bedeckt München 20°

München:Der Hauptbahnhof kommt weg - und entsteht neu

Der Hauptbahnhof in München vor dem Abriss. Er wird bis zum Jahr 2028 neu gebaut.

Das Relief und die Uhr an der Fassade des Hauptbahnhofs sind bereits seit November abmontiert. Nun wird das 1953 eröffnete Empfangsgebäude abgerissen.

(Foto: Robert Haas)

Seit Anfang Mai ist die Schalterhalle des Münchner Bahnhofs gesperrt. Sie wird abgerissen. Warum macht die Bahn das und was baut sie dort? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Zum Abschluss spielte eine Volksmusik-Gruppe ein Städchen. Und vor dem Selfie-Automaten, den die Bahn aufgestellt hatte, bildete sich eine Schlange - viele wollten noch ein letztes Bild von sich in der alten Halle. So hat sich am 6. Mai München vom Empfangsgebäude des Hauptbahnhofs verabschiedet. Seitdem ist der 1953 eröffnete und 1960 endgültig fertiggestellte Bau gesperrt, in der sich einst nicht nur Reisende um Fahrkarten bemühten, sondern (bis in die 1990er-Jahre hinein) auch Liebhaber schlüpfriger Filme um Anonymität. Er wird abgerissen.

Der Burger-King im ersten Stock, das Segafredo-Café am Durchgang zu den Schließfächern, das Klavier im Wartebereich, auf dem jedermann spielen durfte - das werden viele in Erinnerung behalten. Ansonsten hielt sich die Aufenthaltsqualität in der Schalterhalle in Grenzen. Für die meisten hieß es nur: Schnell durch! Auch das ist nun vorbei: Die Halle weicht einer riesigen Baustelle, die einige Einschränkungen mit sich bringen wird. Ein Überblick darüber, wie es nun weitergeht.

Warum will die Bahn das Bahnhofsgebäude abreißen?

Dort, wo die Schalterhalle steht, soll unterirdisch das Zugangsgebäude für die neue, zweite S-Bahn-Stammstrecke gebaut werden. Oberirdisch soll ein moderner Bahnhof nach dem Entwurf des Architektenbüros Auer Weber entstehen, der der künftigen Verkehrsentwicklung gerecht werden soll. Schon heute zählt die Bahn täglich etwa 450 000 Menschen am Hauptbahnhof. Mit der zweiten Stammstrecke und der von der Stadt München geplanten neuen U-Bahnline U 9 werden es voraussichtlich noch deutlich mehr werden. Das in die Jahre gekommene Empfangsgebäude ist nach Ansicht der Bahn für die steigenden Passagierzahlen nicht mehr geeignet. Die Gleishalle hingegen bleibt bestehen.

Stadtgeschichte

Die vielen Gesichter des Hauptbahnhofs

Welche Einschränkungen gibt es am Hauptbahnhof?

Für viele verlängern sich die Fußwege. Wer von der U-Bahn U 1 und U 2 zu den Zügen will, kann nun nicht mehr durch die Schalterhalle abkürzen. Der Aufgang, wo früher ein FC-Bayern-Fanshop und ein Drogeriemarkt waren, fällt weg. Es bleibt nur der Weg durch das Sperrengeschoss. Am Übergang von der Schalter- zur Gleishalle wird der Bereich beim Zugang zu den Schließfächern abgeriegelt; durch ein Sichtfenster können Interessierte die weiteren Bauarbeiten beobachten. Um die Fahrgastströme besser zu lenken, hat die Bahn in der Gleishalle neue Wegweiser anbringen lassen.

Draußen am Bahnhofplatz fällt der Taxistand weg, ebenso die Bushaltestelle. Die Fahrspur für Autos bleibt aber. Oberirdisch ist die Gleishalle noch über die beiden Haupteingänge an der Arnulf- und an der Bayerstraße zugänglich sowie über den Holzkirchner Flügelbahnhof und den Starnberger Flügelbahnhof. Auch für Radfahrer bedeuten die Bauarbeiten nichts Gutes: Von derzeit etwa 1000 festen Stellplätzen am Münchner Hauptbahnhof bleiben während der Bauzeit nur noch 122 übrig. Es wird vielen Radlern nichts anderes bleiben, als wild zu parken. Das wiederum dürfte zu Konflikten mit Fußgängern führen.

Zu wenig Fahrradabstellplätze: Dieses Dauerproblem am Hauptbahnhof wird sich während der Bauarbeiten noch deutlich verschärfen.

(Foto: Catherina Hess)

Wann wird am Hauptbahnhof was gebaut?

Im Juni entsteht am Bahnhofplatz ein vier Meter hoher Schallschutzzaun. Das Baufeld reicht an dieser Stelle bis zur Straße. Im Juli sollen dann die Abrissarbeiten beginnen, die voraussichtlich im Oktober abgeschlossen sein werden. Mit dem Empfangsgebäude weichen auch das geschwungene Vordach, das sogenannte Schwammerl, sowie das Parkhaus an der Bayerstraße. Ende 2019 sollen dann die Tiefbauarbeiten starten. Zunächst wird es laut: Die Bauarbeiter erstellen sogenannte Schlitzwände, auf die später ein Betondeckel gesetzt wird. Diese Deckelbauweise soll die Belastung durch Lärm und Schmutz mindern. Denn unter diesem Deckel graben die Arbeiter weiter - etwa 40 Meter in die Tiefe. Im Jahr 2026 sollen die zweite Münchner S-Bahn-Stammstrecke und das Zugangsgebäude am Hauptbahnhof, der sogenannte Nukleus, fertig sein.

