Nachhaltigkeit bei Obst und Gemüse Ich koche Kraut und Rüben

Nachhaltig = saisonal?

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wie weit ist das Gemüse gereist? Welches Obst hat überhaupt Saison? Und ist es bio? Unsere Autorin will auf Nachhaltigkeit achten. Und lernt, dass sie keine Ahnung hat.

Von Barbara Vorsamer

Es ist Frühling. In der Gemüseabteilung gibt es: vier verschiedene Salatsorten, neun verschiedene Tomatenarten. Natürlich Gurken, Paprika. Champignons, diverse Kräuter. Kartoffeln, Karotten, Chicorée, Radicchio und Lauch. Außerdem Zucchini, Auberginen, Fenchel und Spargel. Über zu wenig Auswahl kann man sich nicht beklagen - also gibt es wieder schnelle Pasta mit Tomaten-Zucchini-Sauce? Moment, haben die gerade Saison?

Wer bei Lebensmittel auf Nachhaltigkeit achten will, sollte welche kaufen, die regional, saisonal und bio sind, sagt Yvonne Zwick vom Nachhaltigkeitsrat. Von diesen drei Kriterien ist bio noch am einfachsten umzusetzen, denn entsprechende Lebensmittel sind mit einem Siegel gekennzeichnet. Bei regional wird es schon schwieriger, denn auf den Schildern stehen nur Länderkennungen - Äpfel aus Südtirol haben aber einen kürzeren Weg nach München als solche aus Niedersachsen.

Erdbeeren gibt es auch im Winter, Mango und Avocado immer

Bei saisonal hilft das Etikett gleich gar nicht weiter. Im Supermarkt erfährt der Verbraucher nicht, dass Tomaten und Zucchini gerade keine Saison haben. Das Ende des Frühlings ist, was frische Lebensmittel betrifft, die schlechteste Zeit im Jahr. Die Ernte des vergangenen Herbstes ist längst aufgegessen oder schlecht geworden, die diesjährige hat gerade erst zu blühen angefangen. Doch in den Obst- und Gemüseabteilungen der Supermärkte merkt das niemand. Es gibt alles. Immer.

Sogar zu Weihnachten waren Erdbeeren für 2,50 Euro das Pfund zu haben. Aus Parsdorf bei München, also sogar regional. Doch wer sich hier auf der ökologisch korrekten Seite wähnt, denkt falsch. Die CO₂-Bilanz von Erdbeeren im Winter ist ausnahmslos katastrophal, egal ob sie aus südlichen Ländern kommen oder hierzulande mit Heizstrahlern und Kunstlicht gepäppelt werden.

Der Kunde will es nun mal so, behaupten die Nahrungsmittelhersteller. Doch ist das wirklich wahr? Sina Trinkwalder, Gründerin der regionalen Textilfirma Manomana und Autorin des Buches "Fairarscht", hat sich für das Buch in den Supermarkt gestellt und die, die im Winter Erdbeeren kauften, gefragt, warum. Die Antwort lautet meistens sinngemäß: "Lag da und sah lecker aus."

Wer nachhaltig konsumieren will, sollte den Einkaufswagen nicht vollladen, ohne nachzudenken. Aber wer kennt schon Erntezeiten und Ökobilanzen auswendig und handelt danach, wenn zwischen Feierabend und Ladenschluss schnell der Kühlschrank gefüllt werden muss? Gekauft wird meistens einfach das, was verfügbar ist, gut aussieht und preislich im Rahmen ist.

Tomaten aus dem Treibhaus, aus Spanien - oder aus der Dose?

Manchmal sehne ich mich daher nach früher, dieser ominösen Zeit, in der alles besser war - und Früchte, die keine Saison hatten, einfach nicht zu kriegen, und wenn, dann kaum zu bezahlen waren. Dann müsste ich mir nicht so den Kopf zerbrechen. Die Sehnsucht dauert aber nur kurz. Schrieben wir das Jahr 1916 statt 2016, gäbe es Moment an frischem Obst ausschließlich Rhabarber. Das verrät mir der Saisonkalender, den ich mir an den Kühlschrank gehängt habe, um künftig bio, regional und saisonal einzukaufen.

Im März und April macht so ein Vorhaben mehr Probleme als Freude. Es soll Pasta geben, doch wie komme ich - nachhaltig natürlich - an meine Tomatensauce? Die Uni Gießen hat die CO₂-Bilanz für ein Kilo Tomaten verschiedener Herkunft durchgerechnet und kommt zu folgendem Ergebnis:

Die Unterschiede sind enorm. Das Ideal - Bio-Tomaten aus der Region - ist derzeit nicht zu bekommen. Das nächstbeste wären Freilandtomaten aus Spanien, Produkte aus dem Treibhaus sind der CO₂-Bilanz wegen unbedingt zu vermeiden. Doch das ist schwierig: "Für den Verbraucher ist im Supermarkt nicht klar, welche Produkte aus dem Treibhaus kommen und welche nicht", räumt Yvonne Zwick vom Nachhaltigkeitsrat ein. Man sehe und schmecke es aber. Freilandtomaten seien weicher, weniger gleichmäßig und viel aromatischer.

Die Ware, die da im Moment liegt, sieht mir nicht nach Freiland aus. Ich probiere es also mit anderem Gemüse. Ich überbacke Chicorée und serviere ihn mit Kartoffeln, in die Pastasauce kommt Radicchio. Der hat Saison und kostet daher gerade mal 59 Cent. Das Problem: Das bittere Kraut darf ich alleine essen, meine Kinder überzeugt auch die schöne pinke Farbe nicht. Wollte ich bio, regional, saisonal UND kindgerecht kochen, dürfte ich in der kühlen Jahreshälfte ausschließlich Karotten und Kartoffeln auftischen. Und am allerliebsten essen meine Kinder nun mal: Nudeln mit Tomatensauce.