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900 Statistenrollen:Der Mann nebendran

Klaus Kinski, der sich locker an Wolfgang Maier anlehnt.

Ein Leben als Fotoalbum mit Schnappschüssen von sich mit den Stars: Etwa mit Klaus Kinski, der sich locker an Wolfgang Maier anlehnt.

(Foto: Privat)

Wolfgang Maier ist einer der bekanntesten Deutschen. Wer bitte? Wolfgang Maier, 64. Fast jeder hat ihn schon einmal gesehen, ohne es zu merken. Denn Wolfgang Maier ist Kleindarsteller. Über ein Leben am Rande des Scheinwerferkegels.

Von Hannes Vollmuth

Vor ein paar Monaten wollte er Fußball schauen, drückte durch die Programme, kam bis zum Bayerischen Fernsehen. Da entdeckte er, dass ein Film mit ihm kam. In "Pfandlbräu" läuft er kurz durchs Bild. Er verpasste den Fußball, er sah sich lieber selbst an.

Wolfgang Maier, 64, ist der Bekannteste unter den Unbekannten. Er war in 900 Komparsenrollen zu sehen, in Film und Fernsehen. Er ist der König der Statisten. Und der König der Promi-Bilder. Seit Jahrzehnten führt Wolfgang Maier kein Leben mehr im klassischen Sinne. Er führt ein Fotoalbum mit Schnappschüssen von sich mit den Stars: Maier und Bud Spencer. Maier und Maria Furtwängler. Maier und Klaus Kinski, der seinen Arm um ihn legt. Maier und Ai Weiwei.

Sein Tag sieht so aus: aufstehen, so gegen zehn, sich anziehen, eine Streichwurstsemmel essen, dazu zwei Tassen Filterkaffee. Dann die zwei Filme nehmen, die seine Frau ihm hingelegt hat, Kodak Ultramax, 200 ISO Lichtempfindlichkeit, 48 Bilder. Dann fährt er in die Münchner Innenstadt, zum roten Teppich, wenn es einen gibt. Oder zu einem anderen Prominenten-Hotspot. Zu seiner Arbeit, wie er sagt.

Er steht jetzt am Bayerischen Hof, dem besten Hotel der Stadt. Es ist Mittwochabend, 18.30 Uhr. Keine Promis da. Er stellt sich vor: "Wolfgang Maier, professioneller Kleindarsteller, angenehm." Er sagt, dass die Schauspieler zu ihm sagen würden: Wolfgang, du bist einer von uns.

Maier trägt graues, schütteres Haar, Hemd und ein blaues Sakko, das ihm zu groß ist und ihn schwitzen lässt. Er stellt sich in eine geschützte Ecke, wischt sich den Schweiß von der Stirn. Er würde gerne von sich erzählen, von seinen Bildern und Rollen, dem Scheinwerferlicht, hat aber gerade keine Zeit. Er lauert. Scannt die Menge. Hat Angst, jemanden zu verpassen. Kommt da nicht der Heino Ferch? Obwohl, den hat er schon.

Er zeigt seine Bilder, wie Kinder ihre Panini-Alben

An seiner linken Schulter hängt sein Brotzeitbeutel, Schnitzelsemmel und Fitness-Molke. An der rechten Schulter hängt seine Umhängetasche, eine Auswahl seiner Sammlung ist darin, hinter Klarsichtfolie, und ein analoger Fotoapparat. Früher oder später zeigt er seine Bilder, wie Kinder ihre Panini-Alben. Wie viele Bilder mit Prominenten er schon gemacht hat, kann er nicht sagen. Er weiß nur, dass es inzwischen 528 Alben sind.

Zuerst war er Statist. Dann hat er angefangen, sich mit Schauspielern zu fotografieren. Jetzt fotografiert er sich mit ihnen, auch wenn er kein Statist mehr ist. Er sagt: "Ich bin wie ein Phantom, ich tauche auf, dann bin ich wieder weg." In der Szene der Autogrammjäger wird er nur "der Schatten" genannt.

Wolfgang Maier wird am 27. Juli 1952 in München geboren. Seine Eltern lernt er nie kennen, bis heute hat er nicht eine einzige Information über mögliche Angehörige. Nach der Geburt kommt er ins Kinderheim, erst in München, dann in Oberammergau, dann wieder zurück in die Stadt, ins Münchner Kindlheim in der Hochstraße.

