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Partys an Isar und Gärtnerplatz:In München wird es eng

Der Gärtnerplatz ist dieser Tage stets gut besucht.

(Foto: Robert Haas)

Viele Menschen am Gärtnerplatz, Massen an der Isar: Öffentliche Plätze werden in diesen Tagen belagert, was längst nicht allen gefällt. Ruhe oder Party? Die Frage beschäftigt Politik, Polizei und Gastronomen.

Von Philipp Crone, Heiner Effern und Julian Hans

Der Superheld hat Probleme mit dem Rohr. Ganz in blau gekleidet, den Schriftzug "Saugman" auf der Brust, steht der junge Mann am Freitagmittag an der Reichenbachbrücke und versucht, Zigarettenstummel und Kronkorken aufzusaugen. Die Maschine ist verstopft, trotzdem stimmt das Bild. Hartmut Keitel vom Verein "Deine Isar" hat zu einer plakativen Aktion geladen. Saugman und zwei Käptinnen Kork reinigen den Boden, ihre Botschaft: Werde Superheld, nimm deinen Müll mit. Keitel sagt: "Wenn es einer macht, machen es die anderen auch." Das gilt fürs Aufräumen genauso wie fürs Vermüllen, im Prinzip für all das, was diese Stadt gerade an vielen Orten unter freiem Himmel erlebt.

Die Isar, der Englische Garten, die zentralen Plätze. Für die einen sind das die wenigen idyllischen Orte zur Erholung, für andere die paar übrig gebliebenen Plätze für sorglose Ausgelassenheit. Die einen wollen Nachtleben, die anderen Nachtruhe. Und noch nie prallten die Bedürfnisse so sehr aufeinander wie nach dem Lockdown. Seit Wochen geht das nun so. Polizei-Hundertschaften neben Party-Hungrigen. Und im Morgengrauen fegt eine Putzkolonne durch die Stadt und macht aus dem vermüllten Freiluft-Club namens München wieder eine bewohnbare Stadt.

Aber wie lange geht das noch gut? Und wo ist eigentlich dieser angekündigte Nachtbürgermeister, wenn man ihn dringend braucht?

Die Wucht des Virus hatte anfangs alles erstickt, was gerade junge Menschen lieben. Die Lust auf Tanzen, Partys, ja überhaupt auf das Leben in der Masse staute sich über Wochen auf, bis das erste kleine Ventil geöffnet wurde und der Druck sich Bahn brach. Zehntausende junger Menschen strömen seither Abend für Abend auf die Plätze, an denen sie sich ausleben können, da immer noch alle Clubs und viele Bars geschlossen sind. Besonders an den Wochenenden wird es eng. An der Isar und im Glockenbachviertel hat sich eine neue Bewegung gebildet, eine Kommune in der Kommune: München bei Nacht. Und der Rest rätselt: Wie gehen wir damit in diesem Sommer um?

Aber nicht nur Feiersehnsucht hat sich aufgestaut. Nach Wochen der Ausgangsbeschränkungen lösten die Bilder von Menschenansammlungen bei vielen Empörung aus und Ängste. Und schnell wird der Ruf nach der Polizei laut. Die rückt zwar regelmäßig in einer Stärke an wie zu Risikospielen der Fußball-Bundesliga, aber mit anderen Mitteln: Reden statt Repression ist die Formel. An einem warmen Wochenende gehen mehr als 150 Anrufe wegen Ruhestörungen bei der 110 ein. Zwischen 200 und 300 Beamte schickt die Polizei zusätzlich auf die Straße. Und wenn reden nicht mehr hilft, gibt es auch Platzverweise und Anzeigen. Im Englischen Garten und an der Isar ist außerdem die Reiterstaffel unterwegs. Mit mobilen Lichtmasten kann die Polizei ausgewählte Orte ausleuchten und weniger gemütlich machen. "Unser Konzept besteht in einer frühzeitigen und differenzierten Kommunikation und einem intensiven Dialog mit unserer Zielgruppe", sagt der Polizeivizepräsident Norbert Radmacher. Wenn es weniger offiziell zugeht, fallen im Präsidium auch deutlichere Worte. Von einem "gigantischen Personalaufwand" ist die Rede. Und es wird die Frage aufgeworfen, ob die Polizei das auf Dauer leisten kann, wenn das den ganzen Sommer über so weitergeht.

