Hitzewelle:Hier kann man sich abkühlen

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Hitzewelle: In der Cryo-Box hat es bis zu minus 160 Grad.

In der Cryo-Box hat es bis zu minus 160 Grad.

(Foto: Claus Schunk)

Kältekammer, Klima-Simulator oder Kirche: Acht Orte im Landkreis München, die Abkühlung versprechen. Einer ist so kalt, dass man es dort nur wenige Minuten aushält. Doch nur Anfänger begnügen sich mit minus 120 Grad Celsius.

Von Irmengard Gnau, Iris Hilberth, Annette Jäger, Michael Morosow und Claudia Wessel

Kältekammer in Straßlach

Ein Besuch in der Cryo-Box ist ein bisschen wie ein Termin beim Zahnarzt: Während der Behandlung wird einem gut zugeredet, um einen abzulenken. "Wir quatschen mit den Leuten, dann vergeht die Zeit schneller", sagt Katja Buchner, die die Kältekammer des Fitnessstudios "Clever fit next" in Straßlach betreut. Da der Kopf herausschaut, ist die Unterhaltung als Ablenkung möglich. Alles unterhalb des Halses dagegen wird für drei Minuten eisgekühlt. "Man fängt mit minus 120 Grad an", sagt Buchner. Beim zweiten oder dritten Termin fragen Buchner und ihre Kollegen schon mal nach: "Sollen wir's mal mit minus 130 probieren?" Die Grenze sind minus 160 Grad. Die meisten fangen also klein an, es sei denn, sie sind schon langjährige Eisbader, sagt Buchner.

Die "extrem trockene Kälte" in der Box soll viele positive Auswirkungen auf den Körper haben. In diesen heißen Tagen ist die wichtigste wohl, dass danach die Haut angenehm kühl ist und dies auch eine Weile bleibt. Gleichzeitig wird wohl das Gehirn die Kälteerinnerung eine Weile speichern, sodass man mit neuem Mut in die 32 Grad draußen eintauchen kann. Weitere Effekte: Man verbraucht bis zu 700 Kalorien in den drei Minuten, obwohl man sich nicht bewegt, es wird Endorphin ausgeschüttet, der Stoffwechsel angeregt, gegen Cellulitis angearbeitet, das Gewebe gestrafft. Viele nutzen die Kältekammer auch als Schmerztherapie etwa bei Knieproblemen, sagt Buchner. Ob man vor oder nach dem Fitnesstraining in die Cryo-Box steigt, sei Geschmackssache, so die Filialleiterin. Auf jeden Fall helfe es der Regeneration der Muskeln.

Hitzewelle: Das Leibniz-Rechenzentrum (LRZ) auf dem Campus der TU München in Garching muss gekühlt werden. Davon profitieren auch Mitarbeiter von Direktor Dieter Kranzlmüller.

Das Leibniz-Rechenzentrum (LRZ) auf dem Campus der TU München in Garching muss gekühlt werden. Davon profitieren auch Mitarbeiter von Direktor Dieter Kranzlmüller.

(Foto: Stephan Rumpf)

Kühlraum des Leibniz-Rechenzentrums in Garching

Im Leibniz-Rechenzentrum (LRZ) in Garching laufen die Rechner heiß, damit anderswo die Köpfe von Forscherinnen und Forschern rauchen können. Das LRZ stellt seit 60 Jahren die IT-Infrastruktur für Universitäten, Hochschulen und andere Forschungsinstitute in Bayern sicher und hat sich zu einem Supercomputing-Zentrum von internationalem Rang entwickelt. Mit dem "SuperMUC-NG" steht einer der stärksten Höchstleistungsrechner Europas in Garching. All diese wertvolle IT-Infrastruktur muss freilich gekühlt werden, damit sie zuverlässig funktioniert. Der SuperMUC-NG allein braucht bis zu vier Megawatt Strom, die er auch in Wärmeenergie umwandelt.

