Militärputsch in der Türkei Wie Fethullah Gülen zum Seelenführer wurde

Ein mächtiger Mann: Fethullah Gülen verfügt über viel Geld und Millionen Anhänger.

(Foto: dpa)
  • Fethullah Gülen, Sohn eines Imams aus einem ostanatolischen Dorf, hat es geschafft, Muslime auf der ganzen Welt zu inspirieren.
  • Seine Bewegung macht Milliardenumsätze mit Privatschulen, Studentenheimen, Universitäten, Kulturinstituten, Kliniken und Medien.
  • Die Verantwortung für den versuchten Militärputsch in der Türkei weist er von sich. Nun fordert Ankara Gülens Auslieferung.
Von Christiane Schlötzer

Ein Frühstückstisch mit türkischen Tulpengläsern, Schafskäse und Oliven - 8000 Kilometer von Istanbul entfernt. "Wer möchte Tee?", fragt die Hausherrin. Der Tee ist rehbraun, so wie man ihn am Bosporus trinkt. Aber das hier ist Amerika: eine Familie mit türkischen Wurzeln und amerikanischem Aufsteiger-Gen, Eltern, die stolz erzählen, welche Highschool ihre Tochter besucht, und welches College der Sohn. Der Name Fethullah Gülen fällt kein einziges Mal. Und doch sitzt der Prediger wie ein unsichtbarer Gast mit am Tisch, in diesem bürgerlichen Einfamilienhaus, unweit von New York.

Wie hat es Gülen, der Sohn eines Imams aus einem ostanatolischen Dorf mit 400 Einwohnern, geschafft, eine weltumspannende islamische Gemeinschaft zu inspirieren? Eine Bewegung ohne Mitgliederlisten, die aber Millionen Menschen dazu bringt, jedes Jahr viel Geld zu spenden. Die Milliardenumsätze macht mit Privatschulen, Studentenheimen, Universitäten, Kulturinstituten, Kliniken, Medien, in Amerika wie in Afrika.

Gülens Aufstieg zu einem Seelenführer ist eng verbunden mit der modernen Türkischen Republik. Als er 1941 geboren wird, lebt Kemal Atatürk schon nicht mehr, umso rigoroser setzen seine Nachfolger kemalistische Prinzipien durch: Religiöse Unterweisung ist verboten, Gülens Mutter liest mit ihrem Sohn den Koran nachts im Kuhstall. Der zeigt früh eine besondere Redebegabung, mit 20 wird der Autodidakt selbst Imam, im Staatsdienst. Da werden die Predigttexte von einer Behörde vorgeschrieben. Gülen aber hat Charisma - und Geschäftssinn. Er gründet Wohnheime für arme Jugendliche, finanziert von reichen Unternehmern; das ist der Nukleus für "Hizmet" (Dienst), sein globales Netzwerk. Er selbst sieht sich in der Tradition der Sufi-Meister und lehnt persönlichen Luxus ab.

Gülen verfügt über Millionen treuer Anhänger und viel Geld

Der Sufismus ist eine friedliche, mystische Spielart des Islam. Atatürk hatte auch die Sufi-Gemeinschaften, so wie alle islamischen Orden, verboten, sie damit aber nur in den Untergrund gedrängt. Das Klammheimliche ist ihnen bis heute geblieben. Dass Gülens Anhängerschaft bald viel schneller wächst als die anderer Gruppierungen, liegt an der Botschaft: Moderne Wissenschaft und Islam sind kein Widerspruch. Gülen hat zudem lange kein Problem mit dem Staat, im Gegenteil, der türkische Nationalismus ist ihm vertraut. Nach dem Militärputsch von 1980 preist er sogar das unbarmherzige Vorgehen der Generäle gegen die Linken. Deren Anführer hätten "ihre wohlverdiente Strafe" gefunden. Das lag damals im Trend. Putschführer und Generalstabschef Kenan Evren pilgerte nach Mekka (was kein Sultan je tat). Das Militär handelte nach der Maxime: lieber ein religiöses als ein linkes Volk.

Gülen genoss Protektion, er hatte die Sympathie des liberalen Staatschefs Turgut Özal (im Amt von 1989 bis 1993), traf sich später mit der rechten Regierungschefin Tansu Çiller, auch der sozialdemokratische Premier Bülent Ecevit sagte kein böses Wort gegen ihn. Mit der Regierungsübernahme durch die AKP von Recep Tayyip Erdoğan 2002 rückten immer mehr Gülen-Schüler auf Beamtenposten, die lange Kemalisten vorbehalten waren. Auch in Militär und Polizei. Gülen wollte aber nie von "Unterwanderung" sprechen, wie Erdoğan dies jetzt tut. In einem SZ-Interview sagte Gülen 2014: "Ein Bürger eines Landes kann nie die Institutionen eines Landes unterwandern, er dient ihnen."

Wer über Millionen treue Anhänger und viel Geld verfügt, der hat Macht. Nun sollen Gülen und seine Gefolgsleute diese Macht missbraucht haben, mit einem Militärputsch. Erdoğan lässt Tausende angebliche und echte Gülen-Getreue als Mitglieder einer "Terrororganisation" verhaften.

Gülen selbst weist jede Verantwortung von sich: "Es ist absurd, unverantwortlich und falsch zu behaupten, ich hätte irgendetwas mit diesem schrecklichen Putschversuch zu tun." In der New York Times wetterte er wiederum gegen Erdoğan und warnte vor einem Abgleiten in eine "Diktatur".