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Nachhaltigkeit:Wer isst und konsumiert, richtet immer einen Schaden an

Ich weigere mich, dieser Argumentation zu folgen. Indem ich mehr Veggieprodukte esse, esse ich weniger Fleisch. Dagegen, dass Wiesenhof trotzdem mehr Tiere schlachtet, weil jemand anders sie essen will, kann ich wenig machen. Ein anderes Problem mit den Wie-Produkten ist, dass sie meistens aus Soja bestehen. Wer viele Sojaprodukte zu sich nimmt, darf die Augen nicht davor verschließen, dass durch den Anbau Monokulturen entstehen, für die Regenwald gerodet wird. Auch richtig ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass der Großteil des weltweit angebauten Sojas als Futtermittel in der Massentierhaltung verwendet wird.

Ich kaufe also weitgehend ohne schlechtes Gewissen vegane Chorizo und koche Bolognese aus Sojaschnetzeln. Die für mich wichtigere Frage ist: Schmeckt das?

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Konsum Öko? Ego!
Essay zum Bio-Konsum

Öko? Ego!

Weltrettung, das war einmal. Heutzutage versucht man, die globalen Herausforderungen mit Bio-Läden und Gesundheitswahn zu lösen - auf die ganz persönliche Art eben.   Von Patrick Illinger

Es schmeckt ganz okay. Aber sehr ungewohnt. Was für eine große Rolle beim Essen die Gewohnheit spielt, habe ich aber bereits festgestellt, als ich mich nach einem Jahr in den USA auf nichts so sehr freute wie auf kohlensäurehaltiges Mineralwasser, bayerische Brezen und deutsches Vollkornbrot. Das musste sofort nach der Landung auf den Tisch - und es schmeckte mir überhaupt nicht. Meine Geschmacksnerven hatten sich an Leitungswasser, Toast und Rühreier gewöhnt, ich musste mich erst wieder umstellen. Bei Kindern heißt es, dass sie neue Geschmäcker sieben Mal testen müssen, bevor sie wissen, ob sie es mögen oder nicht. Ich glaube, bei Erwachsenen ist es ganz genauso.

Deswegen gebe ich auch dem Pseudofleisch aus Soja und Weizen mehr als eine Chance und mit der Zeit funktioniert es. Inzwischen finde ich, dass Bolognese-Sauce mit Rindfleisch seltsam schmeckt, die mit Sojaschnetzeln finde ich lecker. Die Kinder übrigens auch. Nur als Brotbelag fallen die Veggie-Wurst-Scheiben bei uns durch, auch ein ganzes Schnitzel aus Tofu mögen wir nicht.

Zwei Möglichkeiten: Eine "Ist doch eh alles egal"-Haltung - oder kritischer Konsum

Ich stelle fest: Der Ersatz fällt vor allem bei den Gerichten leicht, bei denen das Fleisch sowieso nicht die Hauptrolle spielt, sondern mit drin ist. Pizza schmeckt auch ohne Schinken und Salami, Lasagne mit Seitanschnetzeln, ein Döner mit Falafel und ein Curry mit Tofu oder gleich nur mit Gemüse. Ein Rehbraten ist allerdings nur aus Reh ein Rehbraten.

Es ist und bleibt also kompliziert, weil es schlicht nicht möglich ist, zu essen und zu konsumieren, ohne irgendeinen Schaden anzurichten. Der Blogger Felix Olschewski hat 2014 eine riesige Kontroverse ausgelöst, weil er darauf hinwies, dass auch durch eine vegetarische Lebensweise Tiere sterben - je nach Berechnung vielleicht sogar mehr als durch eine, bei der abwechselnd alles Mögliche auf dem Teller liegt.

Olschewski argumentiert gegen Massentierhaltung genauso wie gegen konventionelle Pflanzenproduktion. Seiner Meinung nach liegt die Lösung darin, zu akzeptieren, dass beim Essen immer jemand das Nachsehen hat. "Pflücke ich eine Heidelbeere, kann der Vogel sie nicht mehr essen. Pflücke ich einen Salat oder auch nur ein Wildkraut, muss das Kaninchen hungern. Lege ich einen Acker an, zerstöre ich ein Ökosystem und den Lebensraum für andere Tiere. Das von mir bewohnte Haus belegt Fläche, die sonst Lebensraum für andere Tiere wäre."

Auf dieses Dilemma kann man reagieren, indem man sich eine "Ist doch eh alles scheißegal"-Haltung zulegt und so viel Fleisch, Avocado und in Plastik verpacktes Sushi-to-go konsumiert, wie man sich nur leisten kann und das ganze am besten mit einem Kapselkaffee im To-go-Becher hinunterspült. Oder man nimmt es zum Anlass, das eigene Verhalten immer wieder kritisch zu hinterfragen: Muss ich in der Kantine jeden Tag Schnitzel essen? Haben Erdbeeren gerade Saison? Woher kommt die Milch und wie ist sie verpackt?

Klare Regeln für nachhaltigen Konsum gibt es nicht, auch weil jeder das anders definiert. Geht es um Wasserverbrauch, um CO₂-Emissionen, um das Tierwohl oder um Chemikalien in Lebensmitteln? Relativ unumstritten ist, immerhin, dass es ökologisch sinnvoll ist, wenig bis gar kein Fleisch zu essen und sich ansonsten so weit möglich auf regionale und saisonale Produkte zu beschränken.

Ich bin immer noch nicht Veganerin. Ehrlich gesagt nicht mal Vegetarierin. Aber ich versuche, Fleisch selten und bewusst zu essen und nicht mehr aus Gedankenlosigkeit Wurstsemmeln zu mampfen. Avocado, übrigens, esse ich auch selten.