Nachhaltigkeit im Supermarkt Wie böse ist die Plastikverpackung?

Paprika im Supermarkt: Verpackt oder lose? Bio oder nicht bio? Und hat das Gemüse gerade Saison?

(Foto: Marco Einfeldt)

Plastikfasten ist im Trend, deswegen macht unsere Autorin auch erst mal mit. Dann lernt sie: Nachhaltigkeit bei Lebensmitteln geht anders.

Von Barbara Vorsamer

In einem normalen Supermarkt auf Nachhaltigkeit achten? Sehr kompliziert. Beginnen wir in der Obst- und Gemüseabteilung: Als Kundin habe ich die Wahl zwischen der eingeschweißten Bio-Gurke und der losen Gurke aus konventioneller Landwirtschaft, genauso sieht es bei Äpfeln, Kartoffeln und Salat aus. Entweder unverpackt. Oder bio. Vor dem Kühlregal muss ich mich zwischen Bio-Milch im Tetrapack, Milch aus der Region (ebenfalls im Tetrapack) oder herkömmlicher Milch in der Mehrwegflasche entscheiden.

Bei den meisten anderen Lebensmitteln gibt es nicht einmal eine Mehrweg- oder gar eine unverpackte Variante, sondern nur die Wahl zwischen Pest und Cholera: Tomatensauce gibt es im Tetrapack, in der Dose oder in der Einweg-Glasflasche. Nudeln entweder im Plastikbeutel oder in der Pappschachtel, die ein Sichtfenster aus Kunststoff hat. Auf die Spitze getrieben wird das Verpackungsthema im Knabberregal. Da gibt es einzeln eingewickelte Schokoladenstückchen in einer Plastikschachtel, Chips in Aluplastikrollen und kleine Gummibärchentüten in einer großen Gummibärchentüte.

Den Laden zu verlassen, ohne eine große Tüte Müll gekauft zu haben, ist quasi unmöglich. Kein Wunder, dass jeder Deutsche 212,5 Kilogramm Verpackungsmüll im Jahr produziert. Dem Bundesumweltministerium zufolge entfallen zwei Drittel davon auf Verpackungen für Getränke und Nahrungsmittel. Wo und welche Lebensmittel ich kaufe, erscheint mir daher als der größte Hebel, um meine Müllmenge zu reduzieren. Die Plastiktüte habe ich schon ersatzlos gestrichen - aber das hat nur ein Minus von 0,17 Prozent bewirkt. Da geht noch mehr.

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Warum sollte ich Plastik vermeiden?

Plastik ist böse. Sehr, sehr böse. Kann man derzeit überall nachlesen, zum Beispiel hier, hier und hier. Weil Fastenzeit ist, haben Umweltzentren und Radiosender zum Plastikfasten aufgerufen und viele Menschen machen mit. Die Fakten zum Kunststoff sind ja auch gruselig: Mit dem bisher produzierten Kunststoff könnte die Erde sechsmal komplett eingewickelt werden. 311 Millionen Tonnen Plastik werden jedes Jahr gefertigt. Acht Millionen Tonnen davon gelangen dann ins Meer, wo die Kunststoffpartikel den Fischen und Kleinstlebewesen den Garaus machen und das ökologische Gleichgewicht zerstören.

Plastik vermeiden - so geht es

Ich faste also Plastik und an manchen Stellen ist das so simpel, dass ich mich frage, warum ich es je anders gemacht habe. Statt zugeschweißte Plastikschachteln aus dem Kühlregal zu nehmen, kaufe ich Fleisch frisch beim Metzger. Käse und Wurst gibt es im Supermarkt an der Frischtheke. Mit meiner mitgebrachten Tupperdose bin ich unterschiedlich erfolgreich. Manche weigern sich aus hygienischen Gründen, die Ware hineinzulegen. Andere tun es, umwickeln die Produkte aber vorher mit einer Plastikfolie. Die mitgebrachte Dose spart also nur eine Papiertüte. Ich finde, das lohnt sich nicht, und lasse sie wieder zu Hause.

