Terrorismus:Steinmeier zu Olympia-Attentat: "Das beschämt mich"

Lesezeit: 4 min

Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag des Olympiaattentats

Eine Entschuldigung - und eine versöhnliche Antwort: Die Hinterbliebene Ankie Spitzer und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier umarmen sich nach seiner Rede.

(Foto: dpa)

Am Jahrestag des Anschlags von 1972 in München bittet der Bundespräsident die Angehörigen der Opfer um Vergebung. Ankie Spitzer spricht für die Hinterbliebenen - in Form einer Ansprache an ihren getöteten Mann.

Von Kassian Stroh

50 Jahre nach dem Olympia-Attentat von München hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Angehörigen der Opfer um Vergebung gebeten - für den mangelnden Schutz der israelischen Athleten und für die mangelnde Aufklärung danach, wie er am Montagnachmittag bei einer Gedenkstunde im Fliegerhorst Fürstenfeldbruck sagte. Er tue dies "als Staatsoberhaupt dieses Landes und im Namen der Bundesrepublik Deutschland".

Fünf Jahrzehnte habe es bis zu einer Einigung über eine angemessene Entschädigung gedauert. Aber auch diese werde nicht alle Wunden heilen können. "Wir können nicht wiedergutmachen, was geschehen ist, auch nicht, was Sie an Abwehr, Ignoranz und Unrecht erfahren und erlitten haben", sagte Steinmeier zu den Hinterbliebenen. "Das beschämt mich."

Bei dem Anschlag durch palästinensische Terroristen am 5. September 1972 waren elf Mitglieder des israelischen Olympia-Teams ums Leben gekommen. Erst vor wenigen Tagen hatten sich Hinterbliebene und Bundesregierung nach langem Ringen auf eine Entschädigung von insgesamt 28 Millionen Euro geeinigt. Darüber hinaus soll es eine umfangreiche Aufarbeitung der Geschehnisse geben. Opfer-Angehörige hatten zuvor damit gedroht, den Gedenkveranstaltungen fernzubleiben, sollte es keine Einigung geben.

Doch nun waren sie gekommen. Ankie Spitzer, die Witwe des ermordeten Fechttrainers Andrei Spitzer sprach für die Angehörigen - und überraschte. Spitzer hatte lange und auch sehr vehement für eine angemessene Entschädigung für die Angehörigen gekämpft. Ihre Rede in Fürstenfeldbruck war daher mit besonderer Spannung erwartet worden. In einer emotionalen Rede richtete sie sich nun an ihren verstorbenen Mann, ihren "lieben Andrei".

"Du kannst jetzt in Frieden ruhen", sagt Ankie Spitzer an ihren getöteten Mann gerichtet

Sie erinnerte daran, wie sie sich vor 50 Jahren das Zimmer ansah, in dem Spitzer als Gefangener seine letzten Stunden zubrachte, "wie viel Hass in diesem Raum stand". Dann bat sie ihren Mann um Vergebung, dass es so lange gedauert habe, doch nun, nach 50 Jahren sei das Ziel endlich erreicht. Es ändere nichts daran, dass er weg sei. "Aber sie haben nicht meine Liebe für dich ermordet", sagte Spitzer.

Sie habe keinen Frieden gefunden, weil keine Gerechtigkeit gefunden worden sei. Man hätte erwartet, dass das mächtige Deutschland alles getan hätte, um zu verhindern, dass noch mehr jüdisches Blut auf deutschem Boden fließt, sagte Spitzer zur Verantwortung der Deutschen. Abschließen könne sie dieses Kapitel nicht, das Loch in ihrem Herzen werde nie heilen. Zum Ende ihrer Rede fand sie dennoch verbindliche Worte: "Du kannst jetzt in Frieden ruhen und das kann ich auch, bis wir uns wiedersehen", sagte sie an ihren früheren Mann gerichtet.

Der Staatspräsident Israels, Isaac Herzog, nannte die Entschädigungen einen "wichtigen, moralisch gerechten Schritt". Er dankte allen, die diese Einigung vorangetrieben und ermöglicht hätten, und erinnerte an das Leid der Angehörigen, mit denen er gemeinsam mit Steinmeier zuvor zusammengetroffen war. Der Anschlag sei eine "nationale Katastrophe" gewesen, sagte Herzog. Nach seiner Rede umarmte er Steinmeier.

