SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 53:"Woher kommen Sie eigentlich?"

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SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 53: Es sollte für den Pflegeberuf doch egal sein, wie die familiären Wurzeln des Personals aussehen, findet Pola Gülberg.

Es sollte für den Pflegeberuf doch egal sein, wie die familiären Wurzeln des Personals aussehen, findet Pola Gülberg.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Regelmäßig wird Pola Gülberg von Patienten nach ihrer Herkunft gefragt. Die Intensivfachpflegerin findet das nicht in Ordnung - und weiß zu kontern.

Protokoll: Johanna Feckl, Ebersberg

Es war erst kürzlich, als mich ein Patient fragte: "Woher kommen Sie eigentlich?" Ich hab mich irritiert gestellt und wollte wissen, wie er das denn meine. Der Mann wiederholte seine Frage. "Aus einem Dorf in der Nähe von hier", sagte ich zu ihm. Nun war es mein Patient, der irritiert aussah. "Ach so, weil Sie reden ja gar kein Bairisch", erwiderte er, immer noch mit verdutztem Gesichtsausdruck. Die Herkunftsfrage höre ich regelmäßig. Das liegt nicht daran, dass ich wenig Dialekt spreche. Sondern daran, dass ich in den Augen von so manch einem nicht "deutsch" aussehe. Dass mir Patienten eine solche Frage stellen, ist nicht in Ordnung.

Meine Herkunft hat schon immer eine Rolle gespielt. Mein Vater stammt aus Deutschland, meine Mutter aus Chile. Wenn ich mich in Chile aufhalte, bin ich die Deutsche. Das hat sich sogar während der sechs Jahre nicht geändert, als ich als Erwachsene dort gelebt habe. Zu Schulzeiten hat mich ein Rowdy-Junge sogar mal als Nazi beschimpft, weil ich zu ihm gesagt habe, er solle sich nicht so aufführen - der Junge stammte nicht aus Deutschland. Und obwohl ich im Landkreis aufgewachsen bin und sogar an meinem jetzigen Arbeitsort, in der Ebersberger Kreisklinik, geboren wurde, gehöre ich für einige Menschen auch hier nicht vollständig dazu. Die Herkunftsfragen meiner Patienten sind nur ein Beweis dafür.

Dieser Zwiespalt führt dazu, dass gewisse Fragen oder Kommentare in mir andere Gedanken auslösen, als es bei Kolleginnen ohne Migrationsgeschichte der Fall ist. So habe ich es in meiner Ausbildung einmal erlebt, dass sich eine meiner Patientinnen von ihrer Zimmernachbarin mit den Worten "Heil Hitler" verabschiedet hat, als wir sie in den OP gefahren haben. Da musste ich schlucken. Ich war geschockt. Hatte sie das gerade wirklich gesagt?

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 53: Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg von der Ebersberger Kreisklinik.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ich glaube nicht, dass der Spruch gegen mich persönlich gerichtet war. Aber er hat mich dennoch lange beschäftigt. Hoffentlich hat sie nichts gegen mich, hoffentlich habe ich keine Probleme, wenn ich sie versorge - das waren meine Gedanken. Meine damalige Kollegin ohne Migrationsbackground war ebenso erschrocken über die Aussage. Sie hatte jedoch sicherlich nicht die gleichen Sorgen wie ich. Das ist heute nicht anders: Die meisten aus meinem Team haben nie rassistische Äußerungen von Patienten gehört - zum Glück. Und so wundern sie sich, wenn ich ihnen von meinen Erfahrungen erzähle.

Im Vergleich zu "Heil Hitler" ist die Herkunftsfrage beinahe ein Leichtes. Die Patienten, die sie stellen, sind hochaltrig und oft steckt eine positive Neugierde dahinter. "Ach, deshalb haben Sie so schöne dunkle Augen", antworten sie zum Beispiel, wenn ich von meiner chilenischen Familie erzähle. Trotzdem ist es falsch von ihnen, eine solche Frage zu stellen, denn sie ist unglaublich persönlich und im Kern - Kompliment hin oder her - rassistisch. Meine familiären Wurzeln sollten in meinem Job egal sein.

Ich habe mich mit der Frage abgefunden. Ansonsten würde mich das kaputt machen. Mittlerweile spiele ich damit. So bin ich dann auch mal g'schert und antworte in perfektem Bairisch "i bin vo do".

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 37-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte sind unter sueddeutsche.de/thema/Auf Station zu finden.

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