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Populismus in Europa:Marine Le Pen, Frankreichs kühle Populistin

Marine Le Pen ist salonfähig geworden. In Paris, und mehr noch in Frankreichs Provinz. Im Norden, wo die alte Industrie weggebrochen ist und sich die Arbeiter von der Linken abwenden. Und im Süden und Südosten, wo traditionell konservative Wähler immer weiter in die Arme der Rechtsextremen driften. Bis zu 24 Prozent der Stimmen hatten die Demoskopen Le Pens "Front National" bei den Europawahlen prophezeit - und am 25. Mai lagen die europafeindlichen Nationalisten wirklich ganz vorne.

Salonfähig ist Marine Le Pen längst auch in Frankreichs Redaktionen. Nach ihrem Achtungserfolg bei den landesweiten Kommunalwahlen im März avancierte die 45-jährige Parteichefin zu einer Art Medienstar. Allen voran konservative Zeitungen wie Le Figaro boten ihr vor der Wahl viel Raum - und stellten selten kritische Fragen.

File photo of Marine Le Pen, France's far-right National Front political party leader, during the first town council at city hall in Henin-Beaumont

Marine Le Pen, die Vorsitzende des französischen Front National.

(Foto: REUTERS)

Im Fernsehen darf sich Le Pen mittlerweile sogar aussuchen, mit wem sie redet - und mit wem nicht: "France 2" lud EU-Parlamentspräsident Martin Schulz wieder aus, als die blonde Frau mit der rauen Stimme drohte, wenn der Deutsche im Studio hocke, komme sie nicht. "Wir wollen sie unbedingt auf Sendung haben", räumte ein TV-Redakteur gegenüber den Mitarbeitern des deutschen Sozialdemokraten offen ein. Den Franzosen, dem sich Le Pen anstelle von Schulz stellte, schrie sie nieder.

Aber Le Pens Strategie geht auf. Die Europa-Abgeordnete ist die kühle, die kalkulierte Populistin. Ihr Vater Jean-Marie, der den FN einst gründete, provozierte noch mit antisemitischen und ausländerfeindlichen Sprüchen. Tochter Marine hingegen hat, seit sie im Januar 2011 die rechtsextreme Bewegung übernahm, die Partei von den schlimmsten Hetzern gesäubert, den Vater in die zweite Reihe gedrängt und den FN weichgespült.

Diese Strategie der "Entteufelung" ("dédiabolisation") ging auch deshalb auf, weil die bürgerliche Oppositionspartei UMP unter Ex-Präsident Nicolas Sarkozy zugleich nach rechts rückte. UMP-Wähler unterschreiben mittlerweile mehrheitlich typische FN-Positionen: etwa, dass Frankreich an zu viel Kriminalität und an zu vielen Ausländern leide.

Aber auch traditionelle Wählermilieus der Linken zieht es zum FN. Frankreichs wirtschaftliche Dauerkrise, über zehn Prozent Arbeitslosigkeit sowie der Frust über die etablierten Parteien beflügeln die Rechtsextremen. Schon bei der Präsidentschaftswahl 2012 hatte jeder dritte Arbeiter und fast jeder fünfte Franzose ohne Job für Marine Le Pen als Staatschefin votiert. Mehr denn je stimmen inzwischen auch Frauen und Jungwähler für den FN. Studien zeigen: Aus früheren Protestwählern sind inzwischen oft überzeugte Anhänger geworden.

Die Europawahlen wurden ein Heimspiel für Le Pen. Denn da kombinierte die Souveränistin zwei ihrer Lieblingsargumente: Dass nämlich Frankreich, könne es nur allein entscheiden, stärker wäre als "unter dem Joch des Euros" - und dass die Pariser politische Klasse das Volk verraten und an das "Elitenprojekt" namens EU verkauft hätte. Christian Wernicke, Paris

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