Wann kommt der neue Hauptbahnhof?

Die Bauarbeiten für das neue Empfangsgebäude sollen nach aktuellem Planungsstand zwei Jahre länger dauern, also bis 2028. Die neue Halle wird 35 Meter und sieben Stockwerke hoch sein und ein Service-Zentrum, Gastronomie und Büros beinhalten. Mit den Mieteinnahmen will sich die Bahn einen Teil der Baukosten wieder hereinholen. An ihrem Zeitplan hält die Bahn derzeit noch fest. Es könnte allerdings sein, dass die Pläne für eine neue U 9, die auch am Hauptbahnhof halten soll, die Arbeiten verlängern. Ob das so ist, lässt die Bahn derzeit prüfen. Wenn eine Station für die U 9 gebaut werden müsste, dann müsste auch die Baugrube am Hauptbahnhof vergrößert werden - sie würde dann bis in die Gleishalle hinein reichen.

So soll der neue Hauptbahnhof einmal aussehen - nach den Plänen des Architektenbüros Auer Weber.

(Foto: Simulation: Auer Weber)

Was bleibt vom alten Bahnhofsgebäude erhalten?

Nicht viel: Das unter Denkmalschutz stehende, als "Alpenmosaik" bekannte Plattenrelief des Künstlers Rupprecht Geiger, das die 1960 errichtete Außenfassade am Bahnhofplatz zierte, wurde bereits im November 2018 demontiert. Es soll aber erhalten bleiben und mitsamt der Uhr im künftigen Neubau einen neuen Platz finden.

Wo wird noch gebaut?

Voraussichtlich von 2023 an soll auch der Starnberger Flügelbahnhof neu gebaut werden. Die Bahn plant, das heutige Gebäude an der Arnulfstraße abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen, dessen markanter Büroturm umstritten ist. Seit das Architekturbüro Auer Weber einen neuen Entwurf vorgelegt hat, wonach der Turm nur noch 69 Meter hoch werden soll statt ursprünglich mehr als 80 Meter, zeigen sich auch die Münchner Stadtgestaltungskommission und der Denkmalschutz zufrieden. In diesem Neubau würde dann der Eingang am Starnberger Flügelbahnhof etwa 20 Meter nach Westen verlegt, sodass die Passagiere von der Arnulfstraße direkt auf den Querbahnsteig gelangen. Für den Starnberger Flügelbahnhof gibt die Bahn noch keine Zeitprognosen ab, solange keine Abriss- und Baugenehmigung vorliegen.

Der Hauptbahnhof München wird neugestaltet, der Büroturm an der Nordseite ist der erste Schritt.

Der von Auer Weber geplante Büroturm anstelle des Starnberger Flügelbahnhofs war umstritten - bis die Architekten ihn kleiner machten.

(Foto: Simulation: Auer Weber)

Bahnhofs-Chefin Mareike Schoppe hat allerdings wiederholt betont, dass vom Jahr 2030 an der Hauptbahnhof München frei von größeren Baustellen sein soll. Denn auch die unter Denkmalschutz stehende Gleishalle wird in den kommenden Jahren nicht von Bauarbeiten verschont, die Sanierung des Daches steht an. Auch hier ist der Zeitplan noch offen. Ob übrigens der Bahnhofplatz, wie von Auer Weber gewünscht, autofrei wird, der Hauptbahnhof also ein Eingangstor zur Innenstadt, ist noch offen. Diese Entscheidung obliegt dem Stadtrat.

Was sagen die Kritiker zum Abriss?

Kritische Stimmen gibt es viele: Den Entwurf der Architekten halten viele für monströs; zudem stößt einigen auf, dass der Bahnhof so viele Büro- und Geschäftsflächen bekommen soll. Mehrere Kritiker, darunter die "Initiative Münchner Architektur und Kultur" fordern deshalb eine behutsame Sanierung des Bahnhofes unter Erhalt historischer Bausubstanz. Teile des Hauptbahnhofes, etwa der Starnberger Flügelbahnhof, stehen bereits unter Denkmalschutz. Doch nicht nur diese sollen nach Ansicht der Abrissgegner erhalten bleiben. Auch die alte Schalterhalle sei Teil eines schützenswerten Ensembles, sagen sie unter Berufung auf eine Studie des Denkmalschutzrechtlers Dieter Martin. Den Gegnern geht es aber nicht allein um den Hauptbahnhof: Noch immer wollen viele - unter anderem Bund Naturschutz, die Linke oder das Münchner Forum - die zweite Stammstrecke in letzter Minute stoppen, deren Bau bereits begonnen hat.

Verkehr in München Die Geschichte der zweiten Stammstrecke für München

Das Tunnel-Tagebuch

Die Geschichte der zweiten Stammstrecke für München

Drei Jahrzehnte debattieren, zwei Jahrzehnte planen, jetzt wird für drei bis vier Milliarden Euro gegraben: Wie es zum Bau der neuen S-Bahn-Röhre kam.   Von Andreas Schubert und Kassian Stroh