Landtagswahl in Bayern"Lieber Herr Söder, du bist kein Master, du bist ein Master of Desaster!"

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Ministerpräsident Markus Söder auf dem Gillamoos, einem der ältesten Volksfest Bayerns.
Ministerpräsident Markus Söder auf dem Gillamoos, einem der ältesten Volksfest Bayerns. dpa
  • Sechs Wochen vor der bayerischen Landtagswahl starten auf dem Gillamoos-Volksfest alle großen Parteien in die heiße Wahlkampfphase.
  • Im niederbayerischen Abensberg treten Spitzenpolitiker zeitgleich in verschiedenen Bierzelten auf: CSU-Spitzenkandidat und Ministerpräsident Markus Söder, SPD-Chefin Andrea Nahles, der frühere Grünen-Chef Cem Özdemir, AfD-Chef Jörg Meuthen, Bayerns FDP-Spitzenkandidat Martin Hagen, Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger, ÖDP-Spitzenkandidatin Agnes Becker sowie der Generalsekretär der Bayernpartei, Hubert Dorn. Einzig die Linke verzichtet wie jedes Jahr auf ihre Teilnahme.
  • Der Gillamoos ist einer ältesten Jahrmärkte in Niederbayern, immer rund um das erste Septemberwochenende. Am letzten Tag sprechen traditionell Spitzenpolitiker in den Bierzelten. Nach dem Politischen Aschermittwoch ist dies das größte Politikspektakel in Niederbayern.

Von Katja Auer, Isabel Bernstein, Elisa Britzelmeier, Camilla Kohrs, Ingrid Fuchs und Johann Osel

Ingrid Fuchs
Ingrid Fuchs

Wahlkampf, Frotzeln und Markiges in Abensberg


Guten Morgen vom Gillamoos-Volksfest! 15 Grad, bewölkt und grau das Wetter könnte besser sein, vom Frühschoppen hält das aber niemanden ab. Acht Parteien laden heute in verschiedene Bierzelte auf der Festwiese und in nahe gelegene Lokale. Was die Besucher erwartet? Ein politischer Schlagabtausch, Frotzeleien, markige Sprüche. Schließlich ist der Gillamoos in diesem Jahr der inoffizielle Wahlkampfauftakt. In sechs Wochen wird in Bayern der Landtag neu gewählt. Anstrengen lohnt sich also heute.

Aiwanger kommt


Guten Morgen aus dem Weißbierstadl, wo es keinen Zweifel gibt, wer später erwartet wird: Hubert Aiwanger lächelt beim Frühschoppen der Freien Wähler von allen Seiten.

SPD mit Nahles und Kohnen

Guten Morgen auch aus dem Jungbräuzelt. Die Bayern-SPD erhofft sich vom Auftritt ihrer Parteichefin und Fraktionsvorsitzenden Andrea Nahles und ihrer Spitzenkandidatin Natascha Kohnen einen Schub für die Schlussphase des Landtagswahlkampfs. Den kann die Partei brauchen: Seit Wochen liegt die SPD in Umfragen unter 15 Prozent und wäre derzeit nur noch viertstärkste Partei im Freistaat. Das ist selbst für die in Bayern traditionell nicht sehr verwöhnten Sozialdemokraten ein Tiefschlag. Umso mehr verwundert, dass Generalsekretär Uli Grötsch sich vergangene Woche noch zufrieden geäußert hatte: "Auch wenn es die Umfragen nicht zeigen, läuft unser Wahlkampf richtig gut."

"MUSIK spielt 1 Stück"


Einzug, 1 Musikstück, Bayernhymne und dazwischen Reden. So sieht das Programm bei der SPD heute aus:
Camilla Kohrs
Camilla Kohrs

"Ein frisches Bayern, bitte!"


Guten Morgen aus dem knallig-bunten Stadl-Zelt. Hier wird ab 10 Uhr FDP-Spitzenkandidat Martin Hagen sprechen. Die Blaskapelle "Blech-Lawine" unterhält die wartenden FDP-Unterstützer mit Musik. Hagen setzte sich im März als Spitzenkandidat gegen den ehemaligen Landesvorsitzenden Albert Duin durch, von dem er sich als kühler Kopf und Stratege abgegrenzt hatte, schrieb meine Kollegin Lisa Schnell nach der Urwahl.
Ingrid Fuchs
Ingrid Fuchs

Tradition auf dem St. Gilg am Moos


Tradition nimmt man auf dem Gillamoos sehr ernst - schließlich wurde der Markt samt zugehöriger Ägidius-Wallfahrt im Jahr 1313 erstmals urkundlich erwähnt. Und seit 1583 wird der Jahrmarkt an seinem heutigen Platz gefeiert. Weil wir schon öfter danach gefragt wurde, ob es der oder das Gillamoos heißt: der. Der Name lässt sich nämlich vom (St.) Gil(g) a(m) Moos“ herleiten, Gilg ist dabei eine süddeutsche Nebenform von Ägidius.

