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Garching:Durch ein Schwarzes Loch zum Nobelpreis

"Von nichts kommt nichts": Mit Champagner stießen Reinhard Genzel und sein Team auf den Nobelpreis an.

"Von nichts kommt nichts": Mit Champagner stießen Reinhard Genzel und sein Team auf den Nobelpreis an.

(Foto: REUTERS)

Wie die Auszeichnung den Physiker Reinhard Genzel überrascht hat.

Von Sabine Buchwald, Christina Hertel und Sebastian Krass

"This is Stockholm." So meldete sich der Anrufer, der den Physiker Reinhard Genzel an diesem Dienstagvormittag zum Nobelpreisträger machte. "Ich habe wirklich nicht damit gerechnet", sagte Genzel etwas später bei einer Pressekonferenz in Garching. Und: "Ich freue mich wahnsinnig." Der 68-Jährige ist Direktor des Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik (MPE) in Garching bei München. Die Auszeichnung bekam er dafür, dass er mit seinem Team in jahrelanger experimenteller Forschungsarbeit nachgewiesen hat, was zuvor nur eine Vermutung war: dass im Zentrum der Milchstraße ein Schwarzes Loch liegt.

Den Nobelpreis teilt sich Genzel zur Hälfte mit der US-Amerikanerin Andrea Ghez, die parallel am selben Thema arbeitet, die andere Hälfte geht an Roger Penrose, der den theoretischen Beweis für die Existenz Schwarzer Löcher geliefert hatte. Spektakulär ist diese Entdeckung, weil sie damit Albert Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie - und damit Grundsätze der Prinzipien der Schwerkraft - bestätigten.

Überraschend sei der Preis auch deshalb gekommen, erzählte Genzel, weil er 2012 von der Schwedischen Akademie bereits den Crafoord-Preis für Astronomie erhalten hat, eine Art Pendant für Bereiche, die der Nobelpreis nicht abdeckt. "Dann ist man eigentlich raus aus dem Geschäft", sagte Genzel. Er betonte, dass der Nobelpreis ein Erfolg für die gesamte Max-Planck-Gesellschaft sei, die ihn sein Team mit den nötigen Mitteln ausgestattet habe. 30 Jahre lang hätten seine Kollegen und er geschuftet, um immer bessere und genauere Experimente durchführen zu können. "Von nichts kommt nichts", betonte er am Ende der Pressekonferenz und fuhr mit einer Mahnung fort: Der Erfolg dürfe nicht dazu führen, dass man jetzt einschlafe. "Man muss hart arbeiten."

Geboren wurde Genzel 1952 im hessischen Bad Homburg, aufs Gymnasium ging er in Freiburg. Die Neigung zur Physik bekam er vom Vater mit, der Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Festkörperphysik in Stuttgart war. In der Jugend zählte er zu den besten deutschen Nachwuchsathleten im Speerwurf und galt als Kandidat für die Olympischen Spiele 1972 in München. Doch während des Physik-Studiums in Freiburg und Bonn verlegte sich Genzel auf die Wissenschaft.

Dass Genzel einen großen Teil seiner Forscherkarriere am Wissenschaftsstandort München/Garching verbracht hat, ist das Ergebnis einer Entscheidung, die ihm sehr schwer fiel. Es war 1986, als Genzel im Alter von nur 34 Jahren das Angebot bekam, Direktor am MPE zu werden. Sechs Jahre zuvor war er nach seiner Promotion in die USA gezogen, erst nach Harvard, dann nach Berkeley. Dort arbeitete er in der Forschergruppe des Physik-Nobelpreisträgers Charles Townes. Es ging Genzel, seiner Frau Orsolya Genzel-Boroviczeny und den zwei Kindern gut in den USA, "Kalifornien war unser wahres Zuhause geworden", erzählte Genzel 2012 im Gespräch mit der SZ, als die Auszeichnung mit dem Crafoord-Preis bevorstand. "Schon als Student war ich - ganz gegen den Zeitgeist - sehr von den USA begeistert." Mit Deutschland habe ihn als Kind der Nachkriegszeit wenig verbunden.

Dennoch nahm er das Angebot aus Garching an. Es waren letztlich die "paradiesischen Möglichkeiten bei der Max-Planck-Gesellschaft", die ihn lockten, die Freiheit der Forschung und dass man "hier über Zeiträume von 20 Jahren planen kann, das ist unerreicht", erzählte Genzel. Die Verbindung nach Berkeley riss zudem nie ab. Genzel hat bis heute eine Professur an der University of California. Zudem hält er eine Honorarprofessur an der Physik-Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Auch seine Frau machte Karriere als Professorin an der LMU: Die Kinderärztin war bis zu ihrer Pensionierung im vergangenen Jahr Leiterin der Frühgeborenenmedizin an der Uniklinik und Frauenbeauftragte der Medizinischen Fakultät.

In einer Reihe mit den führenden lebenden Astronomen der Welt

Für Reinhard Genzel war schon die Auszeichnung mit dem Crafoord-Preis eine enorme Ehre: "Unglaublich, dass ich in einer Reihe mit den führenden lebenden Astronomen der Welt gesehen werde. Das sind große Geister, dazu hätte ich mich eher weniger gezählt." Nun, mit dem Nobelpreis, steht er noch weiter vorn in der Ehrengalerie der Naturwissenschaften - unter anderem mit dem Münchner Physiker und LMU-Professor Theodor Hänsch, der vor 15 Jahren den Nobelpreis bekam.

Hänsch forscht über Laserspektroskopie - bis heute. In diesem Monat wird er 79 Jahre alt. Während sich die Physikwelt und München mit Reinhard Genzel freuen, hat Hänsch sich am Dienstag in Klausur begeben, um in Ruhe einen Online-Vortrag vorzubereiten. Gabriele Gschwendtner hat die Entwicklung seit 2005 an seiner Seite erlebt, sie ist seit Jahrzehnten Hänschs persönliche Referentin. Der Nobelpreis habe seiner Forschung und Bekanntheit einen enormen Schub gegeben, erzählt sie. In der Zeit danach habe er jährlich mehr als 40 Vorträge im In- und Ausland gehalten. Einiges von dem Preisgeld sei in neue Apparate für sein Labor geflossen.

Hänsch bekam die Ehrung aus Stockholm im Alter von 64 Jahren kurz vor seiner Pensionierung. Um ihn in Deutschland zu halten, wurde 2006 eine Sonderregelung getroffen, die nun auch anderen Wissenschaftlern zu Gute kommt. Mit Mitteln der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung und des Max-Planck-Institutes konnte für Hänsch eine Stiftungsprofessur eingerichtet werden. Dadurch kann er auch weiterhin forschen und experimentieren.

Und auch Reinhard Genzel klingt so, als sei er noch lange nicht am Ende seiner Arbeit.

© SZ vom 07.10.2020/wean

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