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SZ-Serie: Streifzüge durch die Stadt:Rohe Eier und böse Zungen

Kleinkunstbühnen in München

Das Heppel & Ettlich, das 2009 in die Feilitzschstraße zog.

(Foto: Sebastian Gabriel)

In den Siebzigerjahren gab es in München ein Kraftzentrum der Kleinkunstbühnen, auf denen auch große Namen ihre ersten Auftritte hatten - doch viele Orte sind verschwunden

Von Karl Forster

Dass ein Mann mit drei Eiern einen Saal zum Toben bringt, ist auch für Münchner Verhältnisse ungewöhnlich. Edi Eisheuer schaffte das immer wieder. Er jonglierte mit diesen drei Eiern, rohen Eiern selbstverständlich, auf der Bühne im hinteren Saal des Hackerhauses und erzählte währenddessen einen unglaublichen höheren Blödsinn. Es war diese Kombination aus Quatsch und Geschicklichkeit, aus Nonsens und der Gefahr des Scheiterns beim Eier durch die Luft werfen, die ein fröhliches Publikum noch fröhlicher machte, weil man es liebte, auf so einfache, unschuldige Weise unterhalten zu werden. Hier im Musikalischen Unterholz Sendlinger Straße 75, kurz MUH, genannt.

Zu Edi Eisheuers Eierjonglagezeiten lebte sie noch, Münchens Kleinkunstszene, in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts und ein bisschen darüber hinaus. Eine Szene voll schräger, skurriler, manchmal aber durchaus genialer Bühnenvirtuosen, denen das Präfix "Klein" vor ihrer "Kunst" zur Ehre gereichte. Mit Art und Zahl an Bühnenorten, die München bundesweit zum Olymp dieser fast vergessenen Kunst machten. Ein kleiner Spaziergang durch die (unvollständige) Vergangenheit mit Abzweigungen in die Gegenwart.

Sucht man nach der Wiege dieser kleinen Kunst der späten Wirtschaftswunderzeit, landet man einerseits natürlich in Schwabing, in der Ursulastraße 9, wo seit 1956 die Lach- und Schießgesellschaft zu Hause war und immer noch ist und wo, wie damals, wortmächtiges Kabarett im kleinsten Raum geboten wird. Mehr aber noch zuständig für den Gründermythos der Kleinkunst ist die Maximilanstraße 31, wohin das Theater "Die Kleine Freiheit" 1951 von der Elisabethstraße umgezogen war und für das unter anderem Erich Kästner gepflegte freche Texte schrieb. Dass dieser Theaterraum heute einem Gucci-Laden als Lagerstätte dient, ist eine sehr münchnerische Wendung.

Doch die Art der Kleinkunst, wie man sie von den Siebzigern an (und mit Maßen bis heute) versteht, erwuchs einem magischen Dreieck zwischen der Hacken-, der Einstein- und der Dreimühlenstraße, wo - in dieser Reihenfolge - das MUH, das Song Parnass und die Liederbühne Robinson zu Hause waren. Hier galt das Prinzip des programmatischen Chaos, denn das Publikum genoss, für ein paar wenige Mark Eintritt, die Vielfalt eines halbstündig wechselnden Programms, welches sich seinerseits durch mehr oder weniger zufällig anwesende Kleinkünstler ergab.

So einem Zufall ist es zu verdanken, dass der heute längst zur Legende gewachsene Fredl Fesl im Song Parnass seine Bühnenpremiere feiern konnte. Er hatte Gefallen als Gast gefunden an dem Laden und festgestellt, dass Menschen, die ein Instrument mitbrachten, keinen Eintritt bezahlen mussten. Also nahm er seine Gitarre mit, worauf man ihn in ein Hinterzimmer des (immer noch an der Einsteinstraße beheimateten) Unionsbräu lotste, den Backstagebereich für Künstler, und ihn kurz später zu seiner Überraschung auf die Bühne bat. Den Mangel an einem halbstündigen Liedrepertoire behob Fredl Fesl mit ausführlichen Erklärungen seines Programms, die so wahnwitzig waren, dass sie später zum festen Teil seines Programms wurden. Dort lernte Fredl Fesl auch seinen späteren Mentor Arthur Loibl kennen, den Doyen der Münchner Kleinkunst und Interpreten des schwedischen Hedonistenlyrikers Carl Michael Bellmann. Wenn Arthur Loibl, Betreiber eines Gemüsestandes am Viktualienmarkt, auf den Bühnen von Song Parnass, MUH und Robinson mit großem Ernst Bellmanns Lied von des Nymphchens hüpfendem Brüstchen und dem beim Gang sich lüpfenden Röckchen sang, herrschte fast so etwas wie Ehrfurcht im Parkett. Arthur Loibl starb am 11. Oktober 2011 unweit des einstigen Song Parnass auf dem Weg zu einem Musikantentreffen.

Es entwickelte sich eine Art Rundlauf der Kleinkünstler von Bühne zu Bühne. Da war zum Beispiel Udo Lenze, der das allseits bekannte Lied "Der Jäger aus Kurpfalz" durch den stilistischen Fleischwolf drehte - von spanischem Flamenco über den Gebetsgesang des Muezzin bis zum groovenden Südstaatenblues; da war der promovierte Mathematiker Dietrich Paul, der, weil auch ein gewiefter Pianist, als "Piano Paul" wort- und spielgewaltig das "Happy Birthday" von der Barockfuge bis zu Liszts ungarischen Rhapsodien durch die Musikgeschichte trieb; da war der universitätsbeamtete Poet Helmut Eckl, der (bis heute!) seine wunderbaren bairischen Verse und Geschichten zum Besten gab; und da waren drei junge Musikanten, die auf zig Instrumenten ihre sehr frechen und sehr bairischen Lieder begleiteten und sich als "Biermösl Blosn" vorstellten.