Unter Tradition fallen wohl auch einige der Waren, die Händler draußen auf dem Markt anbieten. Von 1313 stammen die Kassetten und CDs zwar wohl nicht, aber gefühlt sind manche Stücke nicht allzuweit davon entfernt.

AfD hält Frühschoppen draußen ab


Keine Blasmusik, kein Hendlduft, keine Maßkrüge – die AfD hält ihren Frühschoppen wie schon im vergangenen Jahr nicht im Bierzelt ab, sondern neben der Festwiese im Schlossgarten. Das ist keine böse Verschwörung, die Partei kam als Gillamoos-Neuling einfach zu spät. Alles belegt. Helfer verkaufen Flaschenbier und kleine Snacks; normalerweise ist die Stimmung hier im Garten ganz idyllisch. Heute aber nicht. Mancher mag sagen, das liegt an der Partei, objektiv betrachtet ist es schlichtweg das Wetter: Es beginnt zu regnen. Als Hauptredner ist Bundesparteichef Jörg Meuthen angekündigt.

Wein und Gesang bei den Grünen


650 Plätze hat das Weinzelt der Grünen, viele davon sind schon besetzt. Die Stimmung ist gut, wie soll es anders sein bei Umfragen von bis zu 16 Prozent. Als Redner werden die bayerischen Spitzenkandidaten Ludwig Hartmann und Katharina Schulze erwartet, dazu der frühere Parteichef Cem Özdemir. Noch sind sie nicht angekommen, bis dahin spielen die Abensberger Heislratzn.
Camilla Kohrs
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FDP gegen "uncoole Bürokratie"


Nachdem die FDP 2013 aus dem Landtag rausgeflogen ist, wird sie im Oktober voraussichtlich wieder einziehen können. In einer Insa-Umfrage vergangene Woche kam sie auf sechs Prozent. In seinem Bewerbungsvideo für die Spitzenkandidatur warb Martin Hagen für sich als eine starke liberale Stimme im Landtag, forderte “coole Start-ups” statt “uncooler Bürokratie” und “eine neue Generation Bayern”.

"Wir spielen im knall... roten Gillamoos"


So richtig wach wirken die Besucher bei der SPD nicht. Auf die Frage der Blasmusik, wer denn im vergangenen Jahr schon dabei war, meldet sich keiner, und auch beim Prosit kommt auf den Satz "Die Krüge..." nur ein müdes "... hoch". Der Kapellmeister scherzt schon: "Wenn das Wahlergebnis auch so wird..." Dann versucht die Musik, mit einer Abwandlung von "Knallrotes Gummiboot" so etwas wie Stimmung aufzubringen: "Wir spielen im knallroten Gillamoos, ja ja, da ist was los." Und jetzt alle!
Ingrid Fuchs
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Söder kommt


Der Defiliermarsch wird angestimmt, die Besucher im Hofbräuzelt stehen überwiegend auf und klatschen: Auftritt Ministerpräsident. So dicht ist die Menge aus Handykameras und Händen, die sich Markus Söder entgegenstreckt, dass die Blaskapelle gleich zum zweiten Lied übergeht. Söder und seine Frau Karin brauchen für den Weg zur Bühne vier Minuten, dann: Zeit fürs erste Prosit der Gemütlichkeit. Prost!

AfD: Zögern beim Volksbegehren gegen Minarette


Bei der AfD warten gut 250 Besucher, dass es los geht, und trotzen dem Regen. Die meisten Redner sind noch nicht da, dafür der Landesvorsitzende, der Nürnberger Bundestagsabgeordnete Martin Sichert. In der Einladung hatte die Partei angekündigt, heute auch eine "neue Initiative" vorzustellen. Das, so hört man, wäre ein Volksbegehren gegen Minarett-Bau in Bayern gewesen. Dieses Jahr hatte die Partei zum Beispiel schon zu Protesten gegen eine geplante Moschee in Regensburg aufgerufen. Sichert sagt aber, dass das Volksbegehren nun doch noch nicht angekündigt werde, offenbar hat man das kurzfristig entschieden: Es würde, so die Befürchtung, im akuten Wahlkampf untergehen.
Ingrid Fuchs
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Zählt Textsicherheit bei Bayernhymne und Deutschlandlied zur Rubrik „Leitkultur“? Bei der CSU will man im Bierzelt offenbar nicht zu viel voraussetzen. Also liegen sicherheitshalber ein paar Flyer aus, weiß-blau gerautet und – für alle, die noch nicht mitbekommen haben, dass rund um Abensberg Hopfen angebaut wird - ein paar formschöne Dolden.