Hier setzt das LRZ auf innovative Technik: Während die Serverräume der meisten Rechenzentren mit Luft gekühlt werden, nimmt bei dem Höchstleistungsrechner Wasser die entstehende Wärme auf. "Wasser hat eine bessere Leitfähigkeit als Luft", erklärt Michael Ott vom LRZ. Mit der Abwärme der IT-Systeme wird in der kalten Jahreszeit das Gebäude beheizt, wo dies nötig ist. Außerdem erzeugt eine sogenannte Adsorptionsanlage mittels chemischer Prozesse aus der Abwärme des warmen Wassers Kälte, die wiederum zur Kühlung eingesetzt wird - der SuperMUC-NG kühlt sich also gewissermaßen zu einem Teil selbst. In den Genuss eines Aufenthalts im kühlen Serverraum kommen Mitarbeiter allerdings eher selten - das LRZ wird vor allem remote, also über virtuelle Zugänge gesteuert.

Hitzewelle: In der Wallfahrtskirche Maria Eich in Planegg ist es immer angenehm kühl.

In der Wallfahrtskirche Maria Eich in Planegg ist es immer angenehm kühl.

(Foto: Stephan Rumpf)

Kirche Maria Eich in Planegg

"Kirchen sind Andersorte", sagt Pater Felix Meckl, Prokurator des Augustinerklosters Maria Eich in Planegg. In diesen Tagen trifft das besonders auf die Raumtemperatur zu. Die zum Kloster gehörende Wallfahrtskirche ist sicher gerade der kühlste Ort in Maria Eich, meint der Pater. Wenn er tagsüber in die Kirche geht, weil er zum Beispiel etwas aus der Sakristei holen muss, verweilt er öfter als sonst in der angenehmen Kühle auf einer Kirchenbank. "Kurz reinsetzen, verweilen, durchschnaufen" - und das im doppelten Sinne: den erhitzten Körper kühlen und "die Seele lüften". Die kunstvoll gestalteten Glasfenster im Hauptschiff würden zudem nachmittags besonders schön leuchten.

Die Wallfahrtskirche ist von Wald umgeben, beim Morgengottesdienst um 8 Uhr öffnen die Brüder die Türen und lassen die frische, kühle Waldluft in den Kirchenraum. Dann werden die Türen wieder geschlossen und die Kirche mit ihren massiven Mauern bleibt den ganzen Tag angenehm kühl. Wer meint, die Mönche müssten es unter ihrem schwarzen Habit, den sie zu besonderen Anlässen tragen, gerade besonders warm haben, irrt. "Man kann unten drunter auch mal eine kurze Hose tragen", sagt Pater Felix. Und außerdem kühle der wallende Stoff um den Körper, man solle an die Beduinen denken, die auch in lange Gewänder gehüllt sind, um sich vor der Hitze zu schützen. Die Mönche teilen die Kühle und die klösterliche Ruhe gerne mit anderen. Die Wallfahrtskirche ist von 7.30 Uhr morgens bis 19.30 Uhr abends geöffnet. Viele Besucher schätzen in diesen Tagen aber auch ein schattiges Plätzchen unter den alten Eichen auf dem Vorplatz der Kirche.

Hitzewelle: In zehn Grad kaltem Eiswasser entspannen Fußballer nach dem Spiel ihre Muskeln.

In zehn Grad kaltem Eiswasser entspannen Fußballer nach dem Spiel ihre Muskeln.

(Foto: imago)

Eistonne der Spielvereinigung Unterhaching

Spätestens seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 kennt jeder die Eistonne. Innenverteidiger Per Mertesacker, genervt von den Fragen des ZDF-Fußballreporters Boris Büchler nach dem 2:1-Achtelfinal-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Algerien, machte sie mit diesem legendären Satz berühmt: "Ich lege mich jetzt drei Tage in die Eistonne, und dann werden wir das Spiel in Ruhe analysieren." Der eigentliche Zweck einer Eistonne ist allerdings nicht, die aufgestaute Wut über ein Interview abzubauen. Tatsächlich hilft ein Bad in einer solchen Eistonne nach einer besonders intensiven Trainingseinheit, die Regeneration der Muskeln zu beschleunigen. Vor allem Fußballer und Leichtathleten schwören darauf. Der portugiesische Fußballstar Cristiano Ronaldo soll 45 000 Euro in seine persönliche Kältesauna investiert haben.

