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SZ-Serie "Die besten Sportfilme", Platz 5:Wo Baseball zu seinen Wurzeln zurückfindet

Studio Publicity Still from Bull Durham Kevin Costner © 1988 Orion Pictures Photo Credit Matthew Na

Kevin Costner als Crash Davis weckt mit seinem minimalistischen Spiel überirdische Bilder in "Bull Durham".

(Foto: American Pictorial/imago/Cinema Publishers Collection; Bearbeitung SZ)

In "Bull Durham" ist der Alltag grau und die Stadien sind klein. Für Glanz sorgen zwei famose Charaktere, die ein Baseball-Talent auf ihre Art von der Last unnötiger Gedanken befreien.

Von Milan Pavlovic

Sportfilme haben es von Natur aus schwer: Der geneigte Sportfan erkennt sofort, dass selbst begnadete Schauspieler nicht zwingend Topathleten sind und Topathleten noch seltener begnadete Darsteller. Doch in den vergangenen Jahren ist die Auswahl gelungener Filme immer größer geworden: Die SZ-Sportredaktion stellt 22 von ihnen vor und kürt damit die - höchst subjektiven - 22 besten. Diesmal Platz 5 - "Bull Durham (Annies Männer)".

Echt jetzt? Baseball, und dann auch noch zweite Liga? Unbedingt, denn hier - jenseits der Live-Übertragungen, Talkshows und Star-Allüren - findet der Sport zu seinen Wurzeln zurück. Und der Film bewahrt genug Distanz, um sich über die Macken der Sportler zu amüsieren, ohne sich über sie zu erheben.

Im Zentrum steht ein magisches Dreieck. Der junge Ebby Calvin LaLoosh ist Werfer. Er hat einen goldenen Arm, aber ein verwirrtes Hirn. Crash Davis, ein Senior unter den Zweitligisten, soll ihn coachen: Er wirft Calvin die Ideen zu, Calvin ihm die Bälle. Und Annie Savoy, die jede Saison einen Spieler unter ihre Fittiche (und Bettdecke) nimmt, wählt Calvin (Tim Robbins) aus, um ihn die schönen und wichtigen Dinge des Lebens zu lehren. Er hat es auch nötig. Wenn Annie von der Quantenlehre spricht, schaut er verwirrt und fragt, ob denn jetzt jemand mit irgendwem ins Bett ginge. Und als Annie (Susan Sarandon) von dem Poeten Walt Whitman erzählt, fragt Calvin, für welches Team der denn spiele. Sie fesselt ihn ans Bett, liest ihm eine Nacht lang Whitman vor und tauft ihn Nuke.

BULL DURHAM, Tim Robbins, Susan Sarandon, 1988 Orion Pictures Corp/Courtesy Everett Collection !ACHTUNG AUFNAHMEDATUM GE; Bull durham

Duke (Tim Robbins) ist ans Bett gefesselt - in froher Erwartung -, doch Annie (Susan Sarandon) hält nur eine Lesung.

(Foto: Orion Pictures Corp/Everett Collection/imago)

Susan Sarandon macht aus der starken Rolle eine famose Frau. "Ich bin fasziniert von diesen toughen Frauen", erklärte Regisseur Ron Shelton 1992 in einem Interview mit dem Filmmagazin steadycam. "Sie spielt eine Frau, die sich in gewisser Weise selbst erschaffen hat, die sich in theatralische, melodramatischen Gesten und einer opernhaften Selbstinszenierung gefällt. Alles, was sie macht, betreibt sie exzessiv. Einige Rezensentinnen haben mir vorgeworfen, diese Figur sei nur eine männliche Phantasie. Ich dachte mir: Wie bitte?! Wenn sie eine Wunschvorstellung ist, dann doch wohl eine weibliche! Wer aber darauf besteht, dass sie nur eine männliche Wunschvorstellung ist, der muss zugeben, dass sie das Niveau männlicher Phantasien beträchtlich steigert. Die Frau ist nicht schön, gefügig und dumm, sondern schön, selbstsicher und intelligent."

Bull Durham

Gefällt sich in opernhafter Selbstinszenierung: Annie Savoy (links), gespielt von Susan Sarandon.

