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Kultur im Corona-Sommer:Neue Bühnen an der frischen Luft

Corona hat viele Kunstschaffende kalt erwischt. Trotzdem gibt es im Sommer zahlreiche Veranstaltungen an teils ganz neuen Spielstätten. Eine Übersicht.

Von SZ-Autoren

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Olympiapark München, Deutschland

Quelle: imago images/Andreas Haas

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Sommer ist ja jedes Jahr, könnte man granteln, aber tatsächlich hat es einen Sommer wie diesen noch nie gegeben. Ein Virus machte das nötig - und möglich: Nach all den musischen Entbehrungen blüht beim "Sommer in der Stadt" an allen Ecken draußen die Kultur wieder auf: Eine Wanderbühne zieht durch die Stadtviertel und macht seit Samstag, 2. August, auf dem Laimer Anger Station. Im Innenhof des Deutschen Museums geht es weiter mit großartiger Kleinkunst, für die nun auch das Deutsche Theater einen Sommer lang seinen Geviert öffnet, während auf der Theresienwiese das etwas andere Format "Kunst im Quadrat" zum Kulturpicknick einlädt.

Auch der Gasteig füllt sich wieder mit Leben, die Theatergemeinde organisiert dort auf dem Celibidache-Forum ein Kultur-Open-Air bei freiem Eintritt bis 12. September. Dort treten auf: der Lieder- und Spaßmacher Michi Dietmayr (6.8.), Kabarett mit den Wellküren (7.8.), Maxi Pongratz vom Kofelgschroa (8.8.) und viele weitere - auch das Haus-Orchester des Gasteig, die Münchner Philharmoniker freuen sich auf zwei Auftritte unter freiem Himmel (29.8. und 5.9.).

Den Weltrekord als längstes Open-Air hielt eine Weile der "Musiksommer" im Theatron des Olympiaparks. Der musste schon zu Anfang der Corona-Krise abgesagt werden. Dafür steigt nun gleich ums Eck auf der Liegewiese des Olympiaschwimmbads das zweiwöchige Pop- und Comedy-Festival "Frischluft im Park". Und nebenan im Stadion wurde die "Sommerbühne" der Stadt für das längste Festival hergerichtet, das es in München bis dato gegeben hat. Quer durch alle Pop-Genres folgen seither auf dem Platz neben der Nordtribüne Abend für Abend lokale, regionale und nationale Größen. Noch treten auf: die Mundart-Boyband Pam Pam Ida (6.8.), Bernadette La Hengst und Die Realität (7.8.), Salewski und Tom Wu (9.8.) und viele mehr bis zum vorläufigen Abschluss mit der Schlachthofbronx & Freunden am 12. September. Alles bei freiem Eintritt.

Sommerbühne im Olympiastadion, noch bis Samstag, 12. September, Eintritt frei, Platzkarten nur über www.muenchenticket.de

Foto Frischluft im Park, Kino am Olympiasee, München

Quelle: Kino am Olympiasee

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Eines der größten Rätsel der ersten Corona-Saison betrifft die Olympia-Schwimmbad-Liegewiese: Wie bloß hat es das Team des dortigen Freiluftkinos geschafft, schon Veranstaltungen für gut 500 Personen genehmigt zu bekommen, als sonst erst nur 200 erlaubt waren? Ob es nun am vorbildlichen, auch in anderen bayerischen Orten kopierten Hygienekonzept mit getrennten Laufwegen liegt oder daran, dass man sich auf städtischem, also irgendwie hoheitlichem Grund befindet, egal. Auch jetzt, da draußen schon 400 Sitze bei Kulturveranstaltungen besetzt werden dürfen, ist das lauschige "Kino am Olympiasee" noch immer die größte Spielstätte der Stadt. Das gilt auch, wenn jetzt die Leinwand eingepackt wird und zwei Wochen lang Bands und Comedians das Podium bespielen. Das Festival "Frischluft im Park" stand übrigens bereits, als die "Sommerbühne" der Stadt nebenan im Olympiastadion noch nicht mal angedacht war.