Bei der Spielvereinigung Unterhaching tun es zwei ganz normale große Regentonnen. "Die Spieler, vor allem die Profis, nutzen die meist nach der Sauna", sagte Pressesprecher Quirin Friedel. Die Eiswürfel kühlen das Wasser in den Tonnen bis auf zehn Grad herunter, die Spieler können bis zum Hals darin baden. Das Eis kommt aus der Eismaschine im Physiobereich.

Hitzewelle: Die Brauerei Aying lagert ihren Hopfen bei etwa vier Grad. Elias Izak kann sich hier immer wieder abkühlen.

Die Brauerei Aying lagert ihren Hopfen bei etwa vier Grad. Elias Izak kann sich hier immer wieder abkühlen.

(Foto: Claus Schunk)

Hopfenkeller der Brauerei Aying

Ein kühles Bier - das war vor der Erfindung der ersten Kältemaschine durch den Ingenieur Carl von Linde im 19. Jahrhundert keine Selbstverständlichkeit. Die Brauer mussten sich bis dahin zur Kühlung tonnenweise Gefrorenes für ihre Eiskeller besorgen. Einen solchen hat die Brauerei Aying aber schon lange nicht mehr, denn das Bier wird laut Brauereidirektor Helmut Erdmann inzwischen nicht mehr raumgekühlt, sondern jeder Tank separat auf Temperatur gebracht. Einen kalten Raum aber gibt es immer noch auf dem Brauereigelände: den Hopfenkeller, in dem es zu jeder Jahreszeit zwischen drei und fünf Grad Celsius kühl ist, weil Wärme, Licht und Sauerstoff auch den Hopfen altern lassen würden, wie Edmann erklärt. Die Gnade, an heißen Tagen darin Erfrischung zu finden, wird freilich nicht jedem gewährt. Nur Brauer und der Braumeister betreten den Hopfenkeller und spüren auf der Stelle den extremen Temperaturunterschied von derzeit 30 Grad. Und erst recht, wenn sie wieder ins Freie hinaustreten.

Hitzewelle: Die Firma Gore testet Outdoor-Bekleidung in ihrem "Biophysics Lab" und simuliert dazu unter anderem extreme Temperaturen.

Die Firma Gore testet Outdoor-Bekleidung in ihrem "Biophysics Lab" und simuliert dazu unter anderem extreme Temperaturen.

(Foto: Daniel Goodrich/Gore)

Klima-Simulator bei Gore in Putzbrunn

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung - ein Sprichwort, das vor allem diejenigen nervt, die alles daransetzen, bei Regen, Sturm und Kälte nicht nach draußen zu müssen. Für alle anderen investieren Hersteller von Outdoor-Kleidung in die Entwicklung der "richtigen" Jacken, Hosen und Schuhe, die einem bei jeglicher Art von unangenehmem Wetter Schutz bieten. Um Produkte in unterschiedlichen Klimabedingungen mit verschiedenen Temperaturen, Luftfeuchtegraden und Windgeschwindigkeiten testen zu können, betreibt die Firma Gore in Putzbrunn und in Feldkirchen-Westerham das "Gore Biophysics Lab" mit insgesamt 17 Teststationen. "Von arktischer Kälte und Nieselregen bis zu mediterraner Hitze und tropischen Stürmen kann hier alles simuliert werden", teilt Gore mit.

Während also draußen im Juli die Temperaturen über 30 Grad klettern, können die Mitarbeiter die Gore-Klimakammer runterkühlen bis auf minus 50 Grad. Plus 50 Grad wären übrigens auch möglich, genauso wie eine relative Luftfeuchtigkeit von fünf bis 98 Prozent, Windgeschwindigkeiten von 0,4 bis 10 Meter pro Sekunde sowie die natürliche Sonneneinstrahlung. Durch die Festlegung von Ort (Längen- und Breitengrad) und Zeit passe das System das Licht automatisch so an, dass es der tatsächlichen Sonnenbelastung entspreche, teilt das Unternehmen mit. Man kann quasi mitten im Sommer in Putzbrunn in den tiefsten Winter irgendwo auf der Erde reisen. Gore erforscht die physiologische Wechselwirkung zwischen Mensch und Bekleidung auf wissenschaftlicher Basis durch praktische Tests. Dabei bewegen sich Testpersonen entsprechend der erwarteten körperlichen Aktivität, am Körper angebrachte Elektroden sammeln Daten über die Körpertemperatur, die Herzfrequenz und die Schweißmenge.

