Politischer Gillamoos Guttenberg auf dem Gillamoos: Nix verlernt

Das Dankeschön für 85 Minuten Bierzelt-Bespaßung auf dem Gillamoos: ein schicker Hut für KTG.

(Foto: dpa)

Nach acht Jahren Bierzelt-Abstinenz meldet sich Karl-Theodor zu Guttenberg triumphal zurück. Nur einmal wirkt es, als entgleite ihm die Aufmerksamkeit des Publikums.

Von Jana Stegemann, Abensberg

Das muss man erst mal schaffen: Dass sich die Leute an einem neblig-kalten Montagmorgen vor 8 Uhr für ein Zelt in der niederbayerischen Provinz anstellen. Karl-Theodor zu Guttenberg, 45, schafft sowas. Obwohl er offiziell gerade kein politisches Mandat hat und nach eigener Aussage auch nicht aus seinem selbstgewählten amerikanischen Exil zurückkehren will, ist der selbsternannte "engagierte Bürger" der Star des diesjährigen politischen Gillamoos.

Und so gibt es im Hofbräuzelt um 8.30 Uhr nur noch wenige freie Plätze - dabei dauert es noch 90 Minuten bis zu seinem Auftritt. Also nutzen einige die Zeit für eine erste Mass.

In den nur wenige Meter entfernten Nachbarzelten bereitet man sich auf SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, FDP-Chef Christian Lindner und Grünen-Chef Cem Özdemir vor. Doch Guttenberg hat die größte Strahlkraft, auf ihn warten die Zuhörer am sehnsüchtigsten. Es ist nach seinem Heimspiel in Kulmbach am vergangenen Mittwochabend erst sein zweiter Wahlkampfauftritt seit sechseinhalb Jahren. Im Februar holte ihn CSU-Chef Horst Seehofer zu Hilfe, Guttenberg kam gerne - wie er nicht müde wird zu betonen.

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Man merkt ihm an, er fühlt sich zuhause, er kehrt gerne zurück. In das Bierzelt, das er 2009 damals noch als Wirtschaftsminister besuchte - sein Auftritt geriet damals zum Popkonzert. Nicht wenige sprachen vom "besten Gillamoos-Auftritt überhaupt". Nicht einfach bei einem Volksfest, das in diesem Jahr sein 704-jähriges Bestehen feiert und schon Politgrößen von Guido Westerwelle über Angela Merkel bis zu Edmund Stoiber zu Gast hatte.

10.01 Uhr, Auftritt Guttenberg, es dauert, bis er die Bühne erreicht. Er muss sich durch die Menschenmasse schieben, die gekommen ist, um ihm zu huldigen. Blickt in eine Smartphone- und Kamerawand. Vor acht Jahren spielten sie dem AC/DC-Fan "Highway to hell", jetzt läuft er zu "T.N.T." ein. Eine Zeile geht so: "Cause I'm T.N.T. I'm dynamite and I'll win the fight T.N.T. I'm a power load T.N.T watch me explode." Die richtige Musikauswahl, bedankt sich Guttenberg später zufrieden.

Dann lehnt Guttenberg an seinem Rednerpult, und das ist wörtlich zu nehmen. Es ist wirklich seines, er hatte es damals gestiftet. Sonst ist alles anders: Statt Nadelstreifenanzug und Gel-Frisur trägt Guttenberg dunkle Jeans, weißes Hemd, dunkles Sakko. Nur die dünne Adelsbrille ist wieder zurück. Er ist kein aufstrebender Jungpolitiker mehr wie damals - er hat eine peinliche Plagiatsaffäre und eine politische Karriere hinter sich. Oder wieder vor sich? "Kann der Ausgewanderte überhaupt noch Bierzelt? Ich weiß es nicht", beginnt Guttenberg. Er hat sich die Absolution längst selbst erteilt ("Ich habe alle Konsequenzen gezogen und ertragen. Aber ich darf nach langer Zeit auch für mich selbst sagen: Irgendwann ist auch mal wieder gut.") - und auch das Publikum hält nichts davon, nachtragend zu sein. Das Bierzelt ist seins, noch vor seinem ersten Atemzug am Mikrofon.

Ein Mann, den sich Seehofer "überall" vorstellen kann

Die mehr als 4000 Besucher hören nahezu die gleiche Rede wie die 1200 Zuhörer vor einigen Tagen in Kulmbach. Guttenberg verwendet die gleichen Pointen, er hat seine Rede für den politischen Gillamoos nicht extra angepasst. Verständlich, schließlich ist sie in Kulmbach ziemlich gut angekommen. Seehofer hat ihn längst öffentlich als "ministrabel" bezeichnet, nicht zu verwechseln mit "miserabel", das ist höchstens der politische Gegner. Er könne sich Guttenberg "überall" vorstellen, sagte Seehofer jüngst der Passauer Neuen Presse. Das sei aber keine Vorhersage, "dass er das Amt eines Bundesministers anstrebt oder bekommt".

85 Minuten doziert Guttenberg. Es gibt eine Stelle, da verliert er Zuhörer, da wirkt es, als entgleite ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums: Guttenberg philosophiert im Mittelteil seiner Rede sehr lange über Außen- und Sicherheitspolitik, über böse Männer aus der ganzen Welt: Donald Trump, Wladimir Putin, Kim Jong-un - und Gerhard Schröder. Zu lange. Guttenberg überfordert die Leute mit Fremdwörtern, mit seinen komplizierten Gedankengängen. Er übersieht, dass nicht alle Männer und Frauen hier auch dann noch Nachrichtenjunkies sind, wenn es um Themen außerhalb Bayerns geht. Nicht alle können und vor allem wollen ihm folgen. Lauteres Stimmengemurmel ist die Konsequenz. Doch schnell fängt der 45-Jährige die Leute wieder ein. Beim Thema Umgang mit Flüchtlingen und Zuwanderung hat er sie wieder, bekommt viel Applaus und laute Zustimmung. An dieser Stelle schafft er den Spagat zwischen intellektuellem Hintergrund und volksnaher Bierzeltsprache.

Kurz vorm Ende sogar noch ein nettes Wort über den bayerischen Finanzminister Markus Söder, zumindest von außen betrachtet sein ärgster innerparteilicher Konkurrent, sollte sich Guttenberg dazu entscheiden, wieder was werden zu wollen bei den Christsozialen. Feindbildpflege betreibt Guttenberg nicht öffentlich, er verteilt Spitzen, er gibt Wahlempfehlungen, aber er drischt nicht bis zum Äußersten auf den Gegner ein. Anders CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, der nach Guttenberg dran ist. Bei dem wirkt es, als teile er noch aggressiver aus als sonst.

Es heißt, ein Christsozialer mit Ambitionen muss eines beherrschen: den Auftritt in einem bayerischen Bierzelt. Guttenberg hat in den USA jedenfalls nichts verlernt.

Lesen Sie mit SZ Plus die Seite Drei über Karl-Theodor zu Guttenbergs Auftritt:
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