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Vor der Wahl:Kulinarische Europa-Reise durch München

Europa ist nicht nur nüchterne Politik, sondern auch kulinarischer Genuss: Vor der Europawahl stellt die SZ die gastronomischen Vertreter der EU in München vor. Ein Überblick.

ITALIEN

Die Schrannenhalle ist ein einziges Genusskaufhaus der Italianità.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wenn die europäische Integration in München irgendwo gelungen ist, dann ganz sicher bei der italienischen Küche. Geht man durch die Stadt, dann möchte man kaum glauben, dass Insalata caprese und Pizza Quattro Stagioni nicht von jeher zu den urwüchsigen bayerischen Schmankerln wie Leberkas und Schweinsbraten zählen.

München ist zweifellos die italienischste Stadt nördlich der Alpen. An die 500 Ristoranti, Osterie, Pizzerie und andere Unterarten italienischer Lokale gibt es hier, das macht ein gutes Zehntel aller Bewirtungsbetriebe überhaupt aus.

SCHWEDEN

Im Café Stockholm nahe dem Hauptbahnhof bietet der Wirt mittags "schwedisch-venezolanische Küche" an.

(Foto: Stephan Rumpf)

Anders als Italien haben es nord- und osteuropäische Länder offenbar eher schwer, hier Liebhaber für ihre Spezialitäten zu finden. Ein dänisches Restaurant etwa findet man nirgends in der Stadt, obwohl die Dänen doch als Erfinder der nordischen Küche gelten und weltweit nach wie vor zur Kochavantgarde zählen.

Immerhin kann man in dieser kulinarischen Serie zur Europawahl auf Schweden verweisen. Das deutsche Wissen über die schwedische Küche ist karg; man kennt Knäckebrot, via Astrid Lindgrens "Die Kinder von Bullerbü" auch das traditionelle Krebsessen, dann den vergorenen Fisch Surströmming und selbstverständlich Köttbullar. Die Hackfleischbällchen mit Soße sind sozusagen der signature dish von Ikea. Den Münchnern allerdings bleibt als Alternative das herrlich skurrile Café Stockholm beim Hauptbahnhof, in dem der Wirt mittags "schwedisch-veneuolanische Küche" anbietet.

PORTUGAL

Portugiesisches Restaurant "O Castelo" in München, 2013

Das O Castelo in Berg am Laim bietet das klassische Repertoire eines Lokals wie man es in der Mitte Portugals vorfindet.

(Foto: Stephan Rumpf)

Überraschend im Grunde, dass die Portugiesen so wenig kulinarische Vertretungen in der Stadt haben. Angesichts der Liebe der Münchner zur Sonne, zum Süden und zum Meer. Und zugleich zur deftigen, kräftigen Küche, denn auch dafür ist Portugal bekannt. Portugiesische Weine sind von Haus aus gerne mal schwer, und eine der beliebtesten Biermarken des Landes heißt "Superbock", auch wenn das für bayerische Biertrinker reine Prahlerei ist.

Portugiesische Gastronomie: Darunter verstand man in München lange nur Weinbar. Sprich: die Lisboa Bar in Haidhausen, die ansatzweise ein bisschen Portugal-Feeling vermittelt. Ein Hauch von portugiesischem Straßencafé verspricht das Bricelta im Asamhof an der Sendlinger Straße. Bei den Speisen beschränkt man sich dort hauptsächlich auf Tapas, auch aus anderen Ländern.

FRANKREICH

Im L'Adresse 37 widmet man sich dem Pariser Neo-Bistro.

(Foto: Stephan Rumpf)

Mit französischen Restaurants ist München gut bestückt. Anders als bei Italienern, Griechen oder Kroaten liegt das nicht an der Zuwanderung durch sogenannte Gastarbeiter, sondern an der Tradition der gehobenen Küche.

Die bayerischen Königs- und Fürstenhäuser orientierten sich vor allem am Lebensstil der prachtvollen Höfe der Kollegen in Frankreich und Österreich-Ungarn. Und tatsächlich ist die bayerische Küche ein Zwitter aus Paris und Wien, jedenfalls in ihrer anspruchsvolleren Version.

