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Türkei und Russland:Erdoğans Schmerzgrenze liegt niedriger als Putins

Vladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan

2012 zeigten sich Wladimir Putin (links) und Recep Tayyip Erdoğan schon einmal gut gelaunt der Presse. Nun dürfte es wieder ähnliche Bilder geben.

(Foto: AP)
  • Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin treffen sich in Sankt Petersburg, Erdoğan nennt Putin einen "Freund".
  • Nach dem Abschuss eines russischen Militärjets durch die Türkei hatte Moskau russische Urlaubsflüge in das Land gestoppt und begonnen, Waffen an die Kurden im Irak zu liefern.
  • Da auch die USA die Kurden unterstützen, muss Erdoğan befürchten, ins Hintertreffen zu geraten.

Putin ist jetzt wieder "sein Freund". Wenn sich Recep Tayyip Erdoğan versöhnt, dann gleich mit der ganz großen Geste. An diesem Dienstag treffen die beiden Männer in Sankt Petersburg zusammen. Erdoğan sagt: "Es wird ein historischer Besuch, ein Neuanfang. Bei den Gesprächen mit meinem Freund Wladimir wird eine neue Seite in den beiderseitigen Beziehungen aufgeschlagen."

In weniger als zehn Monaten sind Putin und Erdoğan dann einmal den Weg von engen Partnern bis an den Rand eines Krieges gegangen - und zurück.

Die Fenster der türkischen Botschaft in Moskau, die wütende Demonstranten nach dem Abschuss eines russischen Su-24-Kampfflugzeugs durch die türkische Armee Ende November eingeworfen hatten, sind längst wieder repariert. Dieser Vorfall hatte die Spannungen im türkisch-russischen Verhältnis ausgelöst. Türken und Russen haben beide einen hohen Preis dafür gezahlt. Dass am Ende die Türkei einlenkte, hat damit zu tun, dass ihre Schmerzgrenze niedriger liegt.

Sanktionen treffen Tourismus und Exportwirtschaft

An den Urlaubsstränden der sogenannten Türkischen Riviera haben Hoteliers in diesem Sommer schon gebetet, es mögen doch bitte wieder Touristen kommen. Als Strafe für den Flugzeugabsturz hatte Moskau russische Urlaubsflieger in die Türkei gestoppt. Dies und mehrere Terroranschläge in der Türkei führten dazu, dass eine Säule der Wirtschaft weggebrochen ist. Allein von den russischen Urlaubern kamen fast 90 Prozent weniger.

Die Sanktionen betreffen auch die türkische Exportwirtschaft. Der Rückgang liegt bei 60 Prozent. Kurz nach dem Abschuss zeigte sich Ankara noch optimistisch: "Wenn sich eine Tür schließt, öffnen sich andere", sagte der damalige Premier Ahmet Davutoğlu. Nun heißt es, Russland sei schwer ersetzbar.

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Das türkische Volk will die Todesstrafe. Und was sein Volk fordert, soll es bekommen - so sieht es Präsident Erdoğan. Die Folter scheint in den Gefängnissen bereits zurückgekehrt zu sein.   Gastbeitrag von Yavuz Baydar

Auf der anderen Seite ist das Verhältnis zum Westen mittlerweile von Misstrauen geprägt. Der Putschversuch vom 15. Juli hat diese Kluft nur noch tiefer werden lassen. Putin war einer der ersten Staatschefs, der Erdoğan nach dem Putschversuch anrief.

Zwar verurteilte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel öffentlich die geplante Machtübernahme durch das Militär. Aber in Deutschland und anderen europäischen Ländern wurde sofort Kritik am harten Vorgehen der türkischen Regierung gegen mutmaßliche Unterstützer der Putschisten laut. Zehntausende Beamte wurden suspendiert, es kam zu weit mehr als 10 000 Festnahmen.

Früher kam Merkel alle paar Wochen persönlich

Erdoğan beschwert sich im Gespräch mit der französischen Zeitung Le Monde über die Reaktion des Westens. Als Putin ihn wegen des Putschversuchs angerufen habe, da habe dieser nicht nach der Zahl der suspendierten Militärs gefragt. Anstatt Empathie zu zeigen, habe es im Westen Kritik gegeben. "Das hat uns traurig gestimmt."

Deutschland hat Staatssekretär Markus Ederer nach Ankara geschickt. Als es Deutschland noch wichtig war, in der Flüchtlingskrise mit der Türkei ein Abkommen zu erzielen, kam Merkel persönlich - alle paar Wochen.