Das Politische Buch:Julius Streichers Echokammer

Das Politische Buch: Sozialer Kitt und sozialer Druck: Original-Fotografie eines von Passanten umlagerten "Stürmer"-Kastens in Kaiserslautern, aufgenommen um 1935.

Sozialer Kitt und sozialer Druck: Original-Fotografie eines von Passanten umlagerten "Stürmer"-Kastens in Kaiserslautern, aufgenommen um 1935.

(Foto: August Süßdorf/Stadtarchiv Nürnberg)

Das antisemitische Massenblatt "Der Stürmer" hatte eine extrem aktive Fangemeinschaft. Die Historikerin Melanie Wager hat erstaunliche und erschreckende Fakten in den Archiven gesammelt - die auch mit Blick auf die Gegenwart von Bedeutung sind.

Rezension von Robert Probst

Am Anfang wurde noch gelacht. Oder der Kopf geschüttelt. Oder einfach weggehört. Aus der SPD-Fraktion kam der Zuruf: "Politischer Hanswurst". Das alles tangierte den Abgeordneten Julius Streicher nicht, es spornte ihn eher noch an. Den Bayerischen Landtag nutzte der Volksschullehrer aus Nürnberg nur zu gern als Bühne für seine Propaganda-Show. Stundenlang polemisierte er zwischen 1924 und 1930 im Plenum über die "Gefahren des internationalen Judentums", forderte die Todesstrafe für "Rassenschänder", die Einführung von Rassenkunde in den Schulen, Sprechverbote für Juden im Deutschen Reich oder trat dafür ein, die Juden mit gelben Stoffzeichen zu stigmatisieren.

Bei Abstimmungen fehlte Streicher - der in der NSDAP-Fraktion als Außenseiter und bei einigen sogar als Psychopath galt - meist unentschuldigt. Ihm ging es immer nur um den Auftritt, die Verächtlichmachung des Parlamentarismus, ehrverletzende Angriffe auf Personen des öffentlichen Lebens als "Judenfreunde" - und seinen Lebenskampf: "Die Juden sind unser Unglück." Trotz aller Tumulte und Eklats, die die NS-Fraktion und allen voran Streicher besonders in der Spätphase der Weimarer Republik auslösten, wurde wenig bis nichts unternommen, die Pöbeleien und Tiraden zu stoppen. Zu spät wurde den demokratischen Parteien klar, wie sehr Streicher die Redefreiheit in eine "Schimpf- und Verleumdungsfreiheit" pervertiert hatte.

Gründer, Herausgeber, Schriftleiter, Alleineigentümer

Und für Julius Streicher das Beste: Er musste für seine Auftritte im Landtag und auf NS-Rednerbühnen gar nicht lange recherchieren. Das allermeiste, was er an persönlichen Attacken vorzutragen hatte, konnte er seiner eigenen Zeitung entnehmen. Die Wochenzeitung Der Stürmer - gegründet 1923 und fast bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs erschienen - war Streichers Lebenswerk. Er war Gründer, Herausgeber, zeitweiliger Hauptschriftleiter (heute würde man sagen: verantwortlicher Chefredakteur) und Alleineigentümer. Dieses Lebenswerk machte ihn zum Millionär und brachte ihm vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg 1946 den Tod durch den Strang. Die Richter sahen in ihm und seinem Stürmer einen entscheidenden Wegbereiter für den Holocaust.

Historische Studien über die Wirkweise des Stürmers gibt es einige. Doch die Arbeit von Melanie Wager bietet in mehrfacher Hinsicht Neues, Überraschendes und auch Erschreckendes. Und sie kann und muss auch in Bezug auf alle aktuellen Antisemitismus-Debatten gelesen werden. Als Wager - heute wissenschaftliche Mitarbeiterin am Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände - im Jahr 2008 mit ihrer akribischen Archivrecherche begann, hätte sie nie damit gerechnet, mit einer Untersuchung zur Wirkung von NS-Propaganda quasi von der Aktualität "überrundet" zu werden, wie sie selbst im Vorwort schreibt.

