München-Serie "Fett und fett":"Ich mach auch jeden Scheiß mit"

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München-Serie "Fett und fett": Eigentlich sollte er selbst längst Kinder haben: Jaksch (Jakob Schreier) beim Geburtstag bei Freunden.

Eigentlich sollte er selbst längst Kinder haben: Jaksch (Jakob Schreier) beim Geburtstag bei Freunden.

(Foto: Nikolas Tusl/ZDF)

Junge Menschen zwischen Herumsandeln und Leistungsdruck: Die Münchner Serie "Fett und fett" fängt dieses Lebensgefühl spielerisch ein. Dahinter steckt das Multitalent Jakob Schreier.

Von Bernhard Blöchl, München

Ein Kusstest auf dem Weg zur Sexparty, die man sich erst schöntrinken muss. Der Besuch beim Cousin auf dem Land, der mit dem Gewehr auf eine Drohne ballert, um sich vom Tod des Vaters abzulenken. Das eigene Theaterstück an den Kammerspielen, das Feiern als ernst zu nehmendes Hobby herausstellt, Arbeitstitel: "Rausch".

Berauschend sind die neuen Folgen von "Fett und fett", der, man muss es auf den Punkt bringen, Serie dieses Sommers. Zwar gab es mit "Damaged Goods" kürzlich eine weitere junge München-Serie (bei Amazon Prime). Doch das, was das Team um den Casting-Coup Sophie Passmann gerne eingelöst hätte, gelingt "Fett und fett" scheinbar spielend: das Lebensgefühl der Millennials einfangen, es ungekünstelt hintupfen. Und dabei lustig sein.

München-Serie "Fett und fett": Verschnaufpause beim Junggesellenabschied: Jogi (Oscar Lauterbach), Bulli (Bulgan Molor-Erdene), Jaksch (Jakob Schreier) und Nicolai (Nicolai Zeitler).

Verschnaufpause beim Junggesellenabschied: Jogi (Oscar Lauterbach), Bulli (Bulgan Molor-Erdene), Jaksch (Jakob Schreier) und Nicolai (Nicolai Zeitler).

(Foto: Nikolas Tusl/ZDF)

Bereits im Herbst 2019 war die Miniserie um einen sympathisch herumsandelnden Münchner ein Publikums- und Kritikerliebling. Ein Überraschungserfolg ohne Plot. Die zweite Staffel, die seit Kurzem in der ZDF-Mediathek abrufbar ist, toppt das alles noch aufs Schönste. Der Drive von damals ist noch da, eingeführte Figuren entwickeln sich weiter, neue kommen dazu. Zwischen Junggesellenabschied und Dreiecksbeziehung, zwischen aufkeimenden Jobambitionen und anhaltendem Spaß schwebt nun die Wolke Leistungsdruck.

Erfunden hat die Serie ein Duo, das sich an der Münchner Filmhochschule kennengelernt hat: Jakob Schreier studierte dort Drehbuch, Chiara Grabmayr Regie. "Fett und fett" ist das "Leuchtturmprojekt" der beiden Freunde, das Projekt, von dem sie am wenigsten dachten, es würde damit klappen. Erst war es eine Schnapsidee in Wien, der Heimat der Regisseurin, 2015 eine Webserie auf eigene Faust, dann ein Hit im "Kleinen Fernsehspiel" des ZDF. Nun die Fortsetzung auf ZDFneo und wieder Lob von allen Seiten.

Schreier steht besonders im Mittelpunkt. Er verantwortet (mit Grabmayr) das Drehbuch, außerdem spielt er die Hauptrolle. Und zwar gut. Fast zu gut. Er geht in der Rolle des Jaksch auf, als spielte er sich selbst. "Es ist schon auch im echten Leben meine Philosophie", erzählt Schreier am Telefon, "ich mach auch jeden Scheiß mit".

Eine große Parallele zwischen Jaksch und Jakob ist das Scheitern

Der Mann mit der leichten Münchner Sprachfärbung lebt inzwischen in Berlin, pendelt aber oft hierher zurück. Aufgewachsen ist Schreier in Planegg. Er ist erst 36, hat aber schon viel gemacht in seinem Leben. Nicht nur Herumsandeln. Mit Kumpels aus seiner Straße hat er in einer Band gespielt. Bei "Fett und fett" arbeiten sie wieder zusammen: Der eine, Johannes Brugger, ist Kameramann, dessen Zwillingsbruder Martin macht die Musik. "Fett und fett ist Fetternwirtschaft", sagt Schreier und lacht.