Hitzewelle: Kastellan Robert Heinzl im Verlies der Burg Grünwald.

Kastellan Robert Heinzl im Verlies der Burg Grünwald.

(Foto: Claus Schunk)

Verlies der Burg Grünwald

"In der Burg gibt's einige kühle Plätze", sagt Robert Heinzl, Kastellan der Burg in Grünwald. Allein seine Wohnung im Obergeschoss sei aufgrund der dicken Mauern recht kühl - jedenfalls für eine gewisse Zeit. "Ist sie dann aber mal aufgeheizt, dann ist es darin wie in einem Backofen", erzählt er aus leidvoller Erfahrung. Soweit ist es in diesem Jahr aber noch nicht gekommen. Auch der Ausstellungsraum im ersten Stock sei im Moment angenehm kühl. Wem aber auch das noch nicht reicht, der kann mit einer einfachen Eintrittskarte ins Burgverlies abtauchen und sich dort so lange aufhalten, wie es gut tut. Dabei kann man sich natürlich auch bilden: Es gibt einige Videostationen und Tafeln, die man in aller Ruhe lesen kann. Zum Rundgang durch die Burg gehört aber auch der Aufstieg auf den Turm, in dem man der Sonne gnadenlos ausgeliefert ist. Ob man das vor oder nach dem Burgverlies machen möchte, bleibt jedem Besucher überlassen.

Hitzewelle: In der Werkstatt von Eisdesigner Thomas Tremml hat es bis zu minus 26 Grad.

In der Werkstatt von Eisdesigner Thomas Tremml hat es bis zu minus 26 Grad.

(Foto: Lino Mirgeler/dpa)

Eisdesigner-Werkstatt in Ismaning

Am Mittwoch lag die Gemeinde Ismaning unter einer 37 Grad heißen Hitzeglocke, Thomas Tremml und sein Sohn Philipp aber trugen tagsüber Thermohose, Anorak und warme Handschuhe. Beide sind erfolgreiche Eisdesigner und haben den "coolsten Arbeitsplatz in Bayern", wie Thomas Tremml sagt. Bis zu minus 26 Grad kalt ist es in der Halle, wo in großen Gefrierbecken das Wasser sachte in Bewegung gehalten wird, um einwandfreie Eisblöcke zu gewinnen. Wie fühlt sich das an, wenn man ins Freie tritt und dort mit einem Temperaturunterschied von 63 Grad konfrontiert wird? "Das ist so, als wenn du gegen eine Wand läufst, das ist wirklich extrem", berichtet der Eisschnitzer.

Nach zwei Jahren Corona-Pause, während der sein Geschäft sprichwörtlich auf Eis lag, brummt es nun ausgerechnet im Hochsommer mehr denn je, weil ganz Deutschland Eiswürfel und Crash-Eis bei ihm bestellt, was ihn auf der einen Seite natürlich freut, auf der anderen Seite aber auch an die Grenzen der Belastbarkeit bringt. Die Nachfrage nach Eiswürfeln sei gerade enorm, weil überall in Deutschland die Maschinen ausgefallen seien und nun alle beim ihm anklopfen. Unter anderem den G-7-Gipfel, das internationale Reitturnier CHIO in Aachen, die Festspiele in Oberammergau und den Frankfurter Flughafen bestückte er mit seinen Eiswürfeln. "Das war die Hölle", sagt der Unternehmer. Die Nachfrage sei aber auch aktuell so groß, dass er nur noch seine Stammkunden bedienen könne.

Natürlich könne keiner bei diesen sibirischen Temperaturen acht Stunden am Tag in der Eishalle stehen, entsprechend seien die Pausen geregelt. Wenn es nach ihm geht, dann kann auch der Sommer langsam Pause machen. "Ich hoffe, dass es kälter wird, damit wir ein wenig durchschnaufen können."

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