"Ein Hochgenuß, ein Schokoladenplätzchen erster Güte"

Die Haupterkenntnis dieser gekürzten und überarbeiteten Dissertation scheint schon im Untertitel auf: ",Der Stürmer' und seine Leser. Ein analoges antisemitisches Netzwerk." Das radikal-antisemitische Wochenblatt war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (und ist es bis heute, wie manch passende und meist eher unpassende Stürmer-Vergleiche beweisen) omnipräsent; nur fünf Prozent der Deutschen gaben 1949 an, die Zeitung nicht gekannt zu haben. Und die sie kannten, haben im Nachhinein gern behauptet, sie abstoßend gefunden zu haben. Und wenn überhaupt: Man sei ja regelrecht indoktriniert worden mit der NS-Propaganda.

Doch das Gegenteil war offenbar der Fall: Viele machten begeistert mit und halfen dem "lieben Stürmer" freiwillig bei seinem Feldzug gegen alles Jüdische, wo sie nur konnten. Dieses Ausmaß an Interaktion war bislang unbekannt und auch unerwartet. Und dabei war der Stürmer gar kein Parteiorgan, sondern hatte die ganzen 22 Jahre seiner Existenz stets eine Sonderrolle inne, die vor allem auf Streichers Freundschaft mit Adolf Hitler basierte. Viele führende NS-Größen sahen den Stürmer ob seiner Derbheit, nicht wegen seiner Ziele, als problematisch an, doch echte Sanktionen konnte Streicher fast immer abwenden.

Das Politische Buch: Besuch beim "Frankenführer": Adolf Hitler besichtigt 1935 mit seinen Begleitern die Bauarbeiten auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Von links: der Gauleiter von München-Oberbayern Adolf Wagner, der Oberbürgermeister von Nürnberg Willy Liebel, der Gauleiter von Franken Julius Streicher, unbekannt, Adolf Hitler, Hitlers Begleitarzt Karl Brandt und der Architekt Albert Speer.

Besuch beim "Frankenführer": Adolf Hitler besichtigt 1935 mit seinen Begleitern die Bauarbeiten auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Von links: der Gauleiter von München-Oberbayern Adolf Wagner, der Oberbürgermeister von Nürnberg Willy Liebel, der Gauleiter von Franken Julius Streicher, unbekannt, Adolf Hitler, Hitlers Begleitarzt Karl Brandt und der Architekt Albert Speer.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Hauptquelle der Forschungsarbeit war das Stürmer-Archiv im Stadtarchiv Nürnberg, wo sich zahllose Einsendungen von Lesern und Leserinnen befinden, etwa Briefe, Kommentare und jede Menge Fotos - laut Wager sowohl in Quantität und Qualität ein starkes Indiz für eine "außergewöhnlich enge und ganz besondere Leser-Blatt-Bindung" und einen "frappierend hohen Identifikationsgrad bei seiner Leserschaft." Also von wegen plump, verhetzend, pornografisch, diffamierend! Eine Leserin aus Wiesbaden etwa schrieb, sie würden den Stürmer nicht gegen den schönsten Roman eintauschen: "Er ist für mich ein Hochgenuß, ein Schokoladenplätzchen erster Güte." Da im Stürmer keine Nachrichten standen, sondern Ausgabe für Ausgabe ausschließlich Hetze gegen Juden und "Judenfreunde" betrieben wurde, können derartige Aussagen auch nur als Zustimmung verstanden werden.

Das Politische Buch: Melanie Wager: "Der Stürmer" und seine Leser. Ein analoges antisemitisches Netzwerk. Zur Geschichte und Propagandawirkung eines nationalsozialistischen Massenmediums. Metropol-Verlag, Berlin 2024. 535 Seiten, 36 Euro.

Melanie Wager: "Der Stürmer" und seine Leser. Ein analoges antisemitisches Netzwerk. Zur Geschichte und Propagandawirkung eines nationalsozialistischen Massenmediums. Metropol-Verlag, Berlin 2024. 535 Seiten, 36 Euro.

