Fall Peggy Chronologie eines rätselhaften Verbrechens

2001 verschwand die kleine Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg auf dem Heimweg von der Schule spurlos. Dann fand ein Pilzsammler Anfang Juli dieses Jahres ihre Knochen in einem Wald in Thüringen. Eine Chronologie.

Dass ein Fall so viele Menschen so lange beschäftigt, ist selten: 2001 verschwand die neunjährige Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg auf dem Heimweg von der Schule. 2004 wurde Ulvi K. als Mörder verurteilt, nach der Wiederaufnahme des Falls wird der geistig zurückgebliebene Sohn eines Gastwirts aber zehn Jahre später freigesprochen und 2015 aus der Psychiatrie entlassen. Dann fand ein Pilzsammler in einem Wald im thüringischen Landkreis Saale-Orla-Kreis Knochen, die von Peggy stammen.

Mai 2001: Die neunjährige Peggy verschwindet am 7. Mai. Um 12.50 Uhr verlässt sie das Schulhaus mit einem pinken Ranzen auf dem Rücken. In der Nähe ihres Elternhauses, am Lichtenberger Marktplatz, wird sie laut Polizei um 13.15 Uhr das letzte Mal gesehen. Wochenlang suchen Hundertschaften der Polizei nach dem Mädchen. Sogar Tornados von der Bundeswehr sind im Einsatz.

August 2001: Der geistig zurückgebliebene Sohn eines Gastwirtspaares, Ulvi K., wird festgenommen. Er gesteht, sich an Peggy und anderen Kindern vergangen zu haben.

Februar 2003: Die Staatsanwaltschaft Hof erhebt Anklage wegen Mordes gegen Ulvi K.

Oktober 2003: Der Prozess beginnt vor dem Landgericht Hof. Das erste Verfahren platzt nach wenigen Verhandlungstagen wegen fehlerhafter Besetzung des Gerichts.

Fall Peggy Fall Peggy: Das Trauma von Lichtenberg
Oberfranken

Fall Peggy: Das Trauma von Lichtenberg

Die Ermittlungspanne ist eine peinliche Geschichte. Sie verdeckt aber nur kurz den Zustand der kleinen Heimatstadt des Mädchens - dort leidet man seit 15 Jahren unter dem Verschwinden des Kindes und den Folgen.   Von Olaf Przybilla

November 2003: Der Prozess beginnt erneut.

April 2004: Nach 26 Verhandlungstagen wird Ulvi K. in einem Indizienprozess wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Landgericht Hof glaubt, er habe Peggy missbraucht und sie dann aus Angst, sie könnte ihn verraten, umgebracht. Es stützt sich vor allem auf ein Geständnis, das der Angeklagte bei der polizeilichen Vernehmung gemacht hat, aber vor Gericht widerruft. Zweifel bleiben. Etwa weil bei dem Geständnis sein Anwalt nicht dabei war, auch eine Tonaufnahme gibt es nicht. Die lebenslange Haftstrafe hat Ulvi K. bis heute nicht angetreten. Er sitzt in der forensischen Psychiatrie in Bayreuth wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern.

September 2010: Ein Belastungszeuge widerruft seine Aussage und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden. Der Mitpatient von Ulvi K. im Bezirkskrankenhaus Bayreuth hatte behauptet, er habe ihm den Mord gestanden. Nun sagt er: Die Polizei habe ihn damals zu der Aussage gedrängt und ihm seine Entlassung versprochen. Zu einer Wiederaufnahme kommt es zunächst nicht.

Juli 2012: Die Staatsanwaltschaft ermittelt wieder im Fall Peggy. Sie konzentriert sich nun vor allem darauf, die Leiche zu finden.

April 2013: Anwalt Michael Euler beantragt beim Landgericht Bayreuth die Wiederaufnahme des Falls. Er arbeitet für die Bürgerinitiative "Gerechtigkeit für Ulvi". Euler stützt sich unter anderem auf Entlastungszeugen, die Peggy am Nachmittag ihres Verschwindens noch gesehen haben wollen, aber nie vor Gericht gehört wurden. Derweil graben die Ermittler den Hinterhof eines Hauses am Marktplatz von Lichtenberg um. Metertief. Sie stoßen auf ein paar Knöchelchen, doch die stammen vermutlich von einem alten Friedhof, nicht von Peggy. In den Fokus der Ermittlungen gerät auch der Hausbesitzer: Der Rentner saß wegen Kindesmissbrauchs im Gefängnis.

September 2013: Es wird bekannt, dass es einen weiteren Verdächtigen gibt: Er sitzt in Sachsen-Anhalt in Haft, weil er seine Tochter missbraucht hat. Sein Elternhaus wird durchsucht. Der damals 17-Jährige war öfter bei seinem Halbbruder in Lichtenberg, dem Nachbar von Peggy, zu Besuch und mit dem Mädchen befreundet. Auch sein Halbbruder gilt nun als verdächtig.

Dezember 2013: Das Landgericht Bayreuth ordnet die Wiederaufnahme des Falls an - und bezieht sich dabei unter anderem auf den Mitpatienten, der seine Aussage 2010 widerrufen hatte. Zudem führt es die möglicherweise falsche Einschätzung des Gutachters an, der das Geständnis von Ulvi K. vor Gericht für glaubwürdig erklärt hatte.

Januar 2014: Die Polizei öffnet ein Grab auf dem Friedhof in Lichtenberg auf der Suche nach Peggys Leiche. Hier wurde am 9. Mai 2001 eine alte Frau begraben. Doch die Ermittler finden keine Spur des Mädchens.