Geblieben sind als bekannteste Beispiele das Böfflamott, wie das französische Bœuf à la mode auf Bairisch heißt, die Roulade und die Bayerische Crème. Und eben Restaurants der ersten Liga, die nach wie vor auf eine solide französische Grundlage setzen, wie etwa das Les Deux im Schäfflerblock an der Maffeistraße, mit einem Stern im Guide Michelin ausgezeichnet. Am stärksten vertreten sind in der Stadt jedoch Lokale mit klassischer Brasserie- und Bistro-Küche.

ÖSTERREICH

Österreichische Küche bietet zum Beispiel das Restaurant Waldfee an der Occamstraße.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wenn man's nicht ganz so eng sieht, dann ist die österreichische Küche in München extrem gut vertreten. Denn jedes bayerische Wirtshaus hat sie auf der Karte. Da muss man gar nicht erst an das Wiener Schnitzel oder an den Tafelspitz denken, denn die Küche der Alpenländer und speziell des Nachbarstaats hatte schon immer großen Einfluss auf die hiesige. Und viele Top-Köche der Stadt sind schließlich Österreicher: Eckart Witzigmann, Hans Haas, Martin Fauster etwa.

Wenn man's allerdings mal eng sehen möchte, dann ist Münchens Restaurantlandschaft nicht gerade reich gesegnet mit Lokalen für Mehlspeisen oder Backhendl mit Vogerlsalat. Für die Beisl-Variante fällt einem das Ö Eins ein, das der gebürtige Steirer Wolfgang Maierhofer in der Herzogstraße eröffnet hat und von dem es mittlerweile eine Dependance im Stemmerhof gibt: solide Wirtshausküche eben. Eine Nummer drüber angesiedelt sind zum Beispiel die Waldfee in Altschwabing und Zum Ferdinand im Bamberger Haus, die beide österreichische Küche in Reinkultur als Ziel ihres Wirkens betrachten.

UNGARN

Paprikahaus am Viktualienmarkt

Beim Paprikahaus, einem Stand auf dem Viktualienmarkt, bekommt man ungarische Spezialitäten wie Gulaschsuppe oder Wollschweinsalami.

(Foto: Florian Peljak)

In einem Bundesland, dessen wichtigste Regierungspartei so innige Beziehungen zu Ungarns oberstem illiberalen Demokraten Viktor Orbán pflegt, hätte man schon ein paar mehr kulinarische Vertretungen erwartet. Tatsächlich aber hätten es die CSU-Oberen schwer, ihren Ehrengast für mehrere Parteitage mit heimischer Kost in der bayerischen Landeshauptstadt zu beglücken. Hier gibt es nämlich keine richtigen ungarischen Restaurants mehr.

Immerhin, auf dem Viktualienmarkt an der Frauenstraße steht das Paprikahaus, in dem man ungarische Spezialitäten bekommt. Dort gibt's, klar: Gulaschsuppe, Langoschfladen, Wollschweinsalami und allerhand andere Leckereien. Aber eigentlich ist das Paprikahaus halt doch ein Marktstand.

KROATIEN

In der Opatija-Filiale am Rindermarkt wird ein Gericht angeboten, das früher "beim Jugoslawen" der Klassiker schlechthin war: die Balkanplatte.

(Foto: Robert Haas)

Früher, ein jeder weiß das, war das Leben einfach. Wenn man Lust auf Grillspieße mit scharfer Soße hatte, ging man "zum Jugo" und bekam all die Schätze aufgetischt, die der Balkan so zu bieten hat. Den "Jugo" als solchen gibt es aber nicht mehr, der immer gern so genannte Vielvölkerstaat hat sich längst aufgelöst, und von den neuen Teilstaaten sind bislang nur Slowenien und Kroatien der Europäischen Union beigetreten.

So richtig klar abgrenzen lässt sich die kroatische Küche von der bosnischen, serbischen, slowenischen und mazedonischen ohnehin nicht. Tatsächlich wurde zum Beispiel das Lokal Cevabdzinica 10 eigentlich von Immigranten aus Bosnien-Herzegowina gegründet - und vor allem durch seine Cevapcici bekannt. Die aber gelten im gesamten früheren Jugoslawien als Nationalspeise, nicht nur in Bosnien.

