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SZ-Serie "Die besten Sportfilme", Platz 14:Ein überaus seltenes Kunstwerk

Film still or Publicity still from White Men Can t Jump Woody Harrelson Wesley Snipes © 1992 20th C

Woody Harrelson und Wesley Snipes

(Foto: Neil Leifer/imago; Bearbeitung SZ)

"White Men Can't Jump" ist mehr als ein Basketball-Film mit grandiosen Basketballszenen. Er ist eine bittersüße Komödie - und eine treffende Milieustudie mit tiefer gesellschaftlicher Bedeutung.

Von Jürgen Schmieder

Sportfilme haben es von Natur aus schwer: Der geneigte Sportfan erkennt sofort, dass selbst begnadete Schauspieler nicht zwingend Topathleten sind und Topathleten noch seltener begnadete Darsteller. Doch in den vergangenen Jahren ist die Auswahl gelungener Filme immer größer geworden: Die SZ-Sportredaktion stellt 22 von ihnen vor und kürt damit die - höchst subjektiven - 22 besten. Diesmal Platz Platz 14 - "White Men Can't Jump (Weiße Jungs bringen's nicht)".

Letztlich geht es nur um diese eine Frage, und sie beinhaltet so ziemlich alles, was man über Rassismus und kulturelle Aneignung wissen muss. Ein weißer Hinterwäldler, eine Latina aus Brooklyn und ein Afroamerikaner aus dem Ghetto von Los Angeles fahren im Cabrio durchs LA der 1990er, sie haben gerade ein paar Leute abgezockt, und im Radio läuft Jimmy Hendrix. Sie alle hören sich das an, aber, und das ist die Gretchenfrage des Films "White Men Can't Jump": "Kannst du Jimmy hören?"

Sportfilme, die häufig auch Milieufilme sind, haben meist eines von zwei Problemen: Entweder sind die Sportszenen derart unrealistisch, dass der Zauber athletischer Ästhetik fehlt, oder die Darsteller werden dem Milieu nicht gerecht, in dem die Geschichte spielt. Ron Shelton, der vor diesem Film die wunderbare Baseball-Melokomödie "Bull Durham" gedreht hatte, gelingt ein überaus seltenes Kunstwerk: eine bittersüße Komödie darüber, wie abgefuckt das Leben doch sein kann - und ein spannender Sportfilm.

Billy (wunderbar, wie eigentlich immer: Woody Harrelson) ist ein weißer Basketballspieler, der es nach dem College zu nichts gebracht hat und ein paar sinistren Gestalten Geld schuldet. Er kommt nach Los Angeles, mit seiner Freundin Gloria (Rosie Perez, der hier - fast drei Jahre nach ihrem fulminanten Debüt in "Do the Right Thing" - der Durchbruch gelang), um auf den Freiluftplätzen abzuzocken. Sein Trick: Kein Schwarzer denkt, dass dieses Weißbrot mit den Nerd-Klamotten spielen kann, also wetten sie so ziemlich jeden Cent gegen ihn, den sie besitzen oder sich durch einen vermummten und bewaffneten Besuch im Tante-Emma-Laden ergaunern können.

Ein Basketball-Film mit grandiosen Basketballszenen

Der Afroamerikaner Sidney (fantastisch: Wesley Snipes) erschnüffelt die Masche und bietet Billy eine lukrative Zusammenarbeit an. Die beiden bescheißen andere, sie betrügen einander, und immer schwingt die Frage mit, warum diese beiden Schwachmaten nicht auf ihre offensichtlich klügeren Frauen hören (Gloria gewinnt irgendwann sehr viel Geld bei der Spielshow Jeopardy) und endlich Verantwortung für sich und ihre Liebsten übernehmen, anstatt weiterhin auf den Plätzen von Los Angeles um ein paar Dollar zu zocken.

Das nämlich ist die Botschaft dieses grandiosen Films: Sidney behauptet, man könne Jimmy nur hören, wenn man erlebt habe, was Schwarze im LA der 1990er nun mal erleben - wünscht sich jedoch nichts sehnlicher, als all das nicht erleben zu müssen: den offenen Rassismus, die unterschwelligen Demütigungen, die ausgeraubte Wohnung. Im Grunde wünscht er sich letztlich nichts mehr, als Jimmy nicht hören zu können.

Es ist ein Basketball-Film mit grandiosen Basketballszenen, was zum einen daran liegt, dass Snipes und Harrelson tatsächlich auf dem Niveau der Streetball-Plätze in Los Angeles agieren - und an Auftritten von NBA-Stars wie Gary Payton, Marques Johnson und Freeman Williams. Es ist eine treffende Milieustudie, die kurz nach ihrer Premiere (27. März 1992) eine viel tiefere gesellschaftliche Bedeutung bekam: Einen Monat später wurden die hellhäutigen Polizisten, die den Afroamerikaner Rodney King bei einer Verkehrskontrolle brutal zusammengeschlagen hatten, von den überwiegend weißen Geschworenen freigesprochen. Zwei Tage später begannen die LA Riots, bei denen 63 Leute getötet und 2383 Menschen verletzt werden.

"White Men Can't Jump (Weiße Jungs bringen's nicht)", 1992, Regie Ron Shelton

Bereits erschienene Rezensionen:

Platz 22: "Free Solo"

Platz 21: "Rush"

Platz 20: "Die nackte Kanone"

Platz 19: "Slap Shot"

Platz 18: "Foxcatcher"

Platz 17: "The Wrestler"

Platz 16: "Nowitzki. Der perfekte Wurf"

Platz 15: "Le Grand Bleu"

© SZ.de/tbr

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