Tourismus und Naturschutz:Regierung lässt sich für teure Seilbahnförderung feiern

Lesezeit: 3 min

Tourismus und Naturschutz: Fast 70 Jahre alt ist die Rauschbergbahn. Nun ist ihre Betriebserlaubnis erloschen. Doch eine neue Seilbahn ist bereits in Planung.

Fast 70 Jahre alt ist die Rauschbergbahn. Nun ist ihre Betriebserlaubnis erloschen. Doch eine neue Seilbahn ist bereits in Planung.

(Foto: Imago)

Das bayerische Wirtschaftsministerium beauftragt ein Beratungsbüro, um seine millionenschweren Seilbahnsubventionen zu untersuchen. Das Ergebnis: viel Lob. Doch viele Naturschutzverbände sind da ganz anderer Meinung

Von Matthias Köpf

Es war ein Abschied mit Wehmut und Blasmusik: Am vergangenen Sonntag sind die Ruhpoldinger zum vorerst letzten Mal in eine der schwarz-grauen Gondeln gestiegen, um sich darin auf den 1645 Meter hohen Rauschberg tragen zu lassen. Einen Tag später ist die Betriebserlaubnis der fast 70 Jahre alten Rauschbergbahn erloschen, doch dabei soll es natürlich nicht bleiben. Eine neue Seilbahn ist längst in Planung, statt 120 wie bisher soll sie dann bis zu 450 Fahrgäste pro Stunde auf den Rauschberg bringen.

25 Millionen Euro wird es für den Neubau wohl mindestens brauchen, und dafür wiederum braucht es in Ruhpolding Investoren, die sich aber lange nicht gefunden haben. Inzwischen gibt es einen Vorvertrag, und wenn das alles fix ist, dann wird sicherlich auch der Freistaat wieder mit etlichen Millionen dabei sein. Denn ihre Seilbahnförderung betrachtet die Staatsregierung als Erfolgsprojekt, was sie sich gerade in einer aktuellen Auswertung selbst hat bestätigen lassen. Naturschützer sind da meist anderer Meinung.

"Eine attraktive, moderne Infrastruktur wertet die bayerischen Tourismusregionen erheblich auf." Diesen Schluss zieht Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) aus der Untersuchung, die sein Haus bei den Tourismus-Beratern des Büros dwif-Consulting bestellt und nun veröffentlicht hat. Die drei Autoren der Studie haben sich mit den 42 Projekten befasst, die zwischen dem Beginn des Förderprogramms 2009 und dem Jahr 2020 fertiggestellt waren. Alle zusammen haben sie 199 Millionen Euro gekostet, etwa ein Viertel davon kam vom Freistaat. Von 2020 bis heute sind laut Wirtschaftsministerium aber noch vier gewichtige Vorhaben hinzugekommen, sodass der Freistaat für insgesamt 46 Projekte mit einer Investitionssumme von zusammen 323,5 Millionen Euro bereits 91,1 Millionen Euro an Fördergeld ausgeschüttet hat.

Die Autoren, die für ihre Studie nach eigener Darstellung vor allem mit den Fördergeld-Empfängern und mit Vertretern des Wirtschaftsministeriums und verschiedener Bezirksregierungen Kontakt hatten, kommen zu dem Ergebnis, dass 70 Prozent aller geförderten Seilbahnprojekte ohne Geld vom Staat überhaupt nicht hätten verwirklicht werden können. Ihnen gilt die Förderung deswegen als "Investitionsauslöser", der neben den mit 35 Prozent der Kosten bezuschussten Seilbahn-Projekten noch weitere Investitionen nach sich gezogen habe.

Die Folge: mehr Komfort, mehr Barrierefreiheit, mehr Zufriedenheit, mehr touristische Strahlkraft, mehr Arbeitsplätze und natürlich auch mehr Gäste. Zugleich hätten sich oft die Kommunen zugunsten privater Unternehmen zurückgezogen und seien so finanziell entlastet worden. 94 Prozent der Geförderten, so heißt es im Abschlussbericht noch, würden gerne wieder Geld vom Staat nehmen.

Dass es in den Bergen dank staatlicher Förderung von allem immer mehr und noch mehr geben soll, stößt jedoch auf scharfe Kritik von Umweltverbänden. Die empfindlichen Ökosysteme und Ruheräume im Gebirge gerieten ohnehin immer stärker unter Druck. Ein quantitatives Wachstum des Tourismus, wie es mit den regelmäßigen Kapazitätssteigerungen bei Seilbahn-Erneuerungen einhergehe, könne "kein Ziel für die bayerischen Alpen mehr sein", hieß es etwa jüngst vom Landesvorsitzenden des Bundes Naturschutz, Richard Mergner. Auch lokale Bürgerinitiativen wie die Gruppe "Rettet die Kampenwand" machen die Seilbahnförderung für Fehlentwicklungen mitverantwortlich - im konkreten Fall für den geplanten und bereits genehmigten Ausbau der Seilbahn auf die ohnehin überlaufene Kampenwand samt weiterer Zunahme des Autoverkehrs im Tal.

Investitionen in den Winterbetrieb sind an der Kampenwandbahn nicht vorgesehen

Dabei stellt die Kampenwandbahn eine Ausnahme dar, denn Investitionen in den Winterbetrieb, etwa mit neuen Schneekanonen und Speicherteichen, sind hier gar nicht vorgesehen. In aller Regel wird aber auch das staatlich unterstützt. Speziell dagegen stemmen sich zahlreiche Naturschutzverbände wie der BN, der Landesbund für Vogelschutz und auch der Deutsche Alpenverein derzeit mit einem Forderungskatalog an die Parteien im Landtag. Auf diese Weise wollen sie auch eine öffentliche Debatte über Änderungen am Förderprogramm erreichen.

Das würde zum Jahresende auslaufen, Aiwanger möchte es aber unbedingt verlängern. Sein Ministerium betont im Zusammenhang mit der Seilbahn-Studie besonders, dass mit der Förderung Geld in den Ganzjahresbetrieb fließe. So bezuschusse man nur Kabinenbahnen und Sessellifte, aber keine neuen Schlepplifte. Die Abkehr von den Schleppliften habe "die Sommernutzung an vielen Orten erst ermöglicht". Das weiß auch der Rosenheimer CSU-Landtagsabgeordnete Klaus Stöttner zu würdigen, der zugleich Präsident des Tourismusverbands Oberbayern-München ist und sich selbst zu den Erfindern der Seilbahnförderung zählt. Mit Blick auf die Wintersaison freue es ihn besonders, "dass mit unseren neuen Seilbahnen Wintersport direkt vor der Haustür möglich ist. Lange Anfahrtszeiten werden eingespart und damit wird Fernverkehr reduziert, was den Wintersport ökologisch verträglicher macht."

Zur SZ-Startseite

Bayerische Alpen
:Etwas fürs Naturschützerherz

Vor 50 Jahren teilte der bayerische Alpenplan die Bergregion in Schutzzonen ein. Seitdem bewahrt er die Landschaft vor tiefen Eingriffen zu Gunsten des Massentourismus - und vor zweifelhaften Ideen von Markus Söder.

Lesen Sie mehr zum Thema