Weiter geht es mit den Milchprodukten. Milch, Joghurt und Sahne gibt es in Mehrwegflaschen bzw. -gläsern, das ist leicht. Bei Sauerrahm, Quark und Ähnlichem habe ich die Wahl zwischen reinem Plastik und einem dünneren Plastikbecher, der mit Papier ummantelt ist. "Solche Materialmischungen sind nur sinnvoll, wenn Sie so diszipliniert sind, alles auseinanderzunehmen, und die Einzelteile in die richtige Tonne geben", sagt Günter Dehoust, Verpackungsexperte vom Öko-Institut in Berlin. Wer weiß, dass er dafür zu bequem ist, sollte gleich zu Plastik greifen. "Das kann dann wenigstens komplett recycelt werden", sagt Dehoust.

Bio, regional, saisonal oder unverpackt?

Schwierig ist es bei Obst und Gemüse. Das meiste gibt es zwar auch lose - doch ausgerechnet die regionale Bio-Ware, die ich aus Gründen der Nachhaltigkeit eigentlich kaufen will, ist in Plastik verpackt. Das hat damit zu tun, dass Läden, die beides verkaufen (bio und konventionell), dafür Sorge tragen müssen, dass sich die Produkte nicht vermischen. Sie dürfen nicht in denselben Kisten liegen, müssen unterschiedlich aussehen. Diese Vorgabe lösen viele Händler durch Verpackung. Ein weiterer Punkt ist die Hygiene und dass die Kunden es angeblich so wollen. "Eine aufwändigere Verpackung suggeriert höhere Qualität", sagt Yvonne Zwick vom Rat für nachhaltige Entwicklung. Kunden, die für Bio-Produkte tiefer in die Tasche greifen, wollen das Gefühl, etwas besonders Hochwertiges zu kaufen.

Eine Lösung für dieses Dilemma ist der Einkauf auf Wochenmärkten, im Bio-Supermarkt oder - hat in München gerade neu eröffnet - im Ohne-Laden. Gelegentlich mache ich das. Eine Dauerlösung für den Alltag ist es nicht.

Wo plastikfrei gar nicht sinnvoll ist

Weiter also zur Tomatensauce. Zu einem Urteil über die nachhaltigste Verpackung will sich Günter Dehoust vom Öko-Institut zunächst nicht durchringen. "Am besten kaufen Sie frische Tomaten und kochen die Sauce selbst", sagt er. Doch das ist im Alltag unrealistisch. Außerdem hat das Gemüse gerade keine Saison - ich will Tomaten, die ich nur noch warm machen, würzen und über die Nudeln kippen muss. Überraschenderweise rät mir Dehoust nun ausgerechnet von der Sauce im Glas ab. Der Energieverbrauch beim Transport und bei der Wiederverwertung sei bei Kunststoffen geringer. Tetrapack und Dose seien hinsichtlich der Ökobilanz ungefähr gleich gut. Plastik ist also manchmal besser als kein Plastik? Nun bin ich verwirrt.

Doch Yvonne Zwick vom Nachhaltigkeitsrat gibt mir denselben Tipp. "Plastikfolien zu zählen, hat viel weniger Einfluss auf Ihre Ökobilanz als beispielsweise den Fleischkonsum zu reduzieren" sagt sie. Doch was ist dann mit dem Plastik im Meer und den Fischen, die daran zugrunde gehen? Hier beruhigen mich alle Experten. Wenn ich meine Verpackungen dem richtigen Recyclingsystem zuführe, stirbt kein Tier daran. Der Müll wird entweder wiederverwertet oder verbrannt.

Ich beschließe also, dass eine Nulldiät beim Plastikfasten nicht machbar und nicht sinnvoll ist und bin damit zufrieden, dass sich unser Verpackungsmüll durch ein paar kleine Änderungen um zwei Drittel reduziert hat. Mein großes Ziel ist schließlich nachhaltiger Konsum. Das ist oft dasselbe wie verpackungsfrei - aber nicht immer.

Beim Thema Lebensmittel sind dem Rat für nachhaltige Entwicklung zufolge diese drei Punkte wichtiger: Ist das Produkt bio, regional und saisonal? Was es zu essen gibt, wenn man sich daran hält, beschreibe ich beim nächsten Mal.

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