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Gespräch über die 68er-Bewegung:Was bleibt von der Studentenrevolte?

Moment, zerreden Sie gerade die Errungenschaften der Bewegung? Oder ist vieles heute einfach konservativ, was damals als ultralinks galt?

Schneider: Die Union hat sicherlich nicht alle Punkte übernommen, aber sie ist multikultureller geworden, hat Grenzen geöffnet. Schwer zu sagen, was man den 68ern anrechnen kann. Das ist natürlich auch innerhalb einer grenzenlosen Europäischen Union geschehen. Selbstverständlich haben wir heute eine andere Weltsituation, der sich auch die Parteien anpassen.

Goodwin: Na ja, die CSU lebt ja noch sehr stark die kulturelle Differenz. Betrachten wir nur die Einstellung zur Ehe für alle.

68er-Bewegung Wie aus friedlichem Protest Terror wurde
68er-Bewegung

Wie aus friedlichem Protest Terror wurde

Teile der Revolte von 1968 beließen es nicht beim Aufbegehren. Ihre Aktionen gipfelten im linken Terrorismus.   Von Olivia Kortas

Anders gefragt: Fehlt den neuen Bundesländern die Revolte von 1968?

Schneider: Ich komme aus Thüringen und würde sagen: In gewisser Weise ja, denn da werden viel stärker Parteien gewählt, die vermeintlich einfache Antworten auf schwierige Fragen haben.

Lohmüller-Kaupp: Ich habe mal in Erfurt den Europäischen Sozialfonds geleitet und feststellen müssen, dass das Prinzip der Orientierung an denen "da oben" dort nach wie vor ausgeprägt ist.

Schneider: Für mich ist die größte Errungenschaft aber die sexuelle Befreiung. Es ist gut, dass man geoutet nicht mehr fürchten muss, strafrechtlich verfolgt zu werden und sich auch auf der Straße sorgenfrei bewegen kann.

Goodwin: Ich finde an 68 am wichtigsten, die personelle Kontinuität mit der Nazizeit anzuprangern. Ich glaube aber auch, dass der Aufbruch von Verkrustungen jeder Generation neu obliegt. Wir haben neue Herausforderungen und müssen solidarische Antworten finden. Und dabei geht es nicht mehr nur um die Teilnehmerzahlen von Demos ...

Schneider: Das haben die 68er mich jedenfalls auch als Konservativen gelehrt: Dass man alles kritisch hinterfragen sollte.

Lohmüller-Kaupp: Dann haben Sie ja heute etwas gelernt!

Herr Lohmüller-Kaupp, Herr Goodwin, Herr Schneider, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Was von den 68ern bleibt
68er Revolte

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