Überfällig sei das Bekenntnis, dass die Geschichte des Attentats auch eine "Geschichte von Fehleinschätzungen , von furchtbaren, von tödlichen Fehlern, ja, eines Versagens war", sagte Steinmeier. Noch immer seien viel zu viele Fragen offen - etwa warum die überlebenden Täter nie juristisch belangt worden seien, warum die deutschen Sicherheitskräfte so überfordert gewesen oder warum Akten jahrzehntelang unter Verschluss gehalten worden seien. Er begrüße, dass nun eine israelisch-deutsche Historikerkommission Antworten geben solle, sagte Steinmeier.

Die Angehörigen hätten ein Recht darauf, endlich die Wahrheit zu erfahren. Dem Anschlag seien "Jahre und Jahrzehnte des Schweigens, des Verdrängens" gefolgt. Beim offiziellen Gedenkakt vor fünf Jahren, bei dem auch ein "Erinnerungsort" am Rande des Olympischen Dorf eröffnet wurde, war Steinmeier der einzige hohe deutsche Repräsentant, der auch Fehler der Sicherheitsbehörden einräumte. "An dieser Katastrophe tragen auch wir bis heute schwer", sagte er damals.

Die Geiselnahme wurde am 5. September 1972 auf dem damaligen Bundeswehr-Flughafen Fürstenfeldbruck im Westen Münchens von der Polizei blutig beendet, der Einsatz gilt aus heutiger Sicht als vollkommen misslungen. Bei der Schießerei starben alle Geiseln sowie ein bayerischer Polizist, fünf der acht Terroristen kamen ebenfalls ums Leben. In Fürstenfeldbruck fand am Montagnachmittag die Gedenkfeier statt, auf der Steinmeier sprach.

Auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) räumte Fehler der Behörden ein und bat für den Freistaat Bayern um Entschuldigung. Er begrüßte die Einigung mit den Hinterbliebenen, kritisierte aber die Bundesregierung indirekt: Die Debatten seien "kleinteilig" gewesen, "ich fand das nicht unbedingt würdig". Söder vertrat bei der Gedenkstunde die bayerische Staatsregierung, die den Polizeieinsatz seinerzeit maßgeblich zu verantworten hatte.

"Das Versagen war kolossal", sagt Ilana Romano

Bei einer weiteren Gedenkfeier im Münchner Olympiapark hatte am Vormittag der bayerische Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) gesagt: "Vor 50 Jahren hat Deutschland beim Schutz der israelischen Sportler versagt." Zwar habe man daraus gelernt, aber das sei keine Entschuldigung für die Fehler von damals. Er sei froh darüber, "dass wir in Deutschland endlich Verantwortung übernommen haben", sagte Piazolo - durch eine hohe Entschädigungssumme an die Hinterbliebenen, durch das Versprechen, die Ereignisse historisch aufzuarbeiten, und dadurch, "dass auch Schuld anerkannt wurde".

Auch der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sagte bei der Feier, er müsse im Namen der Stadt München heute "beschämt feststellen", dass die Verantwortlichen für die Spiele von 1972 "folgenschwere Fehler" begangen hätten. "Das tut mir leid und ich entschuldige mich dafür, dass nach dem Anschlag nicht das getan wurde, was die Menschlichkeit geboten hätte: Fehler einzugestehen und die Verantwortung dafür zu übernehmen."

"Das Versagen war kolossal", sagte Ilana Romano. Sie ist die Witwe des ermordeten Gewichthebers Yossef Romano und eine der informellen Sprecherinnen der Hinterbliebenen. Und sie meint damit nicht nur die Arbeit der Sicherheitsbehörden 1972, die unter anderem viele Hinweise auf einen bevorstehenden Anschlag ignoriert hätten. Sondern auch die unvollständige Aufarbeitung der Ereignisse. Romano spricht von "fünf Jahrzehnten Justizversagen".

Zur SZ-Startseite

SZ PlusMeinung50 Jahre Olympia-Attentat
:Eine Bilanz voller Scham

Um Mitternacht des 5. September 1972 starben die israelischen Geiseln in Fürstenfeldbruck, um 16.30 Uhr gingen die Spiele weiter. Heiter wollten sie sein, seelenlos wurden sie.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB