Wahlprofiteur und Linken-Chef Tsipras Der Wutfänger von Athen

Alexis Tsipras gilt als gnadenloser Populist - vor allem die frustrierte Mittelschicht Griechenlands machte den erst 37-Jährigen zum Wahlgewinner. Die Stimmenzahl der Radikalen Linken hat der Politiker durch die Protestwahl der Griechen vervierfacht und bekommt nun den Auftrag zur Regierungsbildung.

Von Christiane Schlötzer

Was die Griechen in den vergangenen zweieinhalb Jahren erlebt haben, nennt er schlicht "Barbarei". Alexis Tsipras, der neue Stern am Himmel über der zerklüfteten griechischen Parteienlandschaft, hat noch mehr starke Sprüche auf Lager. Als "politische Gauner" beschimpfte der 37-Jährige im Wahlkampf die beiden Vorsitzenden der zuletzt gemeinsam regierenden Traditionsparteien ND und Pasok, Antonis Samaras und Evangelos Venizelos. Nach dem Scheitern von Samaras am Montag bei der Suche nach Koalitionspartnern wird nun Tsipras den Auftrag zur Regierungsbildung von Staatsoberhaupt Karolos Papoulias erhalten. Er hat für Dienstag einen Termin beim Präsidenten.

Protest als Grundton der Karriere

Der jüngste aller griechischen Parteichefs ist zwar für den Verbleib seines Landes in der Euro-Zone, will aber den Schuldendienst sofort einstellen. Womit Hellas die Löhne und Renten seiner Staatsdiener bezahlen soll, wenn die internationalen Geldgeber die Milliardenhilfen stoppen, hat Tsipras offengelassen. Dafür möchte er noch mehr Stellen im öffentlichen Dienst schaffen und die Banken verstaatlichen. Wirtschaftsexperten der Syriza äußerten sich vorsichtiger, sie sprechen nur von "Neuverhandlungen" mit EU und Internationalem Währungsfonds.

Der griechische Journalist Tasos Telloglou nennt Tsipras einen "Wutfänger". So ist es Syriza offenbar gelungen, vor allem bitter enttäuschte Wähler der Pasok-Sozialisten weiter nach links zu ziehen. Das gilt besonders für die vom harten Sparkurs der Regierung frustrierte Mittelschicht: Beamte mit gekürzten Gehältern, schlecht bezahlte Klinikärzte, die keine Fakelaki mehr nehmen dürfen, Apotheker, die mehr Konkurrenz dulden müssen. Mit seinen nassforschen Sprüchen traf Tsipras die Stimmung dieser Deklassierten.

Der Protest ist der Grundton der Karriere des gebürtigen Atheners. Als Mitglied der Kommunistischen Jugend besetzte er Schulen in seiner Heimatstadt, um eine von der Pasok initiierte Bildungsreform zu verhindern. Schon damals fiel Tsipras als geschickter und gnadenloser Redner auf. Später fehlte der studierte Bauingenieur bei keiner Anti-Globalisierungs-Demo - und zuletzt bei keiner Protestaktion gegen das Sparpaket der Regierung. Als Anführer der Bewegung "Offene Stadt" war ihm bei der Kommunalwahl 2006 auf Anhieb mit 10,5 Prozent der Stimmen der Einzug in den Stadtrat von Athen gelungen.

Erst seit Februar 2008 führt er das Bündnis mehrerer Linksparteien, das unter dem Kürzel Syriza antritt und sich als eine Art Schwesterpartei der deutschen Partei Die Linke versteht. 2009 zog Tsipras erstmals ins griechische Parlament ein, da hatte Syriza gerade mal 4,6 Prozent der Stimmen - nun sind es 16,8 Prozent.

Gepflegte Ressentiments

Tsipras kultiviert sein jugendliches Image. Der offene Hemdkragen, stets krawattenlos, gehört ebenso dazu wie seine Vorliebe für das Motorradfahren im Athener Verkehrsgewühl. Seine Gegner nennen ihn einen Populisten oder auch einen Opportunisten, manche werfen ihm Sympathien für gewalttätige Autonome vor. Verwirrt hat Tsipras auch Parteifreunde kurz vor der Wahl mit einem Koalitionsangebot an die Rechtspopulisten der Partei Unabhängige Griechen. Deren Gründer, der ND-Abtrünnige Panos Kammenos, würzt seine demagogischen Reden mit antideutschen Parolen. Er könne sich Kammenos als Außenminister vorstellen, ließ Tsipras wissen, und dazu die Chefin der Kommunisten, Aleka Papariga, als Premier. Abgesehen davon, dass die stalinistische KKE, die Griechenland zur Drachme zurückführen will, Koalitionen ausgeschlossen hat - für ein solches rot-rot-schwarzes Bündnis gibt es genauso wenig eine rechnerische Mehrheit wie für ein rein linkes.

Der Syriza-Chef pflegt selbst auch das Ressentiment. In der Wahlnacht verkündete er, die deutsche Kanzlerin müsse nun verstehen, "dass das Sparprogramm eine erschütternde Niederlage erlitten hat". Seine Anhänger jubelten.