Schulen in Bayern Wenn Umkleiden als Klassenzimmer herhalten müssen

Das Rupprecht-Gymnasium in Neuhausen wird 2019 erweitert.

(Foto: oh)

Die Politik verspricht im Landtagswahlkampf neue Lehrerstellen, aber löst das die Probleme der Schulen? Hier kämpft man mit Raumnot, dem Ganztag und der Inklusion.

Von Isabel Bernstein

Es gibt diese Momente, in denen sich Schulleiter überhaupt nicht chefig fühlen, sondern als Hausierer, als Bittsteller. Robert Grahl hat diesen Moment Anfang des Schuljahres erlebt. Der Stundenplan war längst gemacht, da fiel ihm von jetzt auf gleich ein Lehrer weg. Der Direktor des Rupprecht-Gymnasiums im Münchner Stadtteil Neuhausen versuchte, noch kurzfristig Ersatz beim Kultusministerium zu bekommen - ohne Erfolg. Blieb noch eine letzte Möglichkeit: eine Telefonliste mit jungen Lehrern, für die sich beim Freistaat keine Stelle gefunden hatte. Und so telefonierte Grahl mit der Liste in der Hand Nummer für Nummer ab in der Hoffnung, noch eine Lehrkraft für das kommende Schuljahr zu bekommen. Die meisten Kandidaten aber waren inzwischen schon anderweitig untergekommen.

Der Fall von Anfang des Schuljahres ist extrem, aber dass er kurzfristig Vetretungsstunden hin- und herschieben muss, daran ist Robert Grahl gewöhnt. Nicht immer gelingt das. Der Lehrermangel ist für Grahl kein abstraktes Problem, sondern Alltag. Anderswo ist Mathematik das Problemfach, am Rupprecht-Gymnasium sind es Physik, Informatik und Kunst. Momentan sind alle Stunden besetzt, aber Grahl weiß: Es wird zu Unterrichtsausfällen kommen, und das schon bald. "Die meisten 'Ausfälle' produzieren wir selbst", sagt er. Jedes Jahr werden zahlreiche Klassenfahrten unternommen, ins schuleigene Landheim nach Holzhausen in der fünften, sechsten, achten und neunten Klasse, es gibt das Skilager in der siebten Stufe, den Schüleraustausch, Chorfahrten, Studienfahrten... Bei fünf Klassen pro Jahrgangsstufe kommen da schnell ganze Wochen zusammen, in denen Lehrer ersetzt werden müssen, die es mit ihrer Fächerkombination an der Schule vielleicht gar nicht so häufig gibt.

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Das Thema Unterrichtsausfall spielt auch im bayerischen Wahlkampf eine Rolle. Die CSU etwa verspricht im Wahlkampf neue Stellen, die SPD ebenso und sie fordert außerdem eine maximale Klassengröße von 25 Schülern, die Grünen bringen eine 110-prozentige Unterrichtsversorgung ins Spiel. Dadurch sollen Krankheiten, Schwangerschaften und Fortbildungen aufgefangen werden. Und nicht zuletzt die vielen Pensionierungen in den kommenden Jahren.

Die Bildungspolitik ist eines der Felder, auf denen die Bundesländer noch am meisten gestalten können - und kann deshalb auch wahlentscheidend sein. In Nordrhein-Westfalen haben die Wähler die rot-grüne Regierung bei der Landtagswahl im vergangenen Jahr nicht zuletzt wegen ihrer Schulpolitik abgestraft. Und in Bayern?

Die CSU rühmt sich dafür, dass die Standards die höchsten in ganz Deutschland seien, dass es hier die besten Lehrer gebe, dass der Freistaat von allen Bundesländern am meisten Geld für die Bildung ausgebe. Die Opposition kritisiert den Schlingerkurs beim achtstufigen Gymnasium, die schlechtere Bezahlung von Grund- und Mittelschullehrern, das kaum durchlässige Schulsystem, die schlechte und nicht zeitgemäße Ausstattung - und eben den Lehrermangel. Der betrifft besonders die Grund- und Mittelschulen, die zunehmend auf Zweitqualifizierte setzen müssen, auf Lehrer also, die eigentlich für die Realschule oder das Gymnasium studiert haben und jetzt umgeschult werden. Sie machen das, weil sie an Realschulen und Gymnasien nicht genommen werden - weil hier paradoxerweise in vielen Fächern ein Überfluss herrscht.