"Kapelle So & So" beim Brass Wiesn Festival in Eching, 2018

Quelle: Marco Einfeldt

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Für das Programm von "Frischluft im Park" ist die Münchner Agentur Alpinconcerts verantwortlich, die viel mit regionalen Stars zusammenarbeitet. Viele - seit Monaten ohne Engagement - waren nur allzu gerne bereit, hier aufzutreten. Aus den nur paarweise vergebenen Liegesitzen wird es die Gäste wohl bei der Techno-affinen Jazzrausch Bigband heben, während die Tausendsassas der Kapelle so&so zur Ruhe gemahnen - zumindest mit ihrem Show-Titel "Nua ned hudln".

Kapelle so&so, Freitag, 14. August; Jazzrausch Bigband, Samstag, 15. August; jeweils 19.30 Uhr, Schwimmbad am Olympiasee, Telefon 089/21837300

Harry G

Quelle: Christian Brecheis, oh

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Den Auftakt und das Finale bei "Frischluft im Park" macht Ko Bylanzky mit seinen Poetry-Slam-Kollegen - diese Szene dürstet auch bereits seit vier Monaten nach neuem Reimstoff. Überhaupt liegt ein Schwerpunkt von Frischluft im Wortwitz: etwa bei der musikalischen Lesung des Wieners Stefan Leonhardsberger und des Bayern Stephan Zinner, die über ihre Nationalgetränke philosophieren: "Kaffee & Bier". Während Harry G mit seinen Youtube-Granteleien schon länger auch live Erfolge feiert und es derzeit auch als seriöser Serien-Schauspieler versucht (Der Beischläfer), treten hier auch zwei Aufsteiger frisch aus dem Internet hervor: Der "Addnfahrer", dessen bei seinen philosophierenden Traktorausflügen 600 000 Fans im Schlepptau hat; und Heinlein & Weigert, mit deren Lieblingen aus dem Podcast "Sagt ja zum Leben" wie Bumsi & Eve, Hefe-Leo und Gorilla-Manfred man nun auch live lachen darf. Die unfromme Liedermacherin Martina Schwarzmann darf gar fünf Abende ran - sonst füllt sie eben große Hallen, für sie sind selbst 500 Gäste ein intimer Kreis.

Frischluft im Park: Münchner Slam-Sommernächte, bis Montag, 17. August; Martina Schwarzmann, Donnerstag, 6. August; Harry G, Freitag, 7. August, bis Sonntag, 9. August; Heinlein & Weigert, Donnerstag, 13. August; Addnfahrer, Samstag, 15. August; Stefan Leonhardsberger & Stephan Zinner, Sonntag, 16. August; jeweils 19.30 Uhr, Schwimmbad am Olympiasee, Telefon 089/21837300, Infos unter www.kinoamolympiasee.de

Michael Zirnstein

Kunst im Quadrat

Quelle: Andreas Schlumprecht

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Ob eine "Nacht der Sterne" oder ein Katapult-Fest: An Ideen für die wegen des Oktoberfest-Ausfalls leer stehende Theresienwiese hat es nicht gemangelt. Was es dort nun jedenfalls bis 16. August geben wird, das ist "Kunst im Quadrat": Ein Festival mit Musik, Performances, Tanz, Filmen, Diskussionen, Workshops und Theater, das sich auf einer dafür ausgewiesenen Fläche von 50 mal 50 Meter abspielt. Als Gemeinschaftsprojekt der Glockenbachwerkstatt, des Köşk, des Bellevue di Monaco und des neuen Kulturzentrums Luise war "Kunst im Quadrat" schon länger im Gespräch.