Nach dem Abitur hat er zunächst Philosophie studiert, währenddessen begann er beim Münchner Studentenradio M94,5, Gags zu schreiben. Dieses Talent bringt er heute als Autor der "Heute Show" ein und bei "Grünwald Freitagscomedy". Am Volkstheater hatte er das Late-Night-Format "Die große Schau", und auch als Schauspieler hat er kleine Engagements. "Oh ja, die Schauspielerei macht mir auch Spaß. Ich hätte Interesse daran, hier den nächsten Schritt zu gehen", sagt er.

So geschmeidig lief es nicht immer. Eine große Parallele zwischen Jaksch und Jakob ist das Scheitern. In der ersten Staffel von "Fett und fett" scheitert Jaksch an der Liebe, in der zweiten Staffel an der Work-Life-Balance. Und an der Liebe. Schreier kennt sich mit Rückschlägen aus. Als er sich das erste Mal an der HFF beworben hatte, wurde er abgelehnt. Erst nach dem Philosophie-Studium wurde er als Drehbuchstudent angenommen. Und auch das ZDF habe bei "Fett und fett" zunächst abgesagt. Das Spannungsfeld aus Jungsein und dem Druck der Gesellschaft, in dem sich Jaksch und mit ihm viele Millennials bewegen, kennt auch Schreier. Einerseits habe das ZDF anfangs gesagt, "ihr seid ja noch jung, ihr seid Nachwuchs", man könne das mit wenig Geld prima machen. "Gleichzeitig sagt dir die Gesellschaft, dass du jetzt eigentlich ein Haus kaufen solltest und dass das zweite Kind schon da sein sollte."

"Fett und fett" ist auch deshalb so gut, so kernig, so lebensnah in Dialogen, Szenen und Themen, weil die Macher nicht im eigenen Saft schmoren. Sondern weil sie erstaunlich gut recherchiert haben. Schon in Staffel eins galt die Devise: Nur echte Geschichten schaffen es ins Drehbuch. Für Staffel zwei hat das Duo laut Schreier "70 bis 80 einstündige Interviews" geführt, mit Freunden, Kollegen und Unterstützern der Serie. So kam es zu den eingangs skizzierten Episoden, vom Vorglühen vor der Sexparty in Giesing bis zur Trauerarbeit beim Cousin auf dem Land (stark gespielt übrigens von Anton Schneider alias Rapper Fatoni).

"In den Dreißigern geht es darum, die Suppe, die man sich in den Zwanzigern eingeschenkt hat, auszulöffeln."

Über seine Generation - die sogenannten Millennials oder Generation Y, also die zwischen 1980 und 1999 Geborenen - hat Schreier viel gelernt. "Rumsandeln tun die wenigsten", erzählt er. "Denn das ist jetzt nicht mehr wirklich cool." Mit Mitte 20 vielleicht schon noch, aber nicht mehr bei Leuten über 30. "Viele haben jetzt schon das zweite Kind, sind verheiratet. Eigentlich sind schon alle sehr gestresst. Oder machen sich Stress." Corona habe dazu beigetragen, ist sich der Drehbuch-Chef sicher, der mit mehreren Autorinnen und Autoren zusammengearbeitet hat. Ein Schauspielkollege habe ihm den schönen Satz gesagt: "In den Dreißigern geht es darum, die Suppe, die man sich in den Zwanzigern eingeschenkt hat, auszulöffeln."

Gedreht wurde im Sommer 2021, unter anderem in Obergiesing, Maxvorstadt, Lehel und an den Kammerspielen. Die Landpartie beim Cousin ging in Gilching über die Bühne, zum Junggesellenabschied wechselte das Team nach Bochum. Die letzte Folge spielt in Wien.

"Das Tolle an dem Projekt ist ja, dass wir machen konnten, was wir wollten", sagt Schreier. Auf die Frage, ob es eine dritte Staffel geben werde, antwortet er: "Wir haben so das Gefühl, eine könnte man noch machen. Wie's danach aussieht, weiß ich nicht." Und dann muss freilich auch das ZDF mitziehen. "Sie haben uns gesagt, sie wollen mal schauen, wie's läuft." Momentan läuft es gut bei Jakob Schreier. Aber Gescheiterte vergessen nicht. Was bleibt, ist ein mulmiges Gefühl. "Die Angst, ob wir nochmal so ein Projekt kriegen, wo wir so frei sein können."

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