Russischer Impfstoff:Millionen Dosen westwärts: Braucht Deutschland Sputnik?

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Russischer Impfstoff: In Ungarn, hier in einer Klinik in Budapest, ist der russische Impfstoff schon im Einsatz

In Ungarn, hier in einer Klinik in Budapest, ist der russische Impfstoff schon im Einsatz

(Foto: Zsolt Szigetvary/AP)

Zwei Bundesländer haben sich schon Dosen gesichert, auch Jens Spahn will mit Moskau verhandeln. Doch entscheidende Fragen sind offen: Bekommt "Sputnik V" eine Zulassung? Und bis wann könnte Russland liefern?

Von Björn Finke, Florian Fuchs, Johann Osel und Angelika Slavik

Die Bundesregierung will mit Russland über Lieferungen des Corona-Impfstoffs Sputnik V verhandeln. Dies kündigte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Donnerstag in einem Interview an. Am Vorabend hatte sich der CDU-Politiker mit seinen EU-Amtskollegen in einer Videokonferenz ausgetauscht. Nach Spahns Worten bekräftigte die EU-Kommission dabei, für das russische Vakzin im Moment keinen Vertrag für die gesamte EU abschließen zu wollen. "Daraufhin habe ich für Deutschland erklärt, dass wir dann bilateral auch mit Russland reden werden, und zwar erst mal darüber, wann überhaupt welche Mengen kommen könnten", sagte Spahn.

Voraussetzung für einen Einsatz sei, dass die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) den Impfstoff zulasse, ergänzte der Politiker. Dazu müsse Russland zunächst die erforderlichen Daten bereitstellen. Außerdem müsse eine Lieferung "schon in den nächsten zwei bis vier, fünf Monaten kommen - ansonsten haben wir so oder so mehr als genug Impfstoff", sagte Spahn. Deshalb wolle er nun von Moskau verbindliche Angaben zu möglichen Liefervolumen einholen.

Unabhängig davon hat nach Bayern, das bereits 2,5 Millionen Dosen Sputnik-Impfstoff reserviert hat, auch Mecklenburg-Vorpommern sich eine Option auf eine Million Dosen gesichert. Das teilte Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU) am Donnerstag in Schwerin mit. Diesem Weg nicht grundsätzlich abgeneigt sind auch die Ministerpräsidenten aus Sachsen, Brandenburg, Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Die rheinland-pfälzische Landeschefin Malu Dreyer (SPD) kritisierte dagegen das Vorpreschen: "Für die Beschaffung der Impfstoffe ist die Bundesregierung zuständig." Sollte diese über eine EU-Zulassung und Stiko-Empfehlung für Sputnik informieren, "dann freue ich mich riesig darüber", fügte sie hinzu. Auch die Linke übte Kritik. Einen Bundesländerwettlauf um Impfstoffe dürfe es nicht geben, sagte der Co-Vorsitzende der Bundestagsfraktion, Dietmar Bartsch.

Die EU will das Sommer-Impfziel auch ohne Sputnik erreichen

Allerdings wird Russland nach Einschätzung der EU-Kommission bis Sommer gar nicht genug Produktionskapazitäten aufbauen können - und danach soll aus den bestehenden EU-Verträgen mit sechs Herstellern ohnehin genug Vakzin zur Verfügung stehen. Der für die Impfstoffversorgung zuständige Binnenmarktkommissar Thierry Breton wiederholte diese Prognose am Donnerstag in einem Blog. Bei der Frage, ob russische oder chinesische Vakzine dem EU-Impfziel für diesen Sommer dienen könnten, gelte: "Ich fürchte, die Antwort lautet Nein."

Bislang hat die Kommission zur Versorgung der 450 Millionen EU-Bürger bei sechs Konzernen 2,6 Milliarden Dosen Impfstoff bestellt. Mit zwei weiteren Unternehmen wurden Sondierungsgespräche abgeschlossen. Wegen Problemen bei Astra Zeneca wurden bis März aber nur 108 Millionen Dosen ausgeliefert, dafür sollen es zwischen April und Juni 360 Millionen sein. Bis Mitte Juli würden die Mitgliedstaaten genug Dosen erhalten, um 70 Prozent der Erwachsenen zu impfen und damit das ausgegebene Ziel zu erfüllen, schreibt Breton - trotz allen Ärgers mit Astra Zeneca.

Eine weitere Hürde für Sputnik ist die Zulassung durch die EMA. Im März begann zwar ein beschleunigtes Prüfverfahren, aber EMA-Chefin Emer Cooke beklagte vor zwei Wochen, dass der Hersteller nicht alle Fragen beantwortet habe. Eine Vor-Ort-Prüfung in Russland steht ebenfalls noch aus.

In Ungarn wird das Mittel dank einer nationalen Notzulassung trotzdem eingesetzt. Tschechien und die Slowakei haben es ebenfalls bestellt. Auch Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz brachte diese Woche eine nationale Zulassung ins Spiel. Die Regierung steht nach eigenen Angaben kurz davor, die Verhandlungen über den Kauf von einer Million Dosen Sputnik V abzuschließen. Würde die EMA die Erlaubnis nicht rechtzeitig erteilen, könnte eine nationale Lizenz "durchaus sinnvoll" sein, sagte Kurz. Der Nachteil dieses Verfahrens ist allerdings, dass bei nationalen Notzulassungen die Haftung auf die Regierung übergeht, anders als bei einer EMA-Erlaubnis.

Auch in Bayern soll das Vakzin produziert werden

Bayern geht bei Sputnik gleich zwei Wege. Abgesehen von der Option auf eine direkte Einfuhr aus Russland soll eine biotechnische Produktionsstätte durch die Firma R-Pharm Germany im schwäbischen Illertissen aufgebaut werden. Es ist die deutsche Dependance eines Pharmakonzerns aus Russland, der dort maßgeblich an der Sputnik-Produktion beteiligt ist. Eine "Absichtserklärung" für Produktion und Import sei bereits unterzeichnet, so Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU). Diese Option nicht anzunehmen, wäre "fahrlässig" gewesen.

Der Impfstoff könnte dann im Laufe des Jahres in Illertissen produziert werden, sagte Holetschek. Inwiefern eine Weiterverteilung an andere Bundesländer stattfindet, könne noch nicht abschließend beantwortet werden, hieß es im Gesundheitsministerium zunächst.

Es handele sich nach derzeitiger Studienlage um einen "hochwirksamen Impfstoff", betonte Holetschek. Eine zuverlässige Impfstoffversorgung sicherzustellen, werde "auch über die Erstversorgung mit einem Corona-Impfstoff hinaus eine wichtige Rolle in der künftigen Gemeinwohlvorsorge der Bevölkerung in Bayern einnehmen".

Unklar ist aber, ob in Illertissen überhaupt bald in großem Maßstab produziert werden kann. Gerade hatte sich R-Pharm Germany dort einen Baustopp verordnet, um nicht mit dem deutschen Baurecht in Konflikt zu geraten. Nun hat das Neu-Ulmer Landratsamt im Eilverfahren eine Teilbaugenehmigung erteilt, unter anderem für einen Bioreaktor mit 200 Liter Fassungsvermögen - doch für den Markt kann die Firma damit nicht produzieren. Geplant ist ein Reaktor mit 2000 Liter Fassungsvermögen, der ein kompliziertes immissionsrechtliches, meist monatelanges Verfahren voraussetzt. Die zuständigen Behörden betonen nun, alle gesetzlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, um die Genehmigung schnell zu erteilen.

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