Insofern ist es schwierig, original kroatische Restaurants in München zu benennen. Selbst das gerade eben neu eröffnete Opatija im Tal gehört nicht etwa einem Kroaten, sondern dem deutschen Wirt Ralf Faltermeier.

GRIECHENLAND

Restaurant "Opson" in München, 2018

Griechische Restaurants wie das Opson im Westend bieten gehobene Küche.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Deutschen verbinden Griechenland mit entspannter mediterraner Lebensweise und einem lohnenden Reiseziel. Die griechischen Lokale, die in den Siebzigerjahren in der Stadt eröffneten, vermittelten denn auch lässige Urlaubsstimmung. Auch wenn die ersten Wirte oft aus sehr ernsten Gründen nach Deutschland gekommen waren, auf der Flucht vor der Verfolgung durch die griechischen Militärjunta beispielsweise. Zu diesen ersten Tavernen zählte etwa das Kyklos in Neuhausen oder das Anti in der Isarvorstadt.

Es folgten, so um die Jahrtausendwende, als neue Variante die "Party-Griechen". Ihre Aufgabe bestand darin, die Grundversorgung mit Doraden vom Grill, Souvlaki, Gyros und Schampus für vorwiegend junge Menschen sicherzustellen. Der "Party-Grieche" ist inzwischen etwas aus der Mode gekommen. Jetzt geht der Trend zur neuen griechischen Küche gehobener Art, wie man sie in München etwa im Ola kala (Schwabing), im Opson (Westend) oder im Apla'funky (Gärtnerplatzviertel) finden kann.

ENGLAND

Im Victorian House gibt es das beliebte englische Frühstück.

(Foto: Catherina Hess)

Als wäre England mit dem Brexit nicht genug geschlagen, hat es nach wie vor noch mit dem Vorurteil zu kämpfen, seine Küche sei ungenießbar. Allenfalls das Frühstück, das "English Breakfast", wäre noch satisfaktionsfähig, behaupten die Verächter der britischen Kost. Womöglich ist deshalb die Münchner Kette The Victorian House so erfolgreich; ihre Karte bietet zwar auch Lunch an, hauptsächlich geht man aber zum Frühstück und Afternoon Tea hin. Neben dem Haupthaus am Viktualienmarkt gibt es Filialen in der Maxvorstadt, am Rotkreuzplatz, in der Alten Pinakothek und in den Fünf Höfen.

Als klassisches englisches Steakhaus geht das Little London im Tal durch, schon wegen seiner Einrichtung im typisch englischen Landhausstil. Hier gibt es die besten Fish and Chips weit und breit sowie einen Tresen, der jedem englischen Pub zur Ehre gereichen würde. Das ist wichtig, denn seit das Winchester Arms in der Maistraße vor etwa 20 Jahren geschlossen hat, gibt es in München nur noch irische Pubs.

RUMÄNIEN

Johann Istrate serviert im "Pschorr-Krug" Krautwickerl nach rumänischer Art.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die großen Zeiten der Balkanküche sind vorbei, und sie waren natürlich mit dem Begriff "Grillteller" verbunden. Der war wichtig in den Siebzigerjahren: Sogar Jahrhundertkoch Eckart Witzigmann verzweifelte anfangs fast im Tantris, weil viele Gäste einfach nur Steaks vom damals dort noch vorhandenen Grill wollten.

Nun war die rumänische Küche schon damals nicht besonders gut vertreten in der Stadt. Über Jahrzehnte hinweg gab es fast nur das Lokal Klein-Bukarest, in Thalkirchen und zuletzt in der Blumenau. Letztes Refugium aller Rumänien-Fans ist jetzt der Pschorr-Krug in Sendling. Die Dekoration umfasst Fotos von Ceaușescus megalomanem Palast in Bukarest ebenso wie kleine Porträts von Vlad, dem Pfähler, dem Vorbild für Graf Dracula.