Einzug von Nahles und Kohnen


SPD-Bundesparteivorsitzende Andrea Nahles und Bayerns Spitzenkandidatin Natascha Kohnen ziehen ins Bierzelt ein und nehmen – natürlich – in der ersten Reihe vor der Bühne Platz. Die Blaskapelle legt los, um das "Kanllrote Gillamoos" zu spielen, ihr eigens vorbereitetes Lied. Und im Gegensatz zur Generalprobe vorhin werden jetzt immerhin im vorderen Viertel des Zelts SPD-Fahnen geschwenkt. Für Kohnen gibt's noch einen oben drauf. "Rote Natascha" statt Peter Wackels "Schwarzer Natascha".


Ingrid Fuchs
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CSU-Mitglied ärgert Themengewichtung der Partei


"Alles was die CSU im letzten halben Jahr gemacht hat, ist Mist", findet Sebastian Schlachtbauer. Ein hartes Urteil. Es kommt von einem, der die CSU eigentlich mag. So sehr, dass er seit immerhin 48 Jahren Mitglied ist. Und so sehr, dass er auch nicht über einen Austritt nachdenkt. Schlachtbauer ist Hopfenbauer und Vorsitzender des CSU-Ortsverbandes Aiglsbach. Ihn nervt es, dass die Politik, allen voran aber Ministerpräsident Markus Söder, das Thema Flüchtlinge so sehr hervorgehoben hat, dass die Menschen fast nichts anderes mehr wahrnehmen.

"Es gibt doch so viel Positives aus Bayern zu berichten, man könnte auch mal gelungene Integrationsbeispiele vorzeigen", sagt Schlachtbauer. Stattdessen renne die CSU der AfD hinterher – ohne Erfolg. Recht viel erwartet der CSUler nicht von der Gillamoos-Rede des Ministerpräsidenten, ein paar Prozentpunkte mehr als in den vergangenen Umfragen würde er der Partei bei der Landtagswahl aber doch wünschen.

In den Bierzelten in Abensberg geht es an diesem Montag weniger um politische Korrektheit oder Fakten als um derbe Worte, scharfe Attacken und Applaus. Und natürlich um Bier, Blasmusik und Schweiß.

In den Umfragen für die Wahl des neuen Landtags am 14. Oktober sieht es für die CSU konstant mau aus: Die seit Jahrzehnten regierende Partei verliert wohl die absolute Mehrheit. Bei den zeitgleichen Rednerduellen dürfte deshalb vor allem eine Frage interessant sein: Wer sendet welche Signale für eine sich andeutende Koalition an die CSU?

In einem Punkt haben fast alle Redner Waffengleichheit: Neben verbalen Attacken auf politische Gegner geht es auch darum, die eigenen Anhänger für den Endspurt bis zur Wahl zu motivieren. Dies gilt in besonderem Maße für die Vertreter der Parteien, die derzeit - wie die CSU - weit hinter ihren eigenen Ansprüchen hinterherhinken, allen voran die SPD.

Neben deren Spitzenkandidatin und Landeschefin Natascha Kohnen wird auch Parteichefin Andrea Nahles versuchen, den seit Monaten ungebremsten Sinkflug zu beenden. Da haben die Grünen und die Freien Wähler es deutlich einfacher: Beide Parteien konnten sich zuletzt nicht über schlechte Umfragen beklagen, beide sind deshalb im Reigen der potenziellen Koalitionspartner für die CSU ernstzunehmende Mitstreiter. Erst vor wenigen Tagen hatte Söder die Grünen zum Hauptgegner der CSU im Wahlkampf erklärt.

Gleiches gilt auch für die AfD, die mit Parteichef Jörg Meuthen einen Vertreter des gemäßigten Flügels als Hauptredner nominiert hat. Für die zurzeit im Landtag nicht vertretene FDP, die um einen Wiedereinzug ins Maximilianeum kämpft, spricht Spitzenkandidat Martin Hagen.

So sehr eine Einladung als Redner beim Gillamoos auch ein wenig mit einem Adelstitel zu vergleichen ist, Schutz vor dem Abdriften in die politische Bedeutungslosigkeit garantiert sie nicht: Das wissen etwa der längst geschasste Ex-SPD-Chef Martin Schulz oder der ehemalige CSU-Hoffnungsträger und Bundesminister Karl-Theodor zu Guttenberg - beide waren im vergangenen Jahr Hauptredner.

Der Gillamoos ist einer der ältesten Jahrmärkte in Niederbayern, immer rund um das erste Septemberwochenende. Am letzten Tag des fünftägigen Festes treten traditionell Spitzenpolitiker parallel in Bierzelten auf, die nur einen Steinwurf voneinander entfernt sind. Nach dem Politischen Aschermittwoch ist dies das größte Politikspektakel in Niederbayern. Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Gillamoos 1313. Mehr als 250 000 Besucher strömen jedes Jahr auf das Volksfest.

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