Am 7. August feiert der Film #Tempest seine Premiere. Es gibt einen Poetry- und Hip-Hop-Slam, eine Lesung zum Thema Asyl und Workshops für Kinder und Jugendliche. Was es für die Besucher sonst zu wissen gilt: Der Eintritt ist frei, es gibt für 200 Zuschauer Platz, aber man kann, heißt es, auch von draußen sehr gut reinschauen. Es gibt Essen vom Café Bellevue di Monaco, Getränke und einen "Spendentopf" für die Künstler. Denn die sollen auch was davon haben.

Kunst im Quadrat, bis Sonntag, 16. August, Theresienwiese

Jürgen Moises

Luise Kinseher 2020

Quelle: Martina Bogdahn

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Die großen Musical-Produktionen liegen auf Eis. Da entdeckt das Deutsche Theater seinen Innenhof und den Reiz der kleinen Events mit Kabarett und Musik. Dass auch das fulminant und ein Welttheater im Kleinen sein kann, davon kann man sich bei Django Asül (14.8.) ebenso überzeugen wie bei Michael Altinger (16.8.). Zwischendurch gibt es viel Musik, mit dem Straubinger Ambros-Nachfolger Matthias Kellner (7.8.), einer "Orchesterprobe" nach Art von Karl Valentin und Liesl Karlstadt (9.8.), den Gitarristen Jan Pascal und Alexander Kilian alias Café del Mundo mit ihrem aus Klassik, Pop und Jazz angereicherten Hybrid-Flamenco (8.8.), den bayerischen Folk-Chansonniers BlankWeinek (15.8.) und den britischen Rockabilly-Kings Chris Aron & The Croakers (21.8.). Im großen Finale zelebriert Christian Springer im brandneuen Ensemble mit Simon Pearce und den NouWell Cousins "das lustigste Ende der Welt" (22.8.).

Sommer in der Stadt, bis Samstag, 22. August, jeweils 20 Uhr, Deutsches Theater, Schwanthalerstraße 13, Telefon 089/21837300

Oliver Hochkeppel

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Quelle: Alexander Dacos

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Wenn die anderen Theater für die großen Ferien zumachen, macht das GOP wieder auf: Nach monatelanger Schließung startet das Varieté nun wieder mit der Show "Bang Bang", der Name ist eine Anspielung auf den gleichnamigen Song von Nancy Sinatra.

Im Mittelpunkt der Show steht die Luft- und Cyr-Artistin Anna Ward, die auch die Bühne mit entworfen hat. Sie kommt aus Kanada, dem Land, das eine Vielzahl an Artistengruppen und Nouveau Cirques hervorgebracht hat. Für die Show im GOP hat sie mehrere Künstlerkollegen um sich versammelt: die beiden Clowns Philippe Thibaudeau und Becky Priebe zum Beispiel, den Jongleur Stefan Bauer, einen Pole-Tänzer, Akrobatinnen und Akrobaten am Boden und in der Luft. Mehr als 90 Minuten darf die Show, zu der man Menü bestellen kann, coronabedingt nicht dauern, aber "Bang Bang", verspricht das Theater, soll glitzern und Glamour verbreiten. Und davon hatten ja alle zu wenig in den vergangenen Monaten.

Bang Bang, bis Sonntag, 23. August, jeweils 20 Uhr, GOP Varieté, Maximilianstraße 47, Telefon 089/210288444