(Foto: Metropol-Verlag)

Besonders anschaulich sind die seit Mitte der 1930er-Jahre allerorts entstehenden Schaukästen für den Stürmer. Mehr als 2100 im ganzen Reich lassen sich nachweisen, ohne Zweifel gab es aber mehr davon. Sie entstanden großteils auf Initiative von NSDAP-Parteigliederungen, aber zu etwa einem Viertel auch auf Privatinitiative, ohne dass der Verlag etwas dafür bezahlte. Für Wager eine singuläre und neuartige Form der "Selbstermächtigung". Als Gegenleistung freute man sich über einen Fotoabdruck im Stürmer. Die Redaktion wurde der Brief- und Fotoflut bald nicht mehr Herr. "Permanent vor aller Augen machten diese öffentlichen Leseplätze den Antisemitismus als neue Realität in Deutschland allerorten sichtbar - und förderten dessen Akzeptanz innerhalb der deutschen Gesellschaft."

"Stürmer"-Kasten mit Prangerfunktion

Nun musste nicht jeder, der mit anderen vor solchen Stürmer-Kästen stand, ein Antisemit durch und durch sein. Aber sich über Inhalt, Aufmachung und Ton der Zeitung zu beschweren, wurde mit der Zeit sicher nicht einfacher - obwohl es immer wieder geschah, wie Wager anhand zahlreicher Beispiele berichtet -, und sei es nur, dass Firmen betonten, sie seien "arisch" und hätten keine jüdischen Mitarbeiter. Die Kästen hatten nämlich vielerorts eine weitere Funktion, die der Denunziation von "Volksgenossen", die etwa in jüdischen Geschäften kauften.

Einigen wurde regelrecht dort aufgelauert, Fotos, Namen und Adresse standen dann mindestens im Schaukasten, wenn nicht direkt im Stürmer. Um die Wahrheit ging es dabei nie, eher um den Versuch der Leserschaft, sich als "Volksgemeinschaft" zu fühlen, ihre Haltung zur Schau zu stellen, und vonseiten Streichers und seiner Truppe, das Sagbare immer weiter zu verschieben. Dass dabei moderne Begriffe wie Community, Fake News, Hate Speech und Echokammer fallen, ist kein Zufall, hätte aber zumal im Schlusskapitel noch weiter ausgeführt werden können.

Das Politische Buch: Selbstermächtigung: Eine Frau neben dem von ihr gestifteten oder selbsterrichteten "Stürmer"-Kasten im Jahr 1933.

Selbstermächtigung: Eine Frau neben dem von ihr gestifteten oder selbsterrichteten "Stürmer"-Kasten im Jahr 1933.

(Foto: Stadtarchiv Nürnberg)

Das Buch bedient sich wissenschaftlicher Sprache, aber die Lektüre lohnt sich sehr. Eine besondere Stärke ist die Kleinteiligkeit der Beispiele. Da sie sich aus allen Zeitschichten und Gegenden des Reiches (auch später der besetzten oder einverleibten Gebiete) zusammensetzen, entfaltet sich dadurch erst so richtig die Wucht der großen Fangemeinschaft. Besonders eindrucksvoll ist das 130 Seiten lange Verzeichnis der bekannten Stürmer-Kästen im ganzen Reich und eine große Auswahl von eingesandten Fotos der stolzen "Stürmerkampfgemeinschaft". Der Abdruck der berüchtigten Karikaturen von Philipp Rupprecht, alias "Fips", wären zur Illustration hingegen nicht zwingend nötig gewesen.

Der Stürmer sollte "das Blatt des Volkes" sein, hoffte Streicher. Ob es so war, lässt sich nicht abschließend beantworten. Sein neuartiges Massenmedium hat aber sicher mit dazu beigetragen, dass sich viele antisemitische Stereotype und Vorurteile hartnäckig über 1945 und den Holocaust hinaus halten konnten. Dass viele Zeitgenossen den Stürmer zwar kannten, aber eigentlich nie gelesen oder die Inhalte abgelehnt hätten, lässt sich jedenfalls nicht mehr behaupten.

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