Die Zahl der rumänischen Spezialitäten auf der Speisekarte ist nicht allzu groß, es gibt die Hackfleischklößchensuppe Ciorbă de perișoare und die Rindskuttelsuppe Ciorbă de burtă, immer mal wieder auch Krautwickel nach rumänischer Art mit viel Knoblauch. Außerdem Mititei, gegrillte Hackfleischröllchen, und recht gehaltvolle, geräucherte Schweinswurst.

SPANIEN

Viele der spanischen Restaurants in München gibt es schon seit 20 oder mehr Jahren. Dort wird nicht nur Paella serviert.

(Foto: Robert Haas)

Die spanische Küche ist enorm vielseitig, obwohl davon bei uns jahrzehntelang nur die Paella so richtig angekommen ist. Angefangen von den Tapas-Bars mit ihren unzähligen kleinen Vorspeisen-Varianten bis hin zu den Avantgarde- und Drei-Sterne-Spitzenküchen Kataloniens und des Baskenlands ist die Bandbreite gewaltig. Erstaunlich viel von Spaniens kulinarischen Richtungen bildet sich auch in den spanischen Lokalen Münchens ab.

Alles begann 1970 mit dem Vereinstreff von spanischen Gastarbeitern, die auch in München zu Hause sein wollten. Sie trafen sich im Centro Español, und nach und nach entwickelte sich daraus Münchens erstes spanisches Spezialitätenrestaurant. Ganz so lange wie das Centro halten die anderen spanischen Lokale noch nicht durch. Auffallend ist dennoch, dass sie fast alle seit 20 und mehr Jahren in der Stadt heimisch sind. In den vergangenen Jahren ist vor allem das Genre der Tapas-Bar in Mode gekommen.

TSCHECHIEN

Im letzten böhmischen Lokal der Stadt gibt es Hausmannskost: Schweineschulter, Sauerkraut und Knödel.

(Foto: Catherina Hess)

Vor gut 50 Jahren gab es am Oberanger ein Lokal, das zu den besten der Stadt gehörte und in das viele Filmstars, Regisseure und Sänger einkehrten. Goldene Stadt hieß es, nach dem Beinamen Prags, und sein Wirt Dusan Hubacek wurde einmal gefragt, warum er sein Lokal im Ausland eröffnet habe. "In der Tschechoslowakei gibt es genug tschechische Restaurants", sagte er, "hier hat man eins dringend gebraucht."

Damals hatte man noch etwas übrig für kräftige, gehaltvolle Saucen und Speisen, nach deren Genuss man wirklich pappsatt war. Mit leichter, mediterraner Küche brauchte man damals keinem zu kommen. Diese Zeiten sind längst vorbei, die Goldene Stadt gibt es nicht mehr. Weil man aber zumindest ein tschechisches Restaurant dringend braucht, haben wir in Neuhausen das Brünner Eck, das optisch etwas von einem Vereinslokal hat.

IRLAND

Würde man das gastronomische Angebot, das München in Sachen Irland zu bieten hat, als allgemeingültig für die grüne Insel ansehen, dann wäre dringend ein finanzstark ausgestattetes EU-Programm für ausgewogene Ernährung einzuleiten. Und vielleicht noch ein weiteres zum Thema musikalische Grundausbildung, Unterfach Gesang. Denn irische Lokale in München: Das bedeutet in erster Linie Pubs, die regelmäßig zu Karaoke-Abenden einladen.

Das Irish Pub Kennedy's am Sendlinger Tor ist eigentlich immer gut gefüllt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das mag jetzt etwas zugespitzt klingen, aber tatsächlich repräsentiert sich die irische Küche in München vorwiegend durch Barfood und Bier sowie Whiskey. Und das bedeutet eben häufig Burger, Pommes, Chicken Wings und dergleichen. Im Grunde wäre das also Irland in München, gastronomisch betrachtet. Wäre da nicht Shane McMahon und sein Lokal Shane's Restaurant in der Geyerstraße. Irische Küche gibt es dort freilich eher nicht - auch wenn er gelegentlich Produkte aus Irland verwendet. Seinen Stil beschreibt er als "europäisch-asiatische Fusionsküche", und auch wenn er nicht irisch kocht, so zeigt er doch, zu was Iren in der Küche alles fähig sind.

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