Robert Grahl wünscht sich etwas mehr Freiheiten beim Einteilen seiner Lehrkräfte.

(Foto: Isabel Bernstein)

Forderungen nach mehr Lehrern können einen Schulleiter nur freuen, oder? Natürlich würde das helfen, sagt Robert Grahl, aber das, was er sich wünscht, trifft es auch nicht. Ob die zusätzlichen Lehrer eine Entlastung wären, würde stark von den Fächerkombinationen abhängen. Er brauche nicht unbedingt Lehrkräfte, die das ganze Jahr über an der Schule sind, den regulären Unterricht habe er ja besetzt. Ihm würde helfen, mehr Rückstellungen bilden zu können. Das heißt, dass er eine Lehrkraft nicht voll einplanen muss, sondern sich drei, vier Stunden für spontane Vertretungen aufsparen darf. Bisher darf Grahl für die gesamte Schule mit ihren 104 Lehrkräften und 44 Referendaren nur 27 Stunden pro Woche zurückhalten.

Neben dem Lehrermangel hat das Rupprecht-Gymnasium noch mit einem weiteren Notstand zu kämpfen: Seit Jahren hat die Schule infolge des starken Zuzugs mit massiver Raumnot zu kämpfen. Eigentlich ist sie für vier Klassen pro Jahrgang gebaut, inzwischen sind es fünf. Der Platzmangel ist derart eklatant, dass schon Umkleidekabinen zu Unterrichtsräumen umgebaut wurden. Die Oberstufe ist in Container ausgelagert, und die Zimmer über der Mensa, die eigentlich für die Ganztagsbetreuung vorgesehen waren, sind ebenfalls zu Klassenzimmern umfunktioniert.

Die Raumnot lähmt einige Bereiche

Viele Schulen in München haben ähnliche Probleme. Für die Gebäude und damit auch den Ausbau sind die Kommunen verantwortlich, nicht der Freistaat. In München hat die Stadt Erweiterungen und Generalsanierungen jahrelang aus Geldgründen verschoben und wurde dann vom Wachstum überrannt, das stärker war als prognostiziert. Mit ihren Platzproblemen steht die Landeshauptstadt im krassen Kontrast zu vielen ländlichen Regionen, die darum kämpfen, ihre Schulen nicht schließen zu müssen. Hier konkurrieren Realschulen und Gymnasium um Schüler, häufig werden jahrgangskombinierte Klassen eingeführt. Die Freien Wähler fordern deshalb unter anderem eine Bestandsgarantie für alle Schulstandorte.

Die Raumnot lähmt am Rupprecht-Gymnasium einige Bereiche, zum Beispiel die Inklusion. Grahl würde gerne Klassen mit Inklusionskindern kleiner machen, doch es gibt jedes Jahr so viele Anmeldungen, dass das Gymnasium gezwungen ist, die Klassen voll zu machen. Voll bedeutet: 30 bis 31 Kinder, und das bei nur einer Lehrkraft. Grahl sieht auf der anderen Seite die Nöte der Eltern, sieht die Kinder, die quer durch die Stadt zum Unterricht fahren müssten, wenn er sie abweisen würde. Nein, sagt er: "Wenn man selber Kinder in dem Alter gehabt hat, dann will man das den Kleinen nicht antun."

Auch der offene Ganztag läuft noch nicht so, wie es sich der Direktor wünschen würde. Er möchte, dass sich die Jugendlichen auch am Nachmittag gerne in der Schule aufhalten, das heißt für ihn: Sie sollen auch mal eine Möglichkeit haben, sich in eine Leseecke zurückzuziehen oder, wie daheim, mal auf einer Couch oder Matratze zu fläzen. Das geht aber nicht, solange die Räume der Ganztagsbetreuung für den Unterricht genutzt werden.

Von kommendem Jahr an wird das Rupprecht-Gymnasium erweitert. Die Schule wird insgesamt sechs Klassen pro Stufe aufnehmen können, mehr als 1600 Jugendliche werden es dann sein. Bisher sind es 1150. Robert Grahl hofft, dass er dann wieder Entscheidungen aus pädagogischen Überlegungen heraus treffen kann. Zwei Lehrkräfte, die den kurzfristig ausgefallenen Lehrer ersetzen, hat er nach langem Telefonieren übrigens noch gefunden.

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