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Astronomie:Deutscher bekommt Physik-Nobelpreis

Reinhard Genzel feiert mit seinem Team die Verleihung des Physik-Nobelpreises.

(Foto: Christof Stache/AFP)

Der deutsche Astrophysiker Reinhard Genzel erhält zusammen mit Andrea Ghez und Roger Penrose in diesem Jahr den Physik-Nobelpreis für die Erforschung Schwarzer Löcher.

Von Christina Kunkel und Julian Rodemann

Das gab die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm bekannt. Roger Penrose bewies mathematisch, dass Schwarze Löcher eine Konsequenz aus Albert Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie sind. Reinhard Genzel und Andrea Ghez entdeckten ein unsichtbares und extrem schweres Objekt im Zentrum der Milchstraße, das bisher nur als Schwarzes Loch erklärt werden kann.

Am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching bei München, dessen Direktor Reinhard Genzel seit 1986 ist, löste die Auszeichnung große Freude aus. Die Verleihung sei für das Institut eine große Ehre, sagte seine Sekretärin am Dienstag. Das Telefon stehe seitdem nicht mehr still. Am Nachmittag sei am Institut in Garching eine Pressekonferenz mit Genzel geplant. Dass er dieses Jahr den Nobelpreis bekomme - "das war eine Überraschung", ergänzte eine Sprecherin des Max-Planck-Instituts.

Die Forscher lieferten die "bislang überzeugendsten Hinweise" auf die Existenz eines Schwarzen Loches

Der britische Mathematiker und Physiker Penrose erhält die eine Hälfte des Preises, während sich die Astronomen Andrea Ghez aus den USA und Reinhard Genzel die andere Hälfte teilen. Dotiert ist der Nobelpreis in diesem Jahr mit zehn Millionen schwedischen Kronen (etwa 950 000 Euro), eine Million Kronen mehr als im Vorjahr.

Es gehe beim diesjährigen Physik-Nobelpreis um die "dunkelsten Geheimnisse unserer Galaxie", sagte Göran Hansson von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften bei der Bekanntgabe der diesjährigen Preisträger. Dunkel und kaum zu erkennen ist das Zentrum der Milchstraße tatsächlich. Interstellarer Staub versperrt die Sicht. Genzel und Ghez waren auf die größten Teleskope der Welt angewiesen, um dort irgendetwas zu sehen. Sie entwickelten äußerst komplexe Methoden, um die Umrisse eines Objektes zu erkennen, bei dem es sich höchstwahrscheinlich um ein supermassives Schwarzes Loch im Mittelpunkt der Milchstraße handelt. Physiker sprechen von Sagittarius A*.

Laut der Akademie stellen die Entdeckungen der beiden Forscher die "bislang überzeugendsten Hinweise auf die Existenz" eines Schwarzen Loches dar. Erst im vergangenen Jahr hatte das erste Foto eines Schwarzen Loches weltweit Aufsehen erregt. Es stammt allerdings nicht aus der Milchstraße, sondern aus der Galaxie Messier 87, die mehr als 50 Millionen Lichtjahre entfernt ist.

Andrea Ghez ist erst die vierte Frau, die den Physik-Nobelpreis erhält

Reinhard Genzel wurde 1952 in Bad Homburg geboren, studierte Physik an der Universität Bonn und promovierte 1978 am Max-Planck-Institut für Radioastronomie. Anschließend ging er an das Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics in Cambridge, Massachusetts. Seit 1986 ist Genzel Direktor des Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik in Garching bei München. Von Garching aus lehrt er an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Andrea Mia Ghez ist erst die vierte Frau, die mit dem Physik-Nobelpreis geehrt wird. Sie steht damit in einer Reihe mit Marie Curie, Maria Goeppert-Mayer und Donna Strickland. Wie etliche andere Nobelpreisträger begann die 1965 geborene US-Amerikanerin ihre Karriere am Californian Institute of Technology (Caltech), heute ist sie Professorin an der University of California, Los Angeles. Ihre Entdeckungen machten Ghez und Genzel unabhängig voneinander in den 90er-Jahren.

Roger Penrose, geboren 1931, ist der Öffentlichkeit vor allem durch seine Bücher zu philosophischen Fragen der Mathematik und Physik bekannt. In seiner wissenschaftlichen Arbeit stützte er sich auf Albert Einsteins allgemeine Relativitätstheorie. Mit mathematischen Werkzeugen zeigte er, dass aus Einsteins Theorie direkt folgt, dass im Universum Schwarze Löcher entstehen müssen. Dabei hatte Einstein selbst nicht an die tatsächliche Existenz solcher Löcher geglaubt. Die Vorstellung Schwarzer Löcher klingt tatsächlich erst einmal ein bisschen mystisch: Sie verschlucken alles, was sich ihnen nähert und in ihrem Mittelpunkt versteckt sich eine sogenannte Singularität, wo alle bekannten Naturgesetze ihre Gültigkeit verlieren. Penrose bewies jedoch mit neuen mathematischen Methoden nur zehn Jahre nach Einsteins Tod, dass diese Schwarzen Löcher existieren müssen. Laut Akademie ist sein 1965 veröffentlichter Artikel bis heute der wichtigste Beitrag zur allgemeinen Relativitätstheorie nach Einstein.

Die Verleihung der Nobelpreise fällt in diesem Jahr kleiner aus als sonst

Der erste Physik-Nobelpreis war 1901 dem deutschen Physiker Wilhelm Conrad Röntgen für die Entdeckung der nach ihm benannten Röntgenstrahlen verliehen worden. Seitdem wurden 212 weitere Wissenschaftler in der Kategorie ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr hatte James Peebles (Kanada/USA) für seine grundlegenden Erkenntnisse zur Entwicklung des Universums die eine Hälfte des Physik-Nobelpreises erhalten. Die andere ging an Michel Mayor und Didier Queloz (beide Schweiz), die den ersten Exoplaneten entdeckt hatten, der um einen sonnenähnlichen Stern kreist.

In diesem Jahr hatte die Woche der Nobelpreis-Verkündungen am Montag mit der Bekanntgabe der Preisträger in der Kategorie Medizin begonnen. Den Preis teilen sich diesmal Harvey J. Alter (USA), Michael Houghton (Großbritannien) und Charles M. Rice (USA), die für die Entdeckung des Hepatitis-C-Virus ausgezeichnet werden.

Die Verleihung aller Nobelpreise am 10. Dezember, dem Todestag von Preisstifter und Dynamit-Erfinder Alfred Nobel, fällt coronabedingt diesmal deutlich kleiner aus als sonst. Die Preisträger erhalten ihre Urkunden und Medaillen wahrscheinlich in ihren Heimatländern - in einer schwedischen Botschaft oder an ihrer jeweiligen Universität.

© SZ.de/jrod/cku
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