(Foto: EntertainmentPictures/imago)

Crash (Kevin Costner) und Annie wollen einander, gestehen es sich aber nicht ein. Als Annie noch zwischen Calvin und Crash schwankt, sagt der Routinier, woran er im Leben glaubt: "I believe in the soul, the cock, the pussy, the small of a woman's back, the hanging curve ball, high fiber, good Scotch, that the novels of Susan Sontag are self-indulgent, overrated crap. I believe Lee Harvey Oswald acted alone. I believe there ought to a constitutional amendment outlawing Astroturf and the designated hitter. I believe in the sweet spot, soft-core pornography, opening your presents Christmas morning rather than Christmas Eve, and I believe in long, slow, deep, soft, wet kisses that last three days."

Und dann geht er. Was für ein Abgang.

Studio Publicity Still from Bull Durham Kevin Costner © 1988 Orion Pictures Photo Credit Matthew Na; Bull durham

Hinterlässt Eindruck: Kevin Costner als Crash Davis.

(Foto: Matthew Naythons/American Pictorial/Cinema Publishers Collection/imago)

Crash und Annie wählen einen Umweg und machen Nuke zu einem besseren Spieler, befreien ihn, jeder auf seine Weise, von der Last unnötiger Gedanken, damit er unbeschwert aufspielen kann. Baseball hat viel mit Glauben zu tun, also mit Metaphysik und Religion. Und mit Sex. Der Geist trainiert den Körper und umgekehrt.

Costner und Sarandon bilden ein wunderbares Duo - aber die ultimative Pointe schrieb das Leben: Nach den Dreharbeiten waren Sarandon und Tim Robbins ein Paar und blieben es über 20 Jahre lang.

So direkt, wie Nacherzählungen es glauben machen müssen, ist dieser Film übrigens nicht. Er hält sich nicht mit Ergebnissen auf, und an Statistiken ist er weitgehend desinteressiert. Ron Shelton, der selbst einmal Minor Leaguer beim Farmteam der Baltimore Orioles war, sucht in seinem Regie-Debüt keinen Glanz. Nichts in "Bull Durham" strahlt und funkelt wie in Barry Levinsons auf ganz andere Weise wunderbarem Baseball-Zauber "The Natural" ("Der Unbeugsame", 1984), den Shelton "überhaupt nicht" ausstehen konnte. Und vor die Wahl gestellt, ob er das Mythische im Banalen suchen soll (wie Levinson) oder umgekehrt, entschied Shelton sich für das Alltägliche im Erhabenen. Der Alltag ist grau, die Bilder sind dreckig; die Stadien sind klein und die Resultate nicht so wichtig.

"Die meisten Bilder, die seit Jahren über die Leinwände flimmern, sind viel zu glatt und makellos", erklärte Shelton. "Die Figuren werden nicht mehr inszeniert, sondern drapiert. Alles ist so erlesen, so geordnet, dass jedes Leben verschwindet. (...) Ich möchte, dass die Bilder überborden, denn gerade wenn sich das Geschehen nicht an die Bildbegrenzung hält, entsteht der Eindruck von Vitalität. Die Zuschauer sollen vergessen, dass sie im Kino sitzen und stattdessen das Gefühl haben, mitten im Leben zu stehen."

Shelton, von dem auch das Drehbuch stammt, interessiert sich weniger für das Ziel als für den Weg. Ohne Ende. Crash stellt einen neuen Homerun-Rekord für die Minor Leagues auf, aber das führt ihn nicht weiter. Einmal sagt Crash, er wolle für einen Moment lang nichts über Baseball hören, sondern einfach nur leben. Eine europäische Haltung in einem uramerikanischen Film. So seltsam und unberechenbar ist der ganze Film. Er genügt sich selbst, ganz wie Kevin Costner, der mit seinem minimalistischen Spiel überirdische Bilder weckt. Baseball, das wusste schon Walt Whitman, "wird sich zu seiner Zeit als hinreichend erweisen, es kann nicht fehlen".

Bull Durham (Annies Männer), 1988, Regie Ron Shelton

Bereits erschienene Rezensionen:

Platz 22: "Free Solo"

Platz 21: "Rush"

Platz 20: "Die nackte Kanone"

Platz 19: "Slap Shot"

Platz 18: "Foxcatcher"

Platz 17: "The Wrestler"

Platz 16: "Nowitzki. Der perfekte Wurf"

Platz 15: "Le Grand Bleu"

Platz 14: "White Men Can't Jump"

Platz 13: "I, Tonya"

Platz 12: "Battle of the Sexes"

Platz 11: "Jerry Maguire"

Platz 10: "Rocky III"

Platz 9: "The Rider"

Platz 8: "Moneyball"

Platz 7: "Million Dollar Baby"

Platz 6: "Senna"

© SZ/tbr
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