Die Polizei alleine, so viel ist klar, wird das Problem nicht lösen können. Und neu ist es ja auch nicht. Vor mehr als fünf Jahren hat die Stadt Akim ins Leben gerufen, das "Allparteiliche Konfliktmanagement": Frauen und Männer in roten Westen, die besonders in den Sommernächten an den Hotspots vermitteln zwischen Anwohnern und Feiernden. Das Prinzip von Akim ist, dass der öffentliche Raum allen gehört und fair geteilt werden soll. Niemand soll vertrieben werden, aber auch Schlafen oder Sauberkeit sind berechtigte Interessen; die Akim-Leute sollen helfen, das im Dialog zu lösen.

Früher habe der Druck auf die Straße nachgelassen, wenn die Stadt sich in den Sommerferien leerte, sagt Eva Jüsten, die Koordinatorin für Akim im Amt für Wohnen und Migration. Da viele dieses Jahr nicht verreisen, rechnet Jüsten damit, dass der Druck hoch bleibt. Die Stadt muss in diesem Jahr nicht nur das Feierbedürfnis, sondern zumindest teilweise auch das Ferienbedürfnis ihrer Bewohner in erträgliche Bahnen lenken. Und auch die Kapazitäten von Akim sind begrenzt; derzeit sind außer der Leiterin und fünf Konfliktmanagerinnen noch etwa 20 Honorarkräfte im Einsatz. Grundsätzlich gehen sie dort hin, wo sie gebraucht werden. Aber auch noch das Isar-Ufer befrieden? Damit würde das Konzept eindeutig überfrachtet, selbst wenn die Aufstockung der Stellen kommt, die im Koalitionsvertrag vereinbart wurde. Der Eskalationsgrad sei an der Isar höher, sagt Jüsten. "Da ist es dunkel und unübersichtlich und das Gelände ist riesengroß. Eine Kommunikation im kleinen Rahmen wäre dort nicht möglich."

Verlockender Ort, gerade an Sommertagen: das Isarufer.

(Foto: Robert Haas)

Schon im vergangenen Jahr hat Akim gemeinsam mit Veranstaltern und Betroffenen ein Strategiekonzept entwickelt und dem Stadtrat vorgelegt. "Es fokussiert sich alles auf die Innenstadt", fasst Jüsten das Problem zusammen. "Wir brauchen mehr Räume, auch Räume, die konsumfrei sind". Welche Orte dafür infrage kämen, Gärtnerplatz und Müllerstraße im Glockenbachviertel und den Wedekindplatz in Schwabing zu entlasten, das sei Sache der Bezirke, da möchte Jüsten nicht vorgreifen. In der Praxis würde es schon reichen, die Plätze ansprechend zu gestalten, um Publikum anzulocken: "Die jungen Menschen eignen sich den Platz an, wenn sie den als cool empfinden."

In den vergangenen Jahren habe sich die Situation am Gärtnerplatz eher entspannt, sagt Tobias Linz, der dort das Holy Home betreibt. Aber jetzt sei der Platz nicht wiederzuerkennen. "Neuraum, Nachtgalerie, Crowns Club, alle zu. Die Leute kommen jetzt hier her." Ein ganz anderes Klientel, sagt Lintz. Früher seien die Leute harmlos gewesen, jetzt gebe es da auch Ausreißer. Auch den etwa 20 Frauen und Männern, die für Akim unterwegs sind, ist aufgefallen, dass das Klientel sich geändert hat, seit die Clubs geschlossen haben. Die wollten nicht nur zusammensitzen und sich unterhalten, sagt Jüsten. "Die wollen auch mal laut Musik hören und sich bewegen." Mit einer Wohngegend ist das schwer vereinbar. In einem gemeinsamen Antrag haben Grüne, SPD/Volt und Linke die Stadt am Freitag aufgefordert, "schnellstmöglich dezentrale Möglichkeiten zu schaffen, damit sich Jugendliche und junge Erwachsene niederschwellig, selbstbestimmt und den pandemiebedingten Hygienevorschriften entsprechend treffen und entfalten können".

2019 schon hatte die Politik beschlossen, einen Nachtbürgermeister einzustellen, im Verwaltungsdeutsch "Fachstelle zum nächtlichen Feiern". Im März sollte sie ausgeschrieben werden, doch Corona hat auch diesen Plan durchkreuzt. Der Nachtbürgermeister sollte zwischen Partyvolk, Bar- und Clubbetreibern und den Menschen vermitteln, die nachts in der Regel schlafen wollen. Man muss aber auch so ehrlich sein: Einer allein hätte es vermutlich nicht richten können.

