Wahlabend im TV CDU hat Saughemmung - AfD bekämpft das N-Wort

Die Gäste bei Anne Will im Uhrzeigersinn: Ralf Stegner (SPD), Beatrix von Storch (AfD), Ursula von der Leyen (CDU), Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Heinrich Oberreuter (Politikwissenschaftler)

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Welche Moderatorin hat die namhaftere Gästeliste? Wer erklärt das Wahlergebnis? Ein TV-Abend mit "Anne Will", "Maybrit Illner" - und Gerlinde Kretschmann.

TV-Kritik von Johanna Bruckner

"Anne Will" im Ersten

Parteispitze oder zweite Garde - wie illuster ist die Gästeliste?

In der Partyrubrik eines Societymagazins würde es nicht für die Doppelseite mit großen Bildern reichen, sondern lediglich für die Miniaturfotoecke: "Wo wurde sonst noch gefeiert?" Wobei die Runde bei Anne Will - bestehend aus: einer Ministerin, drei Menschen, die stellvertretend ein Amt innehaben, und einem Politikwissenschaftler - ohnehin nicht zum Feiern aufgelegt scheint. Das Ganze erinnert eher an ein verkrampftes Familienweihnachtsdinner. Die Wahl-Gans wird so lange tranchiert, bis nicht mal mehr eines dieser Billig-Rezepthefte an der Supermarktkasse Freude an einem Foto hätte.

Worum soll es eigentlich gehen?

Um die Frage: "Die Richtungswahl - Abrechnung mit Merkels Flüchtlingspolitik?"

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Worum geht es tatsächlich?

Man traut seinen Ohren kaum, in dieser Talkshow antworten die geladenen Gäste tatsächlich mal auf gestellte Fragen! Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ordnet die Wahlergebnisse des Sonntags so ein: "Im Endeffekt ist der europäische Kurs der Kanzlerin bestätigt worden. Aber wir haben in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg daraus keinen Honig saugen können." Wenn Sie an dieser Stelle Gans und Honigglasur zusammenbringen und für einen kurzen Moment traumsüßen Speichel in Ihrem Mund umwälzen möchten: gerne - gleich wird es bitter. Denn Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter weiß, woran die Saughemmung liegt: "Weil Angela Merkel eine (...) Politik verfolgt, die auch von der eigenen Bevölkerung Zuwendungen und Leistungen erwartet. Und die vor allem die humanitäre Position ins Zentrum stellt. Und wir in einer Gesellschaft leben, die doch sehr stark von dem Satz geleitet wird: 'Unterm Strich zähl' ich.'"

Wie das wohl bei den vielen ehrenamtlichen Helfern ankommt, die sich in diesem Winter bei der Erstversorgung von Flüchtlingen aufgerieben haben?

Aber apropos Egozentrismus: Der stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD, Ralf Stegner, ist angefressen vom guten Abschneiden der AfD: "Für mich ist es ein bitterer Umstand, dass es Länder gibt, in denen wir hinter denen liegen." Leider ziehen Stegner und die übrigen Anwesenden einmal mehr die falsche Konsequenz aus dem erschreckenden Zulauf für die Rechtspopulisten: Anstatt leidenschaftlich über die eigenen Ideen für die Lösung der Flüchtlingskrise zu sprechen, wird nur leidenschaftlich über das Nichtprogramm der AfD diskutiert. Hängen bleibt? Genau, nichts.

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Wie viel wird gestänkert?

Es fällt das böse N-Wort. Grünen-Politiker Robert Habeck findet, die AfD sei die "NPD für Besserverdienende". Auf Nachfrage von Moderatorin Will konkretisiert er ins Beliebige: "Ich kann auch sagen 'Rassisten im Schafspelz' - oder was immer Sie wollen." Verbalangriffe gegen die AfD kommen auch von der CDU-Ministerin von der Leyen ("Sie sind eine, wie Sie sagen, junge Partei, aber Sie haben uralte Antworten") und SPD-Mann Stegner ("Sie sind eigentlich für nichts, was für normale Leute gut ist"). Beatrix von Storch, stellvertretende Vorsitzende der AfD im Bund, ficht das nicht an. Sie lächelt fortwährend ihr spöttisches Lächeln, das so viel wirkungsvoller ist als jeder Konter, weil es unangreifbar ist. Zum Schluss fällt ihr dann noch eine hintergründige Spitze ein: "Rechts der CDU ist man immer noch in der Mitte."

Wer findet die kreativste Erklärung für den Ausgang des Wahlsonntags?

Politikwissenschaftler und CSU-Mitglied Oberreuter zitiert eine Befragung von Infratest dimap, wonach "ein Zwei-Drittel-Anteil derer, die zur AfD geflüchtet sind, die CSU gewählt hätten, hätte es die Chance gegeben". Die Schlussfolgerung liefert er gleich mit: in der Flüchtlingsfrage mehr Seehofer, also "die reale Beherrschungsidee neben die humanitäre" stellen.

Überstrapazierter Satz?

"Die Menschen erkennen die Arroganz der Macht." (Beatrix von Storch)

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