Weilte man als Gast am Tresen der Liederbühne Robinson in der Dreimühlenstraße, sah man vom Treiben solcher Künstler vielleicht gar nichts, weil die mächtige Säule inmitten des Raumes die Sichtachse zur Bühne versperrte. Was aber den Spaß nicht stören konnte, wenn etwa die "Guglhupfa" um den späteren Multikünstler Andreas "Andi" Lechner und den Hackbrettvirtuosen Rudi Zapf aufspielten. Hier konnte es passieren, dass die Wirtin zur Sperrstunde die Vorhänge zuzog, die Tür versperrte und musikalisch bewanderte Gäste mit den Künstlern bis in die Morgenstunden tranken und jammten. Das Robinson gibt es immer noch, in Vierau, Gemeinde Runding in der Oberpfalz. Man zog, der Not gehorchend, Mitte der Achtzigerjahre aus. Welcher Not? Weil beispielsweise unlängst eine Dreizimmerwohnung in diesem Haus nahe der Eisenbahnbrücke für 2400 Euro Kaltmiete vermietet wurde. Das wären damals fast 5000 Mark für 100 Quadratmeter gewesen. Auch das Song Parnass hat seine kulturellen Duftnoten gesetzt: Im Unionsbräu-Komplex ist, unter anderem, Münchens exquisiteste Jazzbühne, die Unterfahrt, zu Hause. Und im einstigen MUH herrscht kulinarische Kultur im vegetarischen Restaurant Prinz Myshkin.

Das kleinkünstlerische Kraftzentrum dieses Dreiecks hatte eine Art Leitzentrale: das Fraunhofer, ein Wirtshaus mit Theaterraum in der Fraunhoferstraße 9. Zu Anfang der Siebzigerjahre, als so vieles begann, wollte die Brauerei aus dem recht heruntergekommenen Laden eigentlich einen Schnellimbiss machen, wie sie damals überall auftauchten. Doch da war Beppi Bachmair, ein junger gelernter Metzger aus dem Viertel, dagegen und bat um ein Probejahr, das Fraunhofer samt seinem Theater aufpeppen zu dürfen. Der Rest darf als bekannt vorausgesetzt werden.

Mit zu Bachmairs Clique gehörte der Maschinenbauer Werner Winkler. Zusammen mit Beppi Bachmair und dem MUH-Impressario Uwe Kleinschmidt gründete er 1976 das Theater Drehleier in einem Eckhaus an der Balan- und Pariser Straße. Hier konnten die Helden der Kleinkunst aus der ganzen Republik und darüber hinaus ihr abendfüllendes Programm präsentieren. Die Drehleier wurde zur Premierenheimat für Sigi Zimmerschied, den bösesten aller bösen und wortgewaltigsten aller wortgewaltigen Passauer. Hier gastierte immer wieder der holländische Musikkünstler Robert Kreis. Und hier entstand das einzigartig wundersame "Varieté Spectaculum" mit dem herrlich verrückten Quasimodo, gegeben von dem Holzschnitzkünstler Rainer Strixner. 1997 musste die Drehleier in die Rosenheimer Straße umziehen. Heute residiert im einstigen Theaterraum eine Tapas Bar. Immerhin: Sie heißt Theatro.

In einem ganz anderen Viertel der Stadt feierte ein Freund und Heimatverbundener von Sigi Zimmerschied seine erste Premiere als Kabarettist. Bruno Jonas stand 1979 auf der Bühne des Hinterhoftheaters an der Gabelsberger Straße 50 mit seinem Programm "Zur Klage der Nation". Das Haus, in dem heute das indische Spezialitätenrestaurant "Masala" residiert, bot auf einer kleinen Bühne im Rückraum einem weiteren späteren Star erste kabarettistische Wirkmöglichkeiten: Ottfried Fischer gründete hier die "Machtschattengewächse". Der Beginn einer wahrhaft imposanten Karriere.

Und dann wäre da noch ein etwas zurückgesetztes Haus an der Kaiserstraße, es trägt die Nummer 67 und war nicht nur Hort des KEKK, was Kabarett & Engagierte Kleinkunst bedeutet, sondern Zufluchtsort all jener meist männlichen Vertreter der 68er-Generation, die partout nicht einsehen wollen, dass auch sie älter werden: das Heppel &Ettlich. Die beiden Namen stehen für die zwei Berliner Typen, die um 1976 herum den einstigen "Fäustle-Garten" übernahmen und mit dem hinten gelegenen Theaterraum zu einer Schwabinger Kulturinstitution machten. 2009 war dann leider Schluss, Wolfgang "Wolle" Ettlich wagte noch den Umzug in den ersten Stock des ebenfalls legendären Drugstores am Wedekindplatz und machte dort feine Kleinkunst in bestem Münchner Sinn. Doch auch er zieht sich nun zurück ins Private. Die Jungen, die Nachfolger vom Eier jonglierenden Edi Eisheuer, vom famosen Fredl Fesl und dem ewigen Geburtstagsmusikanten Piano Paul, toben sich heute auf der Bühne des Vereinsheims aus, nahe dem Wedekindplatz und doch weit entfernt von der einstigen Unterhaltungskunst.

So bleibt der Münchner Kleinkunst heute nur das Ungefähre, so wie es Frank Wedekind bedichtet hat und wie es auf seinem Brunnen hier in Stein gemeißelt steht: "Seltsam sind des Glückes Launen / Wie kein Hirn sie noch ersann / Dass ich meist vor lauten Staunen / Lachen nicht noch Weinen kann."

© SZ vom 12.01.2021/van
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