hobby-Musiker, Sänger, habe aber auch Klavier, Trompete und Orgel gespielt. Musik und Geschichte sind meine Hobbys, die jetzt auch zum Beruf geworden sind", so Rothe. Besonders interessiert sich der 32-Jährige für die Jahrhundertwende, in entsprechendem Outfit begrüßt er die ersten Gäste in München: Frack, Dreiteiler, weißes Halstuch, nadelgestreiftes Beinkleid. "Egal mit welcher Epoche man sich beschäftigt: Man lernt ja die Geschichten hinter der Geschichte kennen", schwärmt Rothe, "was haben Menschen damals erlebt? Was hat sie zu Leistungen getrieben? Zum Beispiel der Bamberger Dom: Die Menschen fürchteten zur Jahrtausendwende das Ende der Welt, das trieb sie an, dieses Bauwerk in nur acht Jahren zu erschaffen."

Rothe hat Kultur-und Musikmanagement studiert und in Anlehnung an seine Masterarbeit über zukünftige Museumskonzepte die Idee einer virtuellen Zeitreise weiter verfolgt. So werden seine Kunden mittels VR-Brillen zu Zeitzeugen vergangener Epochen, erleben historisches Wissen auf neue Art. Dafür gab es den bayerischen Gründerpreis und den deutschen Tourismus Preis 2018.

Die Zeitreisen kosten pro Person zwischen 8 und 16,50 Euro, das Familienticket unter der Woche bekommt man für 38,50, am Wochenende sind es 41,50 Euro. Konkret läuft der 45-minütige Besuch so ab: Zunächst geht es in eine historistisch eingerichtete Bibliothek samt Ludwig-II.-Porträt sowie Wittelsbacher Stammbaum und dann via Bildschirm durch sieben Jahrtausende bayerischer Geschichte, beginnend bei den ersten Siedlern. König Ludwig wird mit den Worten eingeführt "Es war einmal ein kleiner Prinz...". Der hatte sich als Kind immer in die Bibliothek und per Gedankenreise in fremde, exotische Welten geflüchtet. Ein Erzähler erinnert an den Limes, an Karl den Großen, die Ritter des Mittelalters, Jakob Fugger, Napoleon, Isar-Athen, frischt das gesamte Bayern-Wissen auf - bevor man im nächsten Raum auf einem Thron Platz nimmt, die VR-Brille aufsetzt und vom fiktiven Piloten Georg Aloisius Linnebach empfangen wird, eine Figur, die aus einer Loden-Werbung entsprungen scheint.

Bei der Zeitreise fliegen Orte und Gebäude nur so an einem vorbei - man sieht natürlich die Stadt München und es geht zum Königssee, auf dem noch keine Dampfer fahren.

(Foto: Time Ride)

16 Minuten dauert die Zeitreise, dabei geht es vorbei an 21 500 Gebäuden, 2,5 Millionen Bäumen und 80 000 Menschen. In Regensburg fliegt man über die Steinerne Brücke, justament in dem Moment, als Kaiser Barbarossa 1189 zum Kreuzzug aufruft. Das mittelalterliche Kloster Andechs hat noch keine Zwiebeltürme und der Königssee noch keine Ausflugsdampfer. In Nürnberg fahren die Zeitreisenden 1835 mit der ersten Eisenbahn um die Wette ("Da dampft der Adler!"), und auf der Theresienwiese beim ersten Oktoberfest 1810 fliegt man parallel zum Pferderennen. Und zum guten Schluss kommt die Sause unter der Brücke hin durch: "Festhalten!", ruft der Pilot, "das wird knapp." Es sei bislang aber immer gut gegangen, heißt es vom Veranstalter.

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