Vorbild Zürich

München und Zürich sind sich im Sommer ziemlich ähnlich. In beiden Städten wird ausgiebig gebadet und gefeiert. Dreck und Lärm sind deshalb auch in der Stadt an der Limmat ein Thema. Und doch läuft dort manches anders. Auf Initiative der Polizei und der Stadt kommen regelmäßig Vertreter der Club-Szene und Anwohner zusammen. 2015 wurde der Verein "Nachtstadtrat" gegründet, der die Interessen der Veranstalter vertritt. Das Konzept orientiert sich an der Idee der Nachtbürgermeister, wie es sie in Amsterdam oder Paris gibt. Ansprechpartner zu sein und das Feiern zu demokratisieren, ist der Gedanke dahinter. Um nicht-kommerziellen, privat organisierten Jugendpartys den illegalen Charakter zu nehmen, kann man sie bei der Stadt Zürich anmelden. Voraussetzung ist die Teilnahme an einer Infoveranstaltung und einem Vorgespräch. Für Grillevents gibt es ausgewiesene Plätze mit fest installierten Feuerstellen. So entsteht weniger Dreck durch Einmal-Grills. Mit den Gemeinschaftszentren, kurz "GZ", und ihren Gärten hat Zürich 17 besondere Treffpunkte. Sie stehen allen Einwohnern zur Verfügung. Dort gibt es ein reges Kursangebot, das man oft auch spontan wahrnehmen kann. Und jeder kann ein GZ zum Feiern mieten. bub

Der Stadtpolitik und dem Tagbürgermeister fallen genau zwei Lösungen ein: moderieren und entzerren. Verbieten will keiner etwas. Er sehe die Entwicklung durchaus mit Sorge, sagt Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). "Die renaturierte Isar ist ein einmaliges Erholungs- und Naturschutzgebiet und das muss sie auch bleiben. Deshalb versuchen wir, die Menschen mit Aktionen wie "Sommer in der Stadt" oder "Sommerstraßen" für andere Orte zu interessieren und der Bündelung an Isar oder Gärtnerplatz entgegenzuwirken". Aber ob der klassische München-bei-Nacht-Bewohner auf die Kulturbühne im Deutschen Theater abfährt?

Dieser mögliche Bruch zwischen guten Absichten und tatsächlichen Interessen müsse vorher mitgedacht werden, sagt Bürgermeisterin Katrin Habenschaden (Grüne). Die Angebote müssten explizit junge Menschen ansprechen, kostenlos und möglichst ohne Konsumzwang sein. Die CSU will den Corona-Party-Sommer ebenfalls nicht abwürgen. Er habe Verständnis, dass die Jungen raus und feiern wollen, sagt Fraktionschef Manuel Pretzl. Wenn es zu viel wird, müsse im Konsens Abhilfe geschaffen werden. Dafür würde er alles an städtischen Mitarbeitern aktivieren, was geht. Neben Akim zum Beispiel Streetworker oder den Kommunalen Außendienst (KAD).

Neue Plätze erschließen, wie etwa die Theresienwiese? "Schwierig", findet Tobias Lintz vom Holy Home. "Neues zu etablieren dauert, und der Sommer ist ja bald schon wieder durch. Und auch an der Theresienwiese gibt es Anwohner." Man könne nicht einfach so ein Vergnügungsghetto aus dem Ärmel schütteln. Was tun stattdessen? "Helfen würde auf jeden Fall, den Bars und Kneipen das Öffnen zu erlauben. Das entzerrt."

Dierk Beyer ist im Vorstand des Verbands der Münchner Kulturveranstalter VdMK und betreibt den Neuraum-Club und die Nachtgalerie. Die Clubs und der Verband würden ja schon Konzepte entwickeln, um sie mit der Stadt abzustimmen, aber eben für Außenbereiche. Indoor geht nicht. "Masken- und Abstandspflicht widersprechen dem Club-Prinzip, da gehen die Leute lieber mit einem Ghettoblaster raus." Man sehe überdeutlich, was Clubs normalerweise leisten, sagt Beyer: "Sie liefern geschützte Räume, in denen gefeiert werden kann und keiner gestört wird."

© SZ vom 11.07.2020/syn

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