Er darf nach dem Öl von Joachim Fuchsberger und Senta Berger schauen

24 Kinder in einem Saal. Schlafen, Essen, Hausaufgaben machen. Einmal fällt dem Jungen eine Vase um und die Betreuerin schlägt zu. Läuft es besser, fliegen nur Putzlumpen, erzählt er. Manchmal hat der Junge eine Frage, aber dann ist niemand da oder sie sagen: Morgen wieder, jetzt haben wir Feierabend. Er ist zwölf Jahre alt, da hat er schon 15 Mal versucht abzuhauen.

Was dem Jungen bleibt, ist der Fußball mit seinen Stars. Er sammelt Ausschnitte, ganze Ordner voll. Und er liebt Poster, nicht nur von Fußballern. Den Starschnitt von Winnetou hat er komplett.

Mit 15 beginnt er eine Ausbildung in einer Tankstelle an der Grünwalder Straße, am Tiroler Platz. Er ist zwar nicht der geborene Kfz-Mechaniker, aber in der Nähe der Tankstelle sind die Trainingsplätze des FC Bayern und von 1860 München.

Die Tankstelle liegt auch günstig, wenn die Stars aus Grünwald mit dem Auto in die Münchner Innenstadt fahren. Joachim Fuchsberger und Senta Berger stoppen häufiger, Wolfgang Maier darf nach dem Öl schauen.

Frühling 1974. Maier auf dem Weg nach Nürnberg, Autobahn. Einer übersieht ihn, als wäre er tatsächlich unsichtbar. Er wacht im Krankenhaus auf, Oberschenkelhalsbruch, die Schulter hängt. Die Ärzte operieren vier Mal.

Er läuft zufällig an einem Filmset vorbei, zufällig fehlt ein Statist - so beginnt die Karriere

Einmal kommt ihn eine Freundin besuchen, heimlich, spricht von ihrem Vater und dass er gegen ein Techtelmechtel mit einem Vollwaisen ist. Ansonsten kommt niemand. "Wer hat mich schon vermisst?", fragt Wolfgang Maier in einer windgeschützten Ecke am Bayerischen Hof.

Im Sommer nach dem Unfall geht er tagelang durch München. Hinter ihm liegt eine Kindheit im Waisenhaus, etwas Unbestimmtes liegt vor ihm. Wolfgang Maier sieht die Menschen, aber niemand sieht Wolfgang Maier.

Irgendwann kommt er am Hofbräuhaus vorbei. Scheinwerfer, Kabelstränge, Kameras, ein Filmset. Maier bleibt stehen. Drei Meter Abstand. Der Aufnahmeleiter kommt auf ihn zu, fragt: Ob er einen Polizisten spiele wolle? Jemand sei ausgefallen. So fängt es an. Bei der fünften Rolle, Bavaria, Dreharbeiten für "Der Kommissar", wagt er es, ein Bild zu knipsen, das erste. So fängt es richtig an.

Im Schrank: Alben. Im Regal: Alben. Auf dem Schreibtisch: elf ausgedrückte Uhu-Tuben

Das Bild zeigt einen jungen Mann mit dunklen Haaren, Anzug und Krawatte, der neben dem Film- und Fernsehkommissar Erik Ode steht. Erik Ode hält in den Hände eine gepackte Tasche und einen Autoschlüssel. Wolfgang Maier hat leicht die Schulter eingedreht, wie gelenkt von magnetischer Kraft.

Heute lebt Wolfgang Maier mit seiner Frau am Rande von München, in Fürstenried-West, in einem Plattenbau im ersten Stock. Er bittet herein, öffnet im dunklen Gang sofort die Schränke: Alben. Geht vorbei an den Engelsfiguren seiner Frau, einer Pfarrsekretärin, steuert in die Küche, öffnet wieder Schränke: Alben.

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Maria Furtwängler hat er schon, aber Angelina Jolie, die fehlt ihm zum Beispiel noch.

(Foto: privat)

Vor sieben Jahren ist seine jüngste Tochter ausgezogen, er benutzt seitdem ihr Zimmer. In den Regalen: Alben. 528 Stück, voller Bilder und Zeitungsausschnitte. Er nennt es seine Lebensleistung und sagt, dass er niemandem etwas beweisen muss.

Auf einem Kinderschreibtisch liegen elf ausgedrückte Uhu-Tuben. Auf dem Boden alte Zeitungen und Magazine, Mappen mit Bildern, ein Schneidegerät. Er muss gerade wieder bis drei Uhr nachts Bilder nacharbeiten, "aber das Gröbste ist vorbei." Er zieht einen Ordner aus dem Schrank, Pergaminseiten knistern. Er erzählt sein Leben nicht, er zeigt es her.