April 2014: Überraschend löst die Staatsanwaltschaft Bayreuth den bisher zuständigen Kollegen von dem Fall ab. Zwei Journalisten erheben zeitgleich schwere Vorwürfe gegen den Vorsitzenden Richter. Am 10. April beginnt vor dem Landgericht Bayreuth der Wiederaufnahmeprozess.

Fall Peggy Anwältin von Peggys Mutter: "15 Jahre zurückversetzt"
Peggy und NSU

Anwältin von Peggys Mutter: "15 Jahre zurückversetzt"

Wie ist die DNA-Spur des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt in die Nähe der sterblichen Überreste des Mädchens gelangt? Die Verbindung bleibt rätselhaft. Nun hat sich erstmals Peggys Mutter geäußert.

Mai 2014: Der Sachverständige korrigiert sein Gutachten teilweise, das Gericht beendet die Beweisaufnahme vorzeitig. "Bis zum heutigen Tag ist kein einziger Sachbeweis für das damalige Geständnis von Ulvi K. gefunden worden", heißt es zu Begründung. Staatsanwaltschaft und Verteidigung fordern einen Freispruch, die Kammer schließt sich an.

18. Februar 2015: Die Staatsanwaltschaft Bayreuth stellt ihre Ermittlungen ein. Ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wird aber aufrechterhalten, um mögliche Spuren weiterzuverfolgen.

19. März 2015: Das Oberlandesgericht Bamberg entscheidet, dass der ursprünglich verurteilte Mann aus der Psychiatrie entlassen werden soll.

3. Juni 2015: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" greift den Fall Peggy auf.

16. Juni 2015: Ein ehemaliger Verdächtiger im Fall Peggy wird in einem anderen Fall wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes zu einer Jugendstrafe von sieben Monaten ohne Bewährung verurteilt. Im Fall Peggy gilt er nicht mehr als tatverdächtig.

Mai 2016: Ein im Fall Peggy ehemals verdächtigter Mann fordert Schadenersatz von mehr als 20 000 Euro. Ermittler hatten 2013 auf der Suche nach dem verschwundenen Mädchen sein Grundstück in Lichtenberg metertief durchsuchen lassen. Die Ermittler hatten dabei zwar Knochenreste gefunden. Sie stammten aber nicht von Peggy.

2. Juli 2016: Ein Pilzsammler findet in einem Wald im thüringischen Landkreis Saale-Orla-Kreis Skelettreste.

4. Juli 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft teilen mit, dass die Knochen "höchstwahrscheinlich" von Peggy stammen. Dies hätten erste rechtsmedizinische Untersuchungen und Erkenntnisse am Fundort ergeben.

12. Juli 2016: Das gefundene Skelett von Peggy ist nicht komplett. Das sagt der Leiter der Sonderkommission Peggy, Uwe Ebner. Zudem fehlten Kleidungsstücke des Mädchens sowie weiter jede Spur vom Schulranzen der Neunjährigen. "Der entscheidende Hinweis steht leider noch aus", sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel.

14. Juli 2016: Nach einem erneuten Bericht über den Fall Peggy in der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" gehen etwa 80 Hinweise bei der Sonderkommission in Bayreuth ein. Einige von ihnen gäben "Anlass zu weiteren Prüfungen", teilen die Ermittler mit.

13. Oktober 2016: Am Fundort des Skeletts werden DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden. Das teilen das Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Bayreuth mit. Die Spuren wurden auf einem Stofffetzen entdeckt, der nahe bei den sterblichen Überresten des Mädchens lag.

8. September 2017: Die Polizei schließt einen Zusammenhang zwischen dem Mord an Peggy und dem NSU-Mitglied Uwe Böhnhardt endgültig aus. Die DNA-Spur stamme "eindeutig" von einem Kopfhörer Böhnhardts, so die Ermittler. Wie sie an den Fundort gekommen ist, bleibt gleichwohl offen. Zwischenzeitlich stand ein Messstab als Übertrager im Verdacht, wurde inzwischen aber ausgeschlossen.

13. September 2018: Die Polizei verfolgt eine neue Spur: Ermittler durchsuchen mehrere Anwesen in den Landkreisen Wunsiedel und Hof. Im Fokus steht ein 41-jähriger Mann, der 2001 nach dem Verschwinden des Mädchens schon mehrmals vernommen worden. Ulvi K., der 2004 zunächst für die Tat verurteilt, in einem Wiederaufnahmeverfahren 2014 dann aber freigesprochen wurde, soll ihn nach Peggys Verschwinden als Mittäter genannt haben. Nach seiner Vernehmung kommt der 41-Jähriger zunächst wieder auf freien Fuß.

21. September 2018: Der 41-Jährige gesteht, Peggys Leiche in ein Waldstück in Thüringen gebracht und dort vergaben zu haben.

11. Dezember: Manuel S. wird festgenommen. Die Ermittler sehen den dringenden Tatverdacht, der 41-Jährige sei selbst als "Täter oder Mittäter" an Peggys Tötung beteiligt gewesen.

12. Dezember: Der Tatverdächtige widerruft sein Teilgeständnis, sein Anwalt wirft laut BR der Polizei vor, S. bei der Befragung massiv unter Druck gesetzt zu haben.

(Mit Material von der dpa)

Fall Peggy Folgenschwere Irrtümer eines Ermittlers

Peggy und NSU

Folgenschwere Irrtümer eines Ermittlers

Der Kriminalbeamte Wolfgang Geier leitete die Untersuchungen im Fall Peggy und in der NSU-Mordserie. Wie es aussieht, könnte er sich gleich zweimal getäuscht haben.   Von Olaf Przybilla