La Liga:Ancelotti ist nun Karl der Große

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La Liga: Hochgelobt: Real Madrids Spieler erweisen Coach Ancelotti die Ehre, der die Meisterschaft nun mit fünf verschiedenen Klubs gewonnen hat.

Hochgelobt: Real Madrids Spieler erweisen Coach Ancelotti die Ehre, der die Meisterschaft nun mit fünf verschiedenen Klubs gewonnen hat.

(Foto: Pressinphoto/Shutterstock/Imago)

Der ehemalige Bayern-Coach führt Real Madrid zum 35. Meistertitel. Er ist nun der einzige Trainer, der in allen fünf großen Ligen nationaler Champion geworden ist.

Von Javier Cáceres

Carlo Ancelotti, 62, hat so einiges gesehen in der Welt des Fußballs, und auch eine Menge gewonnen. Doch was am Samstag geschah, war auch für ihn speziell: "Im Bernabeu zu gewinnen, ist etwas Besonderes, und hier Trainer zu sein, ist es auch", sagte er: "Ich glaub's ja immer noch nicht!" Was natürlich Restspuren von Koketterie enthielt, er ist ja nicht irgendwer in der Geschichte des Fußballs.

Wobei: Es war, wenn man sich erinnert, einigermaßen überraschend, dass Real Madrid im vergangenen Sommer auf Ancelotti zurückgriff, der schon von 2013 bis 2015 Trainer im Estadio Santiago Bernabéu gewesen war. Damals gewann er "nur" die Champions League - die berühmte "Décima", die zehnte von nun 13 kontinentalen Kronen -, nicht aber das, was er nun erreicht hat: den spanischen Meistertitel mit Real Madrid.

Es gibt jene, die meinen, es sei diesmal die Liga des Stürmers Karim Benzema oder auch des Linksverteidigers Marcelo (der nun vor dem kürzlich verstorbenen Paco Gento der Spieler der Geschichte Reals mit den meisten Titeln ist: 24), oder die Liga des phänomenalen Mittelfeldspielers Luka Modric, des allmählich elektrisierenden Vinícius Jr. oder auch des faszinierend fehlerfreien Torwarts Thibaut Courtois. Nur: Es stimmt nicht.

Warum er beim FC Bayern gehen musste? "Ich wollte die Mannschaft revolutionieren, das entsprach nicht den Vorstellungen des Klubs."

Dies war die Liga des Carlo Ancelotti. Denn er ist nun der einzige Trainer der Weltgeschichte, der in allen fünf großen Ligen Europas den Meistertitel gewonnen hat: im Heimatland Italien (AC Milan, 2004), in England (FC Chelsea, 2010), in Frankreich (Paris Saint-Germain, 2013), in Deutschland (FC Bayern, 2017) und nun also auch in Spanien. "Carlo V.", schreiben die Zeitungen, zu Deutsch: Karl der Große, Carlo Magno. Und Ancelotti war zu Tränen gerührt. "Das ist genetisch bedingt, meinem Vater und meinem Großvater passierte das auch. Und das bedeutet nur, dass ich glücklich bin. Ich mag, was ich mache", sagte Ancelotti, der in Reggiolo geboren wurde, einem Ort in der Emilia Romagna, und als Sohn eines Landwirts gelernt hat, zu arbeiten, zu warten und zu leben.

Vor ein paar Tagen hatte man das deutlich heraushören können, als er in einem Interview für die TV-Sendung "Universo Valdano" 27 Jahre als Trainer Revue passieren ließ. Kuriose und menschelnde Dinge traten da zutage. Zum Beispiel wenn er über England sprach, wo er zum ersten Italiener wurde, der die Premier League gewann und später auch den FC Everton trainierte. Dort lebe man auch ohne Covid "wie in einer permanenten Pandemie", sagte er.

La Liga: Nun auch am Brunnen: Carlo Ancelotti feiert Madrids Meisterschaft auf traditionelle Weise.

Nun auch am Brunnen: Carlo Ancelotti feiert Madrids Meisterschaft auf traditionelle Weise.

(Foto: Isabel Infantes/Reuters)

Andererseits: Zur Ehrenrettung der Engländer muss man in Rechnung stellen, dass er auch an einem der extrovertiertesten Orte der Welt tätig war: in Neapel, "die beste Stadt der Welt, um Urlaub zu machen", wie Ancelotti urteilte: "Ich trainierte nachmittags und fuhr dann mit dem Boot nach Capri, um zu Abend zu essen." Dort holte er, Zufall oder nicht, keinen Titel. Irgendwo dazwischen lag München: "Die Stadt? Spektakulär. Der Klub? Spektakulär!" Der damalige Boss, "Kalle" Rummenigge, sei "ein Mann des Fußballs, der sehr gut versteht, wie man einen Klub leitet und eine Kabine". Und doch flog Ancelotti dort nach kaum mehr als einem Jahr wieder raus, worüber er bislang nur selten gesprochen hat.