Maier und Arnold Schwarzenegger. Maier und Diane Keaton. Maier und Rainer Werner Fassbinder. Maier und Gérard Depardieu. Maier auf Werbeblättern für Baumärkte, Maier 1984 als Lakai in der Quizsendung "Bayern-Kini" im Bayerischen Fernsehen, Maier als Statist bei "Derrick". Ein Regisseur sagte ihm mal: Sie haben ein richtiges Krimigesicht.

Auf seinen Fotos steht er immer ganz nah bei "seinen Begegnungen"

Zwischendurch fragt er manchmal: "Und, was macht das für einen Eindruck auf Sie?" Sagt man etwas Nettes, lächelt Maier glücklich und holt neue Alben. Maier als Bursche auf dem Titelbild des Groschenromans "Heimatglocken - Wenn die Liebe erwacht". Maier und Wim Wenders. Maier und Bruno Ganz.

Immer steht Maier auf seinen Fotos ganz nah bei den Leuten, die er "meine Begegnungen" nennt. Er hat sich schon weiter weg gestellt und abgedrückt, aber das Gefühl war nicht das gleiche. Er redet von seinen Fotos fast wie von Heiligenbildern. Er verehrt sie, sie spenden ihm Kraft.

Anfang der Achtzigerjahre meldet sich nach einem Auftritt die Komparsen-Agentur bei ihm. Es gebe Beschwerden. Ob er das mit dem Bildermachen am Filmset nicht bleiben lassen könne? "Ich kann's versuchen, aber ich kann's nicht versprechen", sagt er.

Alte Bekannte sagen ihm, wo Prominente sind

Inzwischen ist seine letzte Statistenrolle zwei Jahre her. Aber Maier hört nicht auf. Er fährt in die Stadt, jeden Tag. Trägt Sakko und Hemd, Umhängetasche und Fotoapparat. Auch ein, zwei Alben hat er immer dabei. Seine Tour: Sendlinger Tor, Viktualienmarkt, Marienplatz, Bayerischer Hof, Odeonsplatz, Hofbräuhaus und wieder zurück.

Er trifft oft alte Bekannte, ehemalige Beleuchter der Bavaria-Filmstudios, Ex-Fußballer von Bayern München. Sie sagen ihm, wo Prominente sind. Gestern hat er im Hof der Residenz einen "Tatort"-Dreh erwischt. Vor ein paar Wochen traf er Theo Waigel im Donisl. Und Philipp Lahm stand vor einiger Zeit einfach so vor dem Bayerischen Hof.

Maiers Strategie ist, da und doch nicht da zu sein. Er stellt sich zwei, drei Meter weg, um den Zeitpunkt zu erkennen, wann er angreifen kann. Wie man schauen muss? "Ganz normal", sagt Maier, "als wäre man gerade zufällig vorbeigekommen."

Es gibt auch psychologische Erklärungen für Maiers Leben. Der Mensch sammelt gerne, er will besitzen, die Angst vor dem Mangel könnte eines seiner Motive sein, der Wunsch nach einer privaten Systematik in einer unübersichtlichen Welt. Auch die Sehnsucht nach Nähe spielt eine Rolle, und wenn sie nur für Sekunden ist.

Promis, die er nicht kennt, fotografiert Maier trotzdem. Einer ist ihm mal entgangen, der war noch unbekannt, und Maier ließ seinen Fotoapparat in der Tasche. Ein Jahr später sprachen alle von Hugh Grant.

Aufhören? Er hat sie noch längst nicht alle, Tom Hanks fehlt oder der Papst

Maier hat es am liebsten, wenn Stars demütig sind. Wie der Dustin Hoffman. Oder der Mario Adorf. "Ein zurückhaltender Mensch", sagt Maier im Kinderzimmer in Fürstenried-West, "der bläst sich nicht auf." Wer nur den Glamour sucht, den kann er nicht leiden, Maier sagt "Glamur", mit langem u. Er bewundert die Stars für ihren steinigen Weg ins Scheinwerferlicht.

Seine Arbeit hört nie auf. Es kommen ja immer neue Schauspieler nach. Also läuft er weiter durch die Stadt und klebt nachts sein Archiv zusammen. Wolfgang Maier sagt: "Jetzt steht die Basis, des bisserl nehm ich auch noch mit." Auf wen er noch wartet? Maier überlegt. Auf Tom Hanks. Angelina Jolie. Den Papst.

Vor neun Jahren hatte er eine Ausstellung im Münchner Filmmuseum. Er, der Mann im Hintergrund. Der Saal war voller Menschen, sie wollten seine Sammlung sehen: Maier und Klaus Kinski. Maier und Bud Spencer. Maier und Maria Furtwängler. Er betrachtete die Menschen, die Wände, dann holte er seinen Apparat und fotografierte jedes einzelne Bild.

© SZ vom 24.12.2016/pak

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