Christiane Lutz

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Quelle: Steffen Horak/PR

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"Soll i aus meim Hause raus? Soll i aus meim Hause nit raus?" So heißt es in Christian Morgensterns "Gespräch einer Hausschnecke mit sich selbst". Und weil das zur Corona-Gemütslage gut passt, hat sich der "Kultur-Raum München" davon inspirieren lassen und seine Ausstellung mit "Tagebucheinträgen & Zwischenergebnissen aus der Quarantänezeit" mit "Hause Raus 2020" betitelt. Zu sehen ist sie im und vor dem weitläufigen Treppenhaus der Zenettistraße 2 (Ecke Thalkirchner Straße), wo seit 2016 unter dem Titel "Literatur im Stianghaus" regelmäßig Lesungen und andere Events stattfinden. Zur Finissage am 7. September findet dann das "große Lesefest" statt, verbunden mit einem kulturellen Spaziergang durch das Schlachthofviertel und verschiedenen Programmpunkten im Wirtshaus zum Schlachthof, der Luise und dem Bahnwärter Thiel. So ist etwa im Biergarten des Schlachthofs ein Auftritt des Kabarettisten Ecco Meineke geplant. Und als Hauptprogramm gibt es auf dem Vorplatz der Zenettistraße ausgewählte Texte aus der Ausstellung zu hören. Auch in den Augustwochen ist ein "buntes Rahmenprogramm" geplant, wodurch sich die Ausstellung "Hause Raus 2020" zu einem richtigen Festival ausweitet.

Hause Raus 2020 Festival, bis Montag, 7. September, Kultur-Raum München, Zenettistraße 2

Jürgen Moises

Ausstellung: Vernetzt. Verstrickt. Verwoben.
Anziehendes aus dem südlichen Abya Yala, Museum fünf Kontinente

Quelle: MFK, Marietta Weidner

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Kleider machen bekanntlich Leute. Sie verhüllen und schützen unseren Körper, können aber genauso auch der Ausdruck persönlicher oder kultureller Identität sein. Welche Bedeutung die Bekleidung für verschiedene indigene Gruppen in Lateinamerika hat, dem spürt die neue Ausstellung "Vernetzt. Verstrickt. Verwoben. Anziehendes aus dem südlichen Abya Yala" im Museum Fünf Kontinente nach, die dort seit 31. Juli die ständige Lateinamerika-Ausstellung erweitert. Wie zuvor auch schon die Fotoausstellung "Fragende Blicke" im Jahr 2018 wurde die Präsentation von Studierenden der Ethnologie gastkuratiert.

Abya Yala, in der Sprache der Guna im heutigen Panama, heißt das "Land in voller Blüte". Und gemeint ist damit nichts anderes als der große Doppel-Kontinent, den wir seit den Entdeckungsfahrten von Christoph Kolumbus als "Amerika" kennen. Ein Begriff, den indigene Denker und Aktivisten zunehmend als eurozentristisch ablehnen. Womit sich in der alternativen Bezeichnung "südliches Abya Yala" für Lateinamerika auch das Ringen um Selbstbestimmung und Menschenrechte der indigenen Gemeinschaften vor Ort ausdrückt.

Geprägt vom Spannungsfeld zwischen Invasion und Tradition ist auch die im Museum Fünf Kontinente ausgestellte Kleidung, die unter anderem von den Kayapó aus Brasilien, den Shipibo aus Peru oder den in Chile und Argentinien ansässigen Mapuche stammt. Dazu gehören Maskengewänder, farbenprächtiger Körperschmuck oder präkolumbische Webarbeiten, die in die Zeit vor der europäischen Invasion zurückweisen. Wie die Verbindung einheimischer und kolonial-europäischer Moden zu neunen Kreationen geführt hat, zeigen Beispiele aus den Anden Boliviens und Perus. In den Formen und Motiven von Textilien der Shipibo aus Peru spiegeln sich deren religiöse Vorstellungswelten wider. Der Schmuck und die Kleidung der Mapuche dokumentieren die lange Geschichte ihres kulturellen Widerstands, von der inkaischen Expansion über die Kolonialzeit bis heute. Somit erzählen die Exponate vom heutigen oder einstigen Stolz ihrer Träger, aber auch von den großen Herausforderungen, vor denen diese heute stehen.

Vernetzt. Verstrickt. Verwoben. Anziehendes aus dem südlichen Abya Yala, seit 31. Juli jeweils Dienstag bis Sonntag, 9.30 - 17.30 Uhr, Museum Fünf Kontinente, Maximilianstraße 42, Telefon 089/210136247

Jürgen Moises

© SZ vom 29.07.2020/weij/vewo/imei

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