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Augsburg:Wenn das Militär am Krankenbett steht

Soldatinnen und Soldaten des Gebirgsjägerbataillons 233 Mittenwald unterstützen das Contact Tracing Team am Gesundheitsamt Miesbach.

(Foto: Landratsamt)

900 Soldaten der Bundeswehr sind in Bayern in der Corona-Krise im Einsatz, jetzt sogar in einem Krankenhaus: Das Uniklinikum Augsburg hat angesichts der vielen Patienten um Amtshilfe gebeten.

Von Florian Fuchs, Matthias Köpf und Dietrich Mittler, Augsburg/ Miesbach

Die zweite Welle der Corona-Pandemie trifft Augsburg mit solcher Wucht, dass das dortige Universitätsklinikum (UKA) jetzt zur Versorgung der Patienten auf die Hilfe von Bundeswehrsoldaten zurückgreift. Am Mittwoch zählte das UKA 150 Covid-19-Patienten, 33 von ihnen wurden intensivmedizinisch versorgt. Die Zahl der Patienten sei im Vergleich zur ersten Welle im Frühjahr "dramatisch", sagte Axel Heller, Direktor im Bereich Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin. Seine Wortwahl erklärt sich auch dadurch, dass sich bereits etliche UKA-Mitarbeiter mit dem Erreger Sars-CoV-2 infiziert haben oder als Kontaktpersonen ersten Grades nicht mehr in der Patientenversorgung eingesetzt werden können. Weil die Kapazitäten nicht mehr reichen, so hieß es, müsse das UKA immer wieder Intensivpatienten in andere Häuser verlegen - etwa nach Würzburg oder Regensburg.

Ein Vortrupp der Bundeswehr, bestehend aus sechs Mann, ist in Augsburg bereits dabei, sich mit dem neuen Einsatzort vertraut zu machen. Sie werden auf den Covid-19-Normalstationen eingesetzt. Vier von ihnen sind Rettungssanitäter, zwei sind medizinische Fachangestellte. Am Mittwoch trafen weitere 18 Truppenangehörige ein, um die Mitarbeiter im Uniklinikum zu unterstützen. Auch sie werden größtenteils im Pflegebereich eingesetzt. Michael Beyer, UKA-Vorstandsvorsitzender und zugleich Ärztlicher Direktor, ist froh, dass der Amtshilfeantrag seines Hauses positiv beschieden wurde. "Unsere Personalressourcen sind nahezu aufgebraucht. Deshalb ist uns jede Unterstützung mehr als willkommen", sagte er.

Auch das Wissenschaftsministerium in München begrüßt "die Hilfsbereitschaft der Bundeswehr". Diese trage dazu bei, "dass die Patientenversorgung weiterhin auf hohem Niveau gewährleistet werden kann". Nach aktuellem Kenntnisstand sei das UKA im Freistaat bislang das einzige Universitätsklinikum, das um die Unterstützung der Bundeswehr gebeten habe.

Universitätskliniken haben, wie Carsten Spiering, der Pressesprecher des Bundeswehrlandeskommandos Bayern, betonte, einen großen Vorteil gegenüber den übrigen Krankenhäusern: "Sie werden in Bayern als eigenständige Behörden geführt, und deswegen sind sie auch selbst amtshilfeberechtigt." Kommunale Kliniken müssten sich dazu erst an die zuständigen Behörden wenden - in der Regel die Gesundheitsämter, die dann für die Häuser einen Amtshilfeantrag stellen können.

Nach Spierings Auskunft sind im Freistaat derzeit "mehr als 900 Soldatinnen und Soldaten im Corona-Hilfseinsatz, und das an rund 80 Stellen". Insbesondere die Gesundheitsämter sind auf Hilfe angewiesen. Kürzlich erst brachte zum Beispiel Oberstleutnant Jakob Klötzner, der Kommandeur des in Mittenwald stationierten Gebirgsjägerbataillons 233, bei seinem Besuch im Landratsamt Rosenheim Verstärkung mit. Dort sind nun 22 Soldatinnen und Soldaten in der Kontaktnachverfolgung tätig. "Da glühen die Telefondrähte", heißt es auf der Homepage der Bundeswehr. Nicht verhehlen wollte Klötzner indes, dass "trotz der sehr guten Zusammenarbeit der zivilen und militärischen Seite" der eigentliche Auftrag der Gebirgsjäger mittelfristig nicht gefährdet sein dürfe.

Am Schliersee übernahm die Bundeswehr faktisch sogar ein Altenheim

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hat hier indes Prioritäten gesetzt. "Wenn die zivilen Strukturen an ihre Grenzen kommen", sei die Bundeswehr "da, um zu helfen", hatte die CDU-Politikerin vergangene Woche erklärt und angekündigt, das Hilfskontingent bundesweit um 24 Prozent auf dann 20 000 Soldatinnen und Soldaten zu erhöhen. Die werden auch dringend gebraucht. Im Berchtesgadener Land helfen seit Wochen Gebirgsjäger aus Bad Reichenhall und Bischofswiesen beim Nachverfolgen der Infektionsketten. Ende Oktober, als dort ein lokaler Lockdown galt, waren da zeitweise 40 Soldaten im Einsatz. Weil es auf die Schnelle nicht gelungen war, in den Kasernen die nötigen Computerarbeitsplätze und vor allem eine interne Datenverbindung zum Gesundheitsamt zu schaffen, nahmen die Soldaten im Landratsamt die Büroarbeitsplätze der zivilen Angestellten ein, die ins Home-Office gewechselt waren.

Im Kreis Miesbach hilft die Bundeswehr zum dritten Mal aus. Vorerst zehn Soldatinnen und Soldaten verfolgen seit vergangener Woche dort Kontakte. Ohne sie wäre es "angesichts der vielen Fälle deutlich schlechter möglich, Infektionsketten zu unterbrechen", hieß es vom Landratsamt. Den bisher größten Corona-Hilfseinsatz im Landkreis leistete die Bundeswehr im Mai, als 40 Sanitätskräfte in ein Schlierseer Pflegeheim einrückten. Die Behörden hatten das Heim regelrecht übernommen, weil die offenbar schon vor der Pandemie überforderten Betreiber die Kontrolle verloren hatten.

© SZ vom 19.11.2020/van/kast

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