"Was passiert ist? Es gibt so Momente, in denen du denkst, dass du die Mannschaft ein bisschen verändern musst, Frische brauchst", sagte Ancelotti. "Meine Idee war es, die Mannschaft ein wenig zu revolutionieren, und das entsprach nicht den Vorstellungen des Klubs." Zudem sei geschehen, was oft passiere: "Ein großer Spieler hat Schwierigkeiten zu verstehen, wann der Moment gekommen ist aufzuhören." Wen er damit meinte, ließ er offen. Die ältesten Kadermitglieder jedenfalls waren damals Arjen Robben und Franck Ribéry.

Daran, dass er liebend gern beim FC Bayern gearbeitet habe, ließ er nicht den geringsten Zweifel. Er ziehe Klubs, bei denen der Präsident ein Fan sei, jedem Businessmann wie Roman Abramowitsch vom FC Chelsea vor: "Ich bin lieber in einer Familie tätig als in einer Industrie." Und dennoch: Das eine oder andere Grad Wärme hat ihm auch in Deutschland gefehlt. Die Stimmung in den Stadien sei "schön, aber etwas kalt", die Organisation des deutschen Fußballs insgesamt "perfekt", und als Jorge Valdano als Gastgeber des Talks wissen wollte, wie es um das Profil des deutschen Fußballers bestellt sei, sagte Ancelotti: "Das Profil des deutschen Spielers ist das eines deutschen Spielers", sagte Ancelotti. Sprich: "Mechanisch?", fragte Valdano. Und Ancelotti antwortete: "Nicht sehr kreativ. Ein Soldat."

Mit den vielen Daten zum Fußball kann er wenig anfangen: "Man muss die Dinge nicht schwerer machen, als sie sind."

Wenn etwas Ancelotti fernliegt, dann sind es die Umgangsformen und der Ton eines Generals. "Er ist wie ein Vater, der auch streng sein kann, aber herzlich, scherzend, freundlich ist", sagte Torwart Courtois am Samstag. Ancelotti selbst sagte, er lege Wert darauf, zu unterscheiden "zwischen dem Menschen und dem Spieler" - so wie er "ein Mensch gewesen sei, der Fußball gespielt habe", sei er auch "ein Mensch, der Trainer sei" und "nicht den Menschen auf die Bank setzt, sondern den Fußballer".

Die Spieler würden diese Unterscheidung nicht immer verstehen, sagte er, dafür versteht er offenkundig die Spieler. "Der Fußball ist nicht so schwer, er ist einfach", sagte Ancelotti, der den Datenwust, den ihm sein Assistent und Sohn Davide vorkaut, abstrahiert: "Man muss die Dinge nicht schwerer machen, als sie sind." Was daran liegen mag, dass Carlo Ancelotti sich daran erinnert, wie es einst war, als der Fußballrevolutionär Arrigo Sacchi, dem er erst als Spieler und später als Trainerassistent zu Diensten war, beim AC Mailand Taktik einstudierte.

"Einmal fragte er uns, was wir gern machen würden. Ein Trainingsspiel, sagten wir." Anderntags habe Sacchi die Mannschaft tatsächlich zum Abschluss des Trainings elf gegen elf spielen lassen. Sacchi aber habe den Trainingsplatz verlassen. Er selbst sei "kein obsessiver Trainer", sagt Ancelotti, der Job sei für ihn "keine Arbeit und kein Opfer, das ich erbringe: Es ist Leidenschaft".

So wie das Siegen eine Passion geworden ist: Er ist der einzige Coach, der mit zwei verschiedenen Klubs (Milan und Real Madrid) drei Champions-League-Titel geholt hat. Am Mittwoch muss er im Halbfinale in Madrid ein 2:3 gegen Manchester City aufholen, um das Königsklassen-Endspiel zu erreichen. Ancelotti ist da guter Dinge: "Hier in Madrid muss man sich mit dem Feiern beeilen ...", sagte er in Anspielung darauf, dass sich Real Madrid auf Lorbeeren nie ausruht. Sollte er den Pott holen, wäre er der einzige Coach mit vier Champions-League-Titeln.

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