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SZ-Serie "Die besten Sportfilme", Platz 22:Wenn die Angst vorm Fallen fehlt

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Ohne Seil am Berg: Alex Honnold in "Free Solo"

(Foto: National Geographic / Jimmy Chin)

Klettern ohne Seil wird im Film "Free Solo" zur Horrorvision - für den Zuschauer, nicht für den Protagonisten. Das Besondere: Er kommt ohne Heldenstatus aus.

Von Martin Schneider

Sportfilme haben es von Natur aus schwer: Der geneigte Sportfan erkennt sofort, dass selbst begnadete Schauspieler nicht zwingend Topathleten sind und Topathleten noch seltener begnadete Darsteller. Doch in den vergangenen Jahren ist die Auswahl gelungener Filme immer größer geworden: Die SZ-Sportredaktion stellt in den kommenden Wochen 22 von ihnen vor und kürt damit die - höchst subjektiven - 22 besten. Los geht's - klar - mit Platz 22: "Free Solo".

Irgendwann, als man schon längst überzeugt ist, dass das alles nicht funktionieren kann, erklärt Alex Honnold das sogenannte Boulder Problem. "Man drückt seinen Daumen in dieses kleine Loch. Das ist der schlimmste Punkt der ganzen Route", erklärt er als Stimme aus dem Off. Man sieht, wie sein Finger an einer Stelle in der Felswand Halt findet, bei der man einfach nicht erkennen kann, wie genau das gehen soll. "Man hängt an seinem halben Daumen", erklärt er das, was man zwar sieht, aber nicht versteht. Dann Füße tauschen, Daumen tauschen, ein paar Griffe - und dann müsse man sich nur noch entscheiden, ob man per Karatekick zur nächsten Wand oder mit beiden Händen voran zum nächsten Felsvorsprung springt, den er als "guten Vorsprung" bezeichnet. Dann habe man diese Schlüsselstelle geschafft.

Im Film sieht man, wie er an dem "guten Vorsprung" abrutscht - aber von Seilen abgefangen wird. Die Aufnahmen stammen aus einer Trainingstour für sein Pionier-Vorhaben: Den 1000 Meter hohen Granitfelsen El Capitan im Yosemite National Park zu durchklettern. Den Stil nennen sie "Free Solo". Das klingt frei und ungezwungen, aber es heißt nichts anderes als: Allein und ohne Seil. Einfach die Wand rauf. Und wenn man fällt, dann fällt man. Schluss. Aus.

Die Angst vorm Fallen macht diesen Film zu dem, was er ist: einen völlig zu Recht mit dem Oscar ausgezeichneten Dokumentarfilm. Die Angst vorm Fallen hat man übrigens selbst, weniger Honnold. Weil es einem allein beim Zuschauen den Magen zuschnürt, wenn man auch nur einmal den Fehler begeht und sich gedanklich in ihn hineinversetzt. Wie würde es einem selbst gehen - mit 800 Meter Luft unter den Fußsohlen? Man versteht seine Freundin, die weinend im Auto sitzt, weil sie die Frage nicht beantwortet kriegt: Warum muss man das machen?

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Alex Honnold auf dem Gipfel des El Capitan im Yosemite-Nationalpark

(Foto: National Geographic / Jimmy Chin)

Der Film versucht, die Fragen so gut wie es geht zu beantworten. Natürlich ist Honnold kein normaler Mensch, so weit so klar. Man sieht, wie er schon als Kind, naja, emotional eher distanziert seine Freude an der Kletterwand fand und darin schnell Dinge konnte, die andere nicht können. Als Erwachsener lebte er lange nur in einem Van. Irgendwann lernte er auf einer Lesung Sanni McCandless kennen, sie wurde seine erste richtige Freundin seit Ewigkeiten - eine quirlige, sympathische Person, an der man sieht, was Honnold alles nicht ist. Als sie zusammen ein Haus kaufen, kann er nicht verbergen, dass er nicht so richtig versteht, warum man sowas braucht: ein Haus. Der Van reicht doch.

Man kann aber auch in Honnolds Kopf reingucken - und zwar wörtlich. In einer Kernspin-Untersuchung finden Ärzte heraus, dass er mit Angst besser umgehen kann als andere; die können aber nicht sagen, ob das Talent oder Training ist. Honnold spricht immer davon, dass er das Klettern liebt, dass dies sein Leben ist. Etwas nicht zu tun, kommt für ihn nicht in Frage. Seine Mutter hat das irgendwann akzeptiert, sie will nur nicht, dass ihr Sohn ihr vorher von seinen Touren erzählt. Zu seiner Angst vor dem Tod hat er mal in einem SZ-Interview gesagt, dass man ja auch sterben könne, wenn man die Straße überquert. Man habe halt keine tägliche Angst vor dem Straßenverkehr, weil man sich sicher sei, dass man nicht sterbe. So sei das bei ihm in der Wand. Wer ihn im Film mit Fingerkuppen und Zehen am senkrechten Granit-Felsen sieht, kann selbst beurteilen, ob die Erklärung taugt.

Im Gegensatz zu vielen Extremsport-Dokumentationen verherrlicht dieser Film nichts. Honnold wird nicht als Superheld inszeniert, wie es ein bekannter österreichischer Brauseproduzent mit seinen Sportlern oft macht. Alles ist Teil des Films, auch das Filmteam, das zu großen Teilen aus Honnolds Freunden besteht, weil die Anwesenheit der Kamera ihn bei seinem Versuch beeinflusst. ("Ich weiß nicht, ob ich es kann, wenn mir so viele Leute zugucken"). Und die Kameraleute, die alle selbst erfahrene Kletterer sind, dürfen sich auch fragen, was sie eigentlich machen, wenn Honnold vor ihrer Linse abstürzt.

Nachdem man mit Honnold durch sein Leben, durch sein Gehirn und durch sein Training gereist ist - muss man am Ende mit ihm nur noch durch die Wand klettern. Und ihm dabei zugucken, wie er das Boulder-Problem ohne Seil lösen will.

"Free Solo", 2018, Regie: Jimmy Chin & Elizabeth Chai Vasarhelyi

© SZ.de/ska

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