Europawahl So hat der Landkreis Starnberg gewählt

„Demokratie braucht Demokraten“: Landrat Karl Roth bei der Kundgebung auf dem Kirchplatz in Starnberg.

(Foto: Georgine Treybal)

Während die Grünen die SPD überflügeln, stabilisiert sich die CSU. Die größten Zugewinne gibt es aber an anderer Stelle.

Von David Costanzo, Peter Haacke und Gerhard Summer

Die rauschende Wahlparty der Starnberger Grünen fällt so aus: Die Kreisvorsitzende Kerstin Täubner-Benicke sitzt im Zelt auf einem Campingplatz in der Toskana direkt am Meer und aktualisiert auf dem Smartphone ständig den Stand der Auszählung. Als um 18 Uhr die Prognose verkündet wird, sei in Nachbarzelten ein Hurra ausgebrochen - und nach Hurra ist auch Täubner-Benicke zumute. Sie stößt mit ihrem Mann mit einem Glas Wein an. "Das ist ein Sunday for Future", jubelt die Grüne in Anspielung auf die Klimabewegung der Schüler. Ihre Partei holt bei der Europawahl im Landkreis 25,9 Prozent. Das ist zwar nicht ganz so viel wie bei der Landtagswahl im vergangenen Oktober, wo die Grünen mit 26,5 Prozent das beste Landkreisergebnis in ganz Bayern erzielten, aber fast zehn Punkte mehr als bei der Europawahl vor fünf Jahren. Da gab es 16,5 Prozent. Die Grünen setzen ihren Höhenflug fort.

Während die CSU leicht um eineinhalb Punkte auf 37,2 Prozent zulegt, stürzt die SPD ab. Die Sozialdemokraten bekommen im Landkreis noch 8,6 Prozent. Im Jahr 2014 waren es 18,9 Prozent. Den größten Zuwachs verzeichnet allerdings keine Partei, sondern die Wahlbeteiligung. 71,9 Prozent der Bürger gingen im Landkreis an die Urnen, bei der Europawahl vor fünf Jahren waren es noch 51,7 Prozent - plus 20 Prozentpunkte. Das freut alle Kreisvorsitzenden an diesem Abend.

Die Grünen wollen nach der Kommunalwahl auch Bürgermeister stellen

Klima und Naturschutz bewegten die Menschen im Landkreis ganz besonders, erklärt die Grünen-Chefin das Ergebnis, genau wie die Themen Demokratie und Solidarität. Dass die AfD im Fünfseenland gegen den bundesweiten Trend im Landkreis deutlich hinter ihr Ergebnis von 2014 zurückfällt - von 9,0 auf 6,4 Prozent - ist nach Meinung Täubner-Benickes auch auf die Gegendemonstration am Donnerstag in Starnberg zurückzuführen.

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Die Reden gehen im Lärm von Trillerpfeifen und Buhrufen unter. Zum Schluss fegen die Gegendemonstranten den Kirchplatz.

Den Rückenwind wollen die Grünen mit in die Kommunalwahl im kommenden März nehmen. "Die Gemeinderäte werden ganz anders zusammengesetzt sein", prophezeit Täubner-Benicke. Die Grünen wollen dann Bürgermeister stellen. Zwar konnte die Partei diesmal die CSU in keiner Gemeinde überflügeln, in einzelnen Wahllokalen lag sie allerdings vorn.

Landrat Karl Roth beschäft das Ergebnis der Grünen mehr als das seiner CSU

"Hut ab" und "meine Gratulation", sagt dann auch Landrat Karl Roth (CSU). Ihn beschäftigte am Sonntagabend vor allem das sensationelle Abschneiden der Grünen. "Das lag für mich in der Luft", sagte er, "Ökologie und Klimawandel, das sind nun mal die Themen der Grünen. Aber dass sie mehr als zehn Prozentpunkte dazu gewonnen haben, ist der Wahnsinn. So ein Rutsch, das freut mich für die Grünen." Das Abschneiden seiner Partei im Landkreis kommentierte Roth mit einem einzigen Satz: "Mit der CSU", die in seinem Wohnort Andechs fast 44 Prozent holte, "bin ich zufrieden".

"Wir haben in allen Gemeinden die Mehrheit", ergänzt die CSU-Kreisvorsitzende Stefanie von Winning. Ihre Partei habe sich mithin stabilisiert, bei der Landtags- und Bundestagswahl sei es ja nach unten gegangen. Über das Desaster der Sozialdemokraten sei sie gar nicht glücklich. "Das ist für Europa überhaupt nicht gut" und ebne Rechts- und Linkspopulisten den Boden.

Für die SPD-Kreisvorsitzende Julia Ney aus Gauting war der Wahlabend desaströs: Sie sprach von einem "Trend, der sich fortgesetzt hat und zu erwarten war". Ja, die SPD sei im tiefsten Keller gelandet, "das lässt sich nicht schönreden. Erschreckend". Sie habe zwar das Gefühl, dass die SPD mit dem Thema Grundrente langsam ihr soziales Profil stärke. Aber nach wie vor sei "vielen nicht ganz klar, wo die SPD steht". Hinzu komme, dass die Sozialdemokraten es wohl zu lange versäumt hätten, das Thema Klimaschutz anzugehen. Und dass viele Menschen, ob aus dem schwarzen oder roten Lager, unzufrieden seien mit der Großen Koalition, sei ebenfalls zu beobachten. Es sei deshalb an der Zeit, das "Ruder rumzureißen". In den Kommunalwahlkampf 2020 gehe sie mit einem deutlich besseren Gefühl. Zum einen seien das Personenwahlen, zum anderen bietet die SPD Christiane Kern als Landratskandidatin auf, die schon in ihrem Landtagswahlkampf "die richtigen Themen im richtigen Ton angeschlagen hat".

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Der Landkreis Starnberg bleibt FDP-Hochburg - eine kleine

"Der Landkreis hat wieder geliefert": FDP-Chefin Britta Hundesrügge feierte am Sonntag vor allem den Sieg der Liberalen bei der Bürgermeisterwahl in Krailling, konnte aber auch den 5,8 Prozent ihrer Partei bei den Europawahlen viel abgewinnen. Die FDP habe voraussichtlich im Landkreis ihr bestes Resultat bayernweit erreicht, die Gegend könne also nach wie vor als Hochburg der Liberalen gelten, "auch wenn wir uns mehr gewünscht hätten". Leicht zugelegt haben die Freien Wähler auf 3,9 Prozent. Der Kreisvorsitzende Matthias Vilsmayer verweist darauf, dass seine Partei auch in Gemeinden stark war, in denen es die lokal verwurzelte Gruppierung dem Namen nach gar nicht gibt - in Andechs oder Berg etwa. Das zeige, dass die Partei mittlerweile über Stammwähler verfüge, und sei auch auf die Regierungsbeteiligung im Freistaat zurückzuführen.

Zum Abschluss der "Woche der Demokratie" am Samstag auf dem Kirchplatz hatten die Redner des Netzwerks "Starnberger Dialog" vor 50 Zuschauern gemahnt, demokratische Werte zu verteidigen. Landrat Roth warnte vor Kräften, die einzig die Zerstörung der EU zum Ziel hätten. "Demokratie braucht Demokraten", rief er und forderte zur Teilnahme an der Europawahl auf.

Die genauen Ergebnisse aus allen Gemeinden stehen